12. Türchen: Nie wieder Weihnachtsmann

Im Jahr vorm Schulanfang meines Sohnes ließ ich mich überreden, in dessen Kindergarten den Weihnachtsmann zu mimen. Kein Problem: Bart weiß eingefärbt, Mantel und Stiefel angezogen und den Instruktionen der Erzieherinnen gelauscht.

„Und ganz zum Schluß, dann drohst Du dem Kevin an, daß er in den Sack muß. Und weil er eben kein liebes Kind war, mußt Du ihn leider mitnehmen. Es sei denn, er verspricht Besserung.”

Frisch ging ich ans Werk, polterte zu den Kindern hinein und begann mit dem Austeilen der Geschenke. Natürlich nicht, ohne vorher ein von ihnen gemeinsam gesungenes Lied zu verlangen (das ging einfach schneller).

Und als nur noch Kevin blieb, sprach der Weihnachtsmann mit tiefer, grollender Stimme: „Für Dich, Kevin, hab ich kein Geschenk. Du warst das ganze Jahr so bös zu den Kindern, Dich nehm ich heute mit.“

Niemand konnte so schnell reagieren, wie dieser Knilch selbst in den Sack stieg, den hochzog und von innen heraus rief: „Ich wollt sowieso mit! Ich will zum Weihnachtsmann!”

Der war nicht mehr aus dem Sack zu bekommen! Echt! Plan B mußte her!

Ich schulterte also Sack mit Knilch, trug ihn hinaus in einen dunklen Nebenraum. Dort ließ ich den Sack zurück, weil ich ja schnell weitermußte und mein Weihnachtsmann-Kollege ihn abends auf dem Heimweg zum Nordpol abholen würde.

Auch die Erzieherinnen wußten keinen anderen Rat. Die Tür wurde zugemacht, ich zog mich wieder um und ging wirklich ratlos heim. Weihnachtsmann war ich seitdem nie wieder.

Später erfuhr ich, daß Kevin gebettelt habe, aus dem dunklen Raum herauszukommen, und den Rest des Tages sehr friedlich war.

Danke für’s Lesen – und habt eine besinnliche Zeit.

Der Emil

Advertisements

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
Dieser Beitrag wurde unter Adventskalender 2010, Erlebtes abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu 12. Türchen: Nie wieder Weihnachtsmann

  1. Gisi schreibt:

    Oh Emil, ich muss grad so lachen,
    so kann es gehen!
    Möchtest du nun wirklich nie mehr Weihnachtsmann
    spielen?
    Und glaubst du der Kevin war auch Tage später noch lieb,
    ich bezweifle es, Weihnachten ist ja zum Glück
    nur einmal im Jahr.
    Ich spreche aus Erfahrung, weil ich auch nur
    oder vielleicht gerade an Weihnachten besonders lieb war. :)))

    Gefällt mir

  2. twixraider schreibt:

    Hier irrt der Weinachtsfachmann, denn für die Bestrafung ist eigentlich der Krampus zuständig, welcher im Laufe der Geschichte St. Nikolaus zur Seite gestellt wurde. Das neuzeitliche Ritual basiert also auf dem monotheistisch-dualistischen Prinzip „Guter Bulle, böser Bulle“. Im Zuge der Rationalisierung (wieso eigentlich „ratio“, wenn es meistens Blödsinn ist?) wurde der Krampus arbeitslos und St. Nikolaus musste seine Aufgabe übernehmen, welche dem ursprünglichen Charakter des Bischofs von Myra komplett widerspricht. Der Weihnachtsmann ist ergo eine paradoxe Perversion, eine alternative Realität wird in dem finnischen Film „Rare Exports“ gezeichnet:

    Gefällt mir

  3. Mieze schreibt:

    Ich kenne den Betrafer unter dem Namen: Knecht Ruprecht.
    Aber letztens habe ich Weihnachtsbilder angeschaut und da kamen dann die Erinnerungen hoch: Vom Weihnachtsmann und dessen Reisigrute. Ja, der Weihnachtsmann fragte auch immer, ob wir brav gewesen seien. In dem Moment waren wir sämtlicher Schulden nicht bewusst…
    Bei Deiner Geschichte muss ich ein bisschen wehmütig lächeln und mir stellt sich dazu die Frage: Haben die Eltern Dich und die Erzieherinnen nicht angezeigt? Ich glaube, dass so ein Verhalten heutzutage nicht mehr möglich ist > Freiheitsberaubung, nicht wieder gut zu machender seelischer Schaden etc…

    Es grüßt
    Mieze

    Gefällt mir

    • twixraider schreibt:

      Die Namen des Bestrafers sind Legion und sooo alt ist der Emil auch wieder nicht, auch in heutigen Kindergärten sind zuweilen noch reichlich grenzwertige Erziehungsmassnahmen anzutreffen. Was mich allerdings wundert, ist dass die Erzieherinnen den Mist ausgeknobelt haben. In der Regel ist das typisch für die der Hackordnung gemäss einem älteren Semester angehörige Leitung, welche generationsbedingt die pädagogische Kompetenz eines U.S. Marine besitzt. Die Erzieherinnen dürfen es dann ausbaden, besonders in katholischen Einrichtungen…

      Gefällt mir

      • der_emil schreibt:

        Öhm – das war 1994. Das Dorf war immer in fester Hand der Erzgebirger – Wessis, die auf Ideen wie Klagen o.ä. hätten kommen können, wurden nie geduldet ;-) Nein ernsthaft, an der Dorfkultur hatte sich noch nicht viel geändert …

        Gefällt mir

      • Mieze schreibt:

        Och, mich wundert das nicht, dass gerade die Erzieherinnen sich das ausgedacht haben. Wenn der Junge wirklich so ein Satansbraten gewesen ist, dann haben die bestimmt die Zeit, die er in der Kammer war, sehr entspannt mit den anderen Kleenen genossen/verbracht.

        Gefällt mir

  4. nextkabinett schreibt:

    Hihi, gestern war der Rechner aus, deshalb erst heute gelesen. Ich habe mich sehr amüsiert. Mein erster Gedanke allerdings war, warum hast Du das unwidersprochen mitgemacht, was die Erzieherinnen Dir einsouffliert haben?

    Na ja, der Reaktion Kevins nach zu schließen, muss er es wirklich faustdick hinter den Ohren gehabt haben. Erinnert mich ein wenig an Michel aus Löneberga. Ich finde Kevins Reaktion großartig. Deine übrigens auch.

    Wäre ein netter Sketch für Bühne, Film und Fernsehen.

    Salut,
    Renate

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s