22. Türchen: Weihnachtsstollen

Meine Großmutter nannte ihn noch “Christstollen”. Unter anderem, weil seine längliche Form und die weiße Zuckerschicht (nach kirchlicher Deutung!) an das in Windeln gewickelte Kind in der Krippe erinnern sollen.

Früher im Erzgebirge waren die Weihnachtsstollen jedenfalls etwas anderes als heute, da sie nur noch leicht verfügbares Gebäck sind. Sie waren eine Institution.

Jeder hatte sein eigenes Rezept, das von Generation zu Generation weitergereicht wurde. Es war immer ein Familiengeheimnis. Rosinen, Mandeln, Butter und Butterschmalz, Rum, Zitronat und andere Spezereien gehören dazu.

Wenn im November die Zutaten teilweise mit Hilfe eines Westpaketes (vielleicht sogar vom freundlichen Nachbarn oder Arbeitskollegen, wegen des Rum- und Mandelaromas) alle gesammelt waren, ging es ans Werk.

Butter wurde zu Butterschmalz gemacht, die Rosinen in Rum eingelegt. Und die Mandeln! Die wurden in heißem Wasser gebrüht, und wir Kinder durften sie “schnappen”. Man drückt die Mandel an ihrem dicken Ende so zwischen Daumen und Fingern, daß sie aus der aufgeweichten braunen Schale heraus“schnappt”. Danach wurden die süßen und bitteren Mandeln von den Kindern noch durch den Wolf gedreht.

Die Zutaten wurden in der Woche vor oder nach Totensonntag zu einem Bäcker gebracht. Der mengte das entsprechende Mehl dazu und formte den Teig. Auf jeden Laib kam das Kuchenzeichen, eine besonders geformtes und gekennzeichnetes familienspezifisches Stück Blech. So wußte jeder, wem welcher Stollen gehörte.

Einige Stunden später, aber immer noch vor 18 Uhr desselben Abends, wurden die gebackenen Stollen Abgeholt. Auf dem Heimweg durfte nicht einer zerbrechen – das bedeutete Unglück für das ganze nächste Jahr.

Nach alter Sitte wurden die Stollen jetzt bis zum 24. Dezember kühl und trocken gelagert. Am Heiligabend wurde der erste mit Butter und Zucker “gestrichen” und angeschnitten. Modernere Familien schnitten bereits am 1. Addvent an.

Und er war immer ein Gedicht! Mit dem Stollen kam dann auch der Geschmack der Weihnachtszeit auf den Tisch. Und die Kinder fühlten sich für einen Moment wie die Großen, durften sie doch oft zum ersten Stollen ein Täßchen Bohnenkaffee probieren.

Stollen gab es dann an den Wochenenden und Feiertagen bis mindestens Mariä Lichtmeß (2. Februar). Und bei den ganz Traditionellen wurde der letzte Stollen am Ostersonntag früh gegessen.

So traditionell bin ich nicht mehr. Nachher zum Kaffe gönne ich mir für diese Weihnachtszeit mein erstes Stück Weihnachtsstollen …

Danke für’s Lesen – und habt eine besinnliche Zeit mit vielen Leckereien.

© 2010 – Der Emil

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu 22. Türchen: Weihnachtsstollen

  1. Gisi schreibt:

    Weist du Emil, ich danke dir für diesen
    schönen zu Weihnachten schreitenden Kalender,
    ich lese so gerne bei dir.

    Ich persönlich mag Stollen nicht,
    ich bin eh nie eine Kuchenesserin gewesen,
    Rosinen esse ich lieber ohne Umhüllung / Teig,
    mehr als Studentenfutter.

    Was ich dir einfach sagen möchte,
    ich freue über deine Freundschaft,
    diese Vereinigkeit, ich meine so von Zone zu Zone,
    oder die Zusammenkunft.

    Ich glaube da besteht zwischen uns
    immer Gemeinsamkeit,
    dafür danke ich dir! :)))

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  2. nextkabinett schreibt:

    Ich sagte ja, Du bist ein Stollen-Bäcker.

    LG,
    R.

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  3. Anne-Marie schreibt:

    Lieber Emil da kommen Erinnerungen hoch, an das Mandel“schnappen“ erinnere ich mich & alles durch den Wolf drhen. Ja, die Grossmuetter die wusste n wie es ging.

    Ein dickes DANKE!!!!!1

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  4. Lieber Emil,

    Christstollen gabs bei uns in der Westzone in zwei Geschmacksrichtungen zu kaufen: Plastik und Plaste. Wohl dem, der da seine Päckchen von drüben bekam.
    Die Packete, die bei uns inne Siedlung ankamen, rochen hier mindestens so exotisch wie dort. Gerne erinnere ich mich auch an die Baumkuchen.

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    • der_emil schreibt:

      Also … War das wirklich so? Irgendwie konnte / wollte ich nie glauben, daß es „im Westen“ etwas nicht oder nur in minderer Qualität gibt.

      Ich habe lernen müssen, daß es so ist. Und heute verschwinden viel zu viele Dinge, die nicht modern oder profitabel genug sind, aus dem täglichen Leben – der hausgemachte Stollen gehört dazu wie die Quarkkräppelchen, selbst eingelegtes Sauerkraut, selbstgekochtes Essen und handgebrühter Kaffee usw. usf.

      Danke für Deine Erinnerungen!

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