Papier war / ist anders
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Wiedereinmal bekam ich einen Anstoß zum Denken, zum Nach-Denken. Oder besser: Eine — doch halt, das schrieb ich ja schon gestern. Heute sind hier also meine Gedanken zum zweiten Feuilleton der Süddeutschen Zeitungvom 29./30.1.2011 (Nr. 23) auf Seite 19. Der Artikel ist hier online verfügbar.
Unter der Überschrift «Wer schreibt, bleibt. Wer spricht, nicht.» äußert sich Johann Schloemann zum Thema «Mail statt Brief, Blog statt Tagebuch: Wie verändern digitale Aufzeichnungen unser Erinnern?»
Es gibt also «eine universelle Eigenschaft unseres autobiografischen Gedächtnisses: nämlich die Anpassung der Erinnerung an Bedürfnisse der Gegenwart. Die Psychologie verwendet für solche Vorgänge den Begriff des "Rückschaufehlers".» (J. Schloemann)
Unzusammenhängendes wird nachträglich in Zusammenhänge gebracht, Unangenehmes wird weitgehend ausgeblendet. (Interessante Zwischenfrage: Bei Frauen ebenso wie bei Männern?)
Wahrscheinlich ist jedem schon mindestens einmal aufgefallen, an den eigenen Erinnerungen oder an denen Anderer: Zumindest wenn es sich um gemeinsame Erlebnisse handelt, stellt man fest, daß die Erinnerungen der Beteiligten sich mit der Zeit auseinanderentwickeln. Und für jeden Menschen gilt auch: Früher war alles besser.
Schloemann liefert auch den Ansatz einer Erklärung dafür, auf die ich jedoch nicht eingehe.
«Der Rückschaufehler ist in besonderer Weise ein Phänomen der Mündlichkeit …» (J. Schloemann) Früher gab es allerdings ein sehr probates Mittel gegen diesen Fehler. Die Verschriftlichung in Form von Briefen und Tagebüchern (im weitesten Sinne).
Oh ja! Auch bei mir tauchten Kopien von selbstgeschriebenen Briefen auf, deren Inhalt so garnicht mit meiner Erinnerung übereinstimmte. Und die Fragmente der Tagebücher, die ich immer wieder zu führen versuchte, waren zwar lange Zeit in Umzugskisten und Schränken verschwunden. Aber bei ihrem Auftauchen korrigierten sie meine Erinnerungen.
Gerade bei solchen persönlichen, intimen Texten tauche ich jedesmal wieder ein in die damalige Situation. Ich erlebe weitgehend die Gefühle, die Rätsel, die Aufregung wieder, die mich beim Schreiben schon beherrschten. Meine ersten Beziehungen z. B. bahnte ich noch in persönlichen Gesprächen und mit handgeschriebenen Briefen auf Papier an.
Heute ist alles digital. Soll heißen: Alles geschieht unter Zuhilfenahme der modernen Informationstechnik. SMS, E-Mail, social networks (Bäh – facebook!) usw. Und was geschrieben wurde in Blogs, Foren oder per SMS, wird nicht mehr von selbst so lange überdauern wie der Brief auf Papier. Heute muß ich mich bemühen, meine Schriften dauerhaft zu speichern.
Ja, es heißt «Das Netz vergißt nichts» – aber versuche doch mal jemand seine tweeds vom 21. Februar 2010 zu finden!? Und sind nicht auch schon viele Plattformen, auf denen Texte veröffentlicht wurden, aus dem weiten Feld des Internets verschwunden? Wo ist denn Lycos heute? Und was war vor kurzem erst mit dem Blogsystem von Microsoft?
Vor allem: den im Netz gespeicherten Erinnerungen in Textform fehlt die Haptik. Ich kann die E-Mails nicht anfassen wie meine Briefe, in meinen Blogs nicht wie in (meinen) alten Tagebüchern lesen, während ich auf der Toilette oder im Park auf einer Bank sitze.
Und ich kann – gerade in den Blogs – meine Texte auch jederzeit ändern, also meine Erinnerungen an die Bedürfnisse der Gegenwart anpassen. Niemand kann aus meinen Texten nur am Schriftbild schon ablesen, ob ich ruhig oder aufegregt war beim Schreiben. Auf dem Papier war das in einer Handschrift schon noch erkennbar.
Ein Beispiel für die Vergänglichkeit digitaler Texte habe ich auch: Im ehemals sozialen Netzwerk MySpace gab es eine wunderbare Bloggergemeinshaft. Mit der Wandlung von MySpace zu dem unbenutzbaren Werbe-Monstrum, das es jetzt ist, sind viele der Schreibenden dort weggegangen. Ihre Profile haben sie einfach gelöscht.
Zunächst verschwanden damit Kommentare zu meinen Texten und Mails, die ich erhalten hatte, aber nicht extern speicherte. Und plötzlich waren auch Blogs verschwunden, mit den von mir verfaßten Kommentaren, in die ich so viel Mühe um sprachliche Korrektheit und Verständlichkeit meines Anliegens gesteckt hatte.
Ich erlebe also die Veränderungen der Erinnerung durch die digitale Aufzeichnung hautnah – oder netznah? – mit. Schließen möchte ich darum mit einen längeren Zitat, mit dem Schluß des genannten Artikels:
Fruchtbarer als das Jammern darüber dürfte es sein, die Veränderungen des privaten Schreibens aufmerksam zu beobachten. Mit halböffentlichen Blogs – halböffentlich deshalb, weil private und öffentliche Belange dort gemischt werden, und weil die Leserschaft oft eher klein ist – entstehen ganz neue Textformen für persönliche Identitätsbildung; Emotionalität und gesteigerte Gegenwart im Internet sind vielleicht entfernte Nachfahren der tränenreichen Briefkultur der Epoche der Empfindsamkeit.Durch Vernetzung entstehen auch wieder neue Erinnerungsprojekte. [Wie zum Beispiel Germanys next Bundeskabinett – Anm. Der Emil] Zugleich könnte die geringere Haltbarkeit der digitalen Speicher – beziehungsweise die geringe Sorge darum – dazu führen, dass das autobiografische Gedächtnis weniger Korrekturen durch Schriftquellen erfährt, dass also die gnädige Idealisierung der eigenen Lebensgeschichte wieder stärker zu ihrem Recht kommt.
Wer weiß, vielleicht werden die Menschen dadurch am Ende ihres Lebens unwissender, aber glücklicher.
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 29./30.1.2011 (Nr. 23) S. 19
unter diesem Link online verfügbar
Der Verfasser des Blogs schleicht handschriftlich davon und dankt für’s Lesen.
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© 2011 – Der Emil 
für das Zitat: © Süddeutsche Zeitung
035 / 365 – One post a day



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neue Textformen für persönliche Identitätsbildung – eine sinnvolle Einsicht. Man gestaltet seine Erinnerungen. Durch aktuelle Einsichten fasst man sie neu unter anderemVerstehenshorizont zusammen. Das gilt für private wie für öffentliche Geschichtsschreibung. Die DDR, wie sie sich 1975 selbst beschrieb ist nicht besser erfasst als 1995 unter anderem Gesichtswinkel. Der Fortschritt der Beschreibungen ist kein Rückschaufehler. Das alte wird lächerlich. Es sollte nie Recht bekommen. Man soll froh sein über das, was man verlassen konnte. Auch die aufgepropften falschen Selbstbeschreibungen, die man nur mühsam abwerfen konnte.
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Ja, verrückt, wie schnell solche kleinen Kunstwerke verschwinden. Flüchtig. Millionen einmalige Gedanken sind verschwunden.
Aber manchmal denke ich, dass nur das wert ist, der Nachwelt erhalten zu werden, das einmal durch einen Filter gegangen ist. Wie könnte der Filter aussehen? Muss man alles, was einmal gelöscht wurde, man noch einmal aufschreiben. Und sich beim erneuten Aufschreiben überlegen, was man wirklich sagen wollte?
Oder ist ein Text erst dann wichtig für den Rest der Menschehieit, wenn ihn ein Verlag gedruckt oder als eBook herausgegeben hat?
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Der Filter wurde doch schon einmal durchlaufen: Von der „Wirklichkeit“ über meine Wahrnehmung durch mein Hirn und durch meine Hand auf mein Papier.
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Lieber Emil,
diese beiden Blogs sind wirklich gelungen. Sehr fein. Kompliment. Ja, das Flüchtige des Netzes ist zuweilen bitter. Mit dem next Bundeskabinett bei MySpace haben wir diesbezüglich unsere eigenen Erfahrungen gemacht. Aktuell die gut tausend (in Ziffern 1000) Kommentare, die einfach von heute auf morgen verschwunden sind. Futsch, weg, im virtuellen Orkus gelandet. Schade drum, denn es waren ausschließlich Kommentare von Kabinettsmitgliedern und Freunden. Keine Werbung von Bands usw., denn die hatte ich ohnehin stets schon gelöscht. Tja. Wie Du treffend schreibst, umgekehrt sind meine Kommentare bei den anderen auch verschwunden und gelöschte Profile habe ich stets als realen Verlust wahrgenommen. Nun ja, irgendwann muss man sich damit abfinden und so sind wir ja vom extrem flüchtigen zu einem halbwegs stabilen Aufenthaltsort umgezogen. Hier fühle ich mich wirklich wohl. Eine gute Entscheidung und hier können wir mit unseren Erinnerungen beständig durch die Zeit wandeln. Nun ja, ich schleiche mich auch von dannen und sage Gute Nacht!
Beste Grüße,
Renate
PS.: Ich habe ein ‚Netzt‘ in ein ‚Netz‘ korrigiert.
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