Denkaufgaben Individualismus vs. Gemeinschaft

Bemächtigen wir uns wieder unserer Zukunft

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Nachdenkenswertes Stück Text gefunden im ZEITmagazin, welches mir zulief gestern in der Straßenbahn. Es lag da einsam und verlassen auf dem Sitz, auf dem ich mich niederlassen wollte. Ich wunderte mich nur kurz, nahm es in die Hand, blätterte darin herum, immer darauf achtend, ob nicht jemand der Umsitzenden sein Eigentum an dem Papier reklamiere. Es dauerte nicht lang, und mein Denkgebiß hatte wieder heftig zu kauen. Unter dem durchaus opulenten Titel “Wir erleben gerade eine technische Revolution des Wohnens. Aber von Zukunftseuphorie ist in der Gesellschaft nichts zu spüren. Stimmt etwas nicht mit uns?” schrieb Tillmann Prüfer:

 

 

Zwar leben wir in einer Zeit galoppierender Modernisierung, der Begriff Zukunft wird jedoch nicht mehr durchweg positiv wahrgenommen. Wir wissen nicht, ob Kriege, Umweltkatastrophen, demografische Probleme oder Wirtschaftskrisen auf uns zukommen, bestenfalls bleibt alles, wie es ist. Man möchte an diese Zukunft nicht erinnert werden, man möchte vielmehr von dem Gedanken an sie abgelenkt werden. Also feiern wir in Mode und Stil die vergangenen Jahrzehnte. Die fünfziger, sechziger, siebziger, achtziger, sogar die neunziger Jahre: Jede vergangene Dekade erscheint uns attraktiver als das, was noch kommt.

Daß das Bild der Zukunft heute so undeutlich ist, daß es uns so schwerfällt, uns einen Begriff von der Zukunft zu machen, hat aber auch noch einen anderen Grund: den Fortschritt selbst. Früher bedeutete Industrie-Design, das gleiche Produkt für viele Menschen herzustellen. Ein Design mußte für alle passen. Doch auch die industrielle Welt hat sich weiterentwickelt. Heute wird nicht mehr für die Masse, sondern für das Individuum gestaltet. Farben, Formen, Materialien werden an die Wünsche des einzelnen Kunden angepaßt. Ein innovatives Produkt reißt die Menschen nicht mehr mit – es paßt sich an sie an.

Man kann kaum noch eine Zukunftsvision für alle formulieren. Denn die Menschen nehmen sich nicht mehr als Teil eines Ganzen, sondern als Individuen wahr. Mit ganz eigenen Werten und Interessen. Was bedeutet, daß der Designer als Erschaffer von großen Formen mehr und mehr zurücktritt, der Kunde aber mehr und mehr zum Designer wird. Er kann sich nicht mehr einfach einem Produkt unterordnen, er muß es selber gestalten. Das ist anstrengend, und es führt dazu, daß es immer weniger Ikonen gibt. Die Zukunft hat keinen Look. Sie hat soviele Looks, wie es Menschen gibt. Jetzt kommt es nur noch darauf an, sich damit einzurichten.

Tillmann Prüfer im ZEITmagazin Nr. 43/2014; S. 24
Hervorhebung von mir.

 

 

Individualisierung über das gesunde Maß hinaus, glaube ich, wird sogar von “der Politik” und von den Lobbyisten gewünscht und gefördert. Ein Einzelner ist leicht abzulenken, die Kraft eines einzelnen Menschen ist schnell erschöpft. Eine Masse könnte tatsächlich etwas am System ändern – das aber ist nicht gewollt. Also wird der Mensch, der Bürger, zum Konsumenten gemacht. Und damit es ihm nicht langweilig wird, darf er sich seine Konsumgüter selbst gestalten: Farbe, Material, Oberflächenbeschafenheit sind auswählbar. Aber schon die Haltbarkeit ist etwas, das keinesfalls merh beeinflußbar ist: Gleichwohl etwas geschont wird, es wird wirklich kurz nach Ablauf seiner Gewährleistungsfrist kaputtgehen.

Die Unterschiedlichkeit der Menschen ist eine sehr schöne Sache. Es ist auch ganz angenehm, daß ich nicht mehr unbedingt Dinge im Einheitsdesign habe, sondern vieles nach meinen eigenen Wünschen verändern kann. (Und ganz zufällig kaufen dann doch wieder alle das neueste Eifohn o. ä.) Es ist auch gut, daß ich meiner eigenen Wege gehen kann und nicht mehr (vorgeschriebene) ausgefahrene Geleise nutzen muß. Vielleicht gefällt es vielen sogar, daß sie sich individuell ein höheres Gehalt aushandeln können und nicht das übliche Geld erhalten. Keiner mag mehr normal oder gar Durchschnitt sein, in irgendeiner Weise sich eben nicht nur unterscheiden von allen anderen, sondern sogar besser sein als alle anderen. Aber wir sollten uns unsere Gemeinsamkeiten nicht aus den Augen verlieren, sie uns nicht aberziehen (lassen) und sie schon gleich garnicht verkaufen … Und wir sollten uns wieder einer Zukunft bemächtigen, einer gemeinsamen, einer, die allen Menschen ein Leben gestattet ohne Existenzängste, ohne Hunger, ohne Sterben an heilbaren Erkrankungen, ohne Krieg und ständige andere Kämpfe.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 22. Oktober 2014 waren ein ruhiger Morgen, eine gute Schicht und ein interessanter Abend.
 
Tageskarte 2014-10-23:  XIV – Die Mäßigkeit.

P.P.S.: Zur Jahresablesung war ich nicht. Kopfschmerzen, Müdigkeit und so ein unangenehmes Smokingrhinitis-Vorgefühl trieben mich heim ins Bett.

© 2014 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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10 Antworten zu Denkaufgaben Individualismus vs. Gemeinschaft

  1. Sofasophia schreibt:

    ach, emil, danke für deine gedanken. du sprichst mir so was von aus dem herzen. das ist fast die fortsetzung zu meinem gestern gebloggten.
    ich tus rebloggen, wenn ich dazu komme oder zitieren oder so? darf ich bestimmt, gell?!

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  2. minibares schreibt:

    Kleidungsmäßig waren wir nie angepasst, Markenwaren sollten es nicht sein, da u.a. zu teuer; aber auch gefielen sie uns meistens nicht.
    Das neue Eifone habe ich, jedoch, um das alte kleine Handy zu entsorgen und auch das I-Pad abzumelden. So sparen wir einen Vertrag.

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  3. Pingback: Nach uns die Zukunft? | Sofasophien, Fallmaschen & Herzgespinste

  4. Gudrun schreibt:

    Wenn wir viel mehr Gemeinschaft leben wollen, müssen wir erst unsere vielen kleinen und größeren Eigenarten gegenseitig akzeptieren.

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    • Der Emil schreibt:

      Aber, Gudrun, lebten wir DDR-Deutschen nicht schoneinmal viel, viel mehr Gemeinschaft, ohne Ansehen der Person zumeist (insbesondere Juni 1989 bis vllt. Mai/Juni 1990)?

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      • Gudrun schreibt:

        Ich weiß nicht, Emil. Es gehörte damals einfach zum guten Ton, wurde von den Menschen erwartet, und viele haben es eben so gehandhabt. Wo ist denn diese Gemeinschaft jetzt? Teile und herrsche hat prima funktioniert.

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