Vom Datum betroffen

Beschädigtes Leben

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Vom Fernsehprogramm werde ich zur Zeit recht häufig um viele Jahre zurückkatapultiert. Der 4. November war damals ein Tag, an dem ich wie gebannt vor dem Fernseher saß und DDR-Fernsehen sah, freiwillig (wie schon so oft zuvor), aber diesmal besonders gespannt und interessiert, denn unangekündigt, zumindest vom Buschfunk natürlich weitergetragen auch bis ins erzgebirgische Frohnau, übertrug dieses Fernsehen der DDR eine gewaltige Demonstration vom Alexanderplatz in Berlin. Ich glaube, ich hatte die Information von Parteifreunden aus der LDPD – aber die Einzelheiten wurden in meinem Gedächtnis verschüttet. Ich glaubte auch, mich an einen Satz aus einer der Reden erinnern zu können: “Viele lebten in diesem Land nur ein beschädigtes Leben.” Ein Satz, der mich damals so überhaupt nicht selbst betraf, mich dafür heute um so mehr betrifft.

(Doch hier scheint mir eine Erinnnerungsfalle zugeschlagen zu haben: Ich habe über die Hälfte der Reden angehört und eben diesen Satz dort nicht mehr gefunden. Auf der Suche danach werde ich mal noch weiter durch Archive u. ä. graben.)

 

Ein beschädigtes Leben. Mein beschädigtes Leben. Das, das nicht so verlief, wie es hätte verlaufen können, wenn ich mich immer an die Regeln der Gesellschaft gehalten hätte, in der ich jeweils lebte; wie es hätte nach der Meinung der Gesellschaft, der Eltern, der Freunde hätte laufen sollen. Obwohl … Welches Leben, wessen Leben ist denn nicht beschädigt?

In der Vergangenheit, in ihrem jeweiligen vergangenen Leben haben, so glaube ich, wohl alle Menschen ihr eingenes Leben “beschädigt”, es vom geraden, “guten” Gang der Entwicklung abgebracht. Oder abbringen lassen?

Nun stamme ich ja aus einem untergegangenen Land (vielleicht ist es garnicht untergegangen, vielleicht versteckt es sich nur in den Erinnerungen, in den Köpfen der Menschen, die in ihm lebten und aus ihm etwas Schöneres machen wollten – nicht das kaputte Dingens, das jetzt davon übriggeblieben ist), aus einem Land, von dem gesagt wird, es habe seine Menschen systematisch beschädigt, kaputtgemacht. Nein, dieses Land hat es nicht getan. Obwohl ich wegen meines Austrittes aus der SED (übrigens schon zum Jahreswechsel 1987/88, als von den Umwälzungen noch nichts zu ahnen war) Nachteile inkaufnehmen mußte; doch die kamen nicht von dem Land, sondern von Menschen, die in diesem Land verantwortlich waren für viele Dinge. In gutem Glauben haben sie gehandelt, diese Menschen, wie auch ich. Ganz im Gegenteil behaupte ich, daß mir dieses Land viel Gutes hat angedeihen lassen wie z. B. Förderung, Bildung, Sicherheit

Viel schlimmere Beschädigung verursachte das neue Land, das, in dem man mir mein bisheriges Leben madig machte, für “unwürdig”, unterdrückt, eingesperrt, eingeengt erklärte. Meine Erlebnisse und Erfahrungen wurden für Null und Nichtig erklärt. Da wurde mir mein Leben aberkannt. Mir die Deutungshoheit über mich und mein Leben entzogen. Gegen diesen Vorgang setze ich mich noch immer zur Wehr, diese Abwertung erst hat mein Leben beschädigt mehr als alles andere.

 

Beschädigtes Leben: Heißt das nicht viel öfter “nur” beschädigte Biographie? Lebenslauf mit Lücken?

Und nochmal nachgefragt: Wer hat mein Leben beschädigt? Die Verhältnisse? Meine Elern? Die Politik? Die Natur? Eine meiner Ehefrauen, Neider, die Partei? Das Finanzamt? Der Mann, der den für meinen Sohn tödlichen Autounfall verursachte? Der Steuerberater, der einfach verschwand?

Ehe ich weiter darüber nachdenke, wie ich diese Beschädigungen heile, kaschiere, muß ich herausfinden, wo und wie genau mein Leben beschädigt ist, wer dafür verantwortlich war oder ist.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 5. November 2014 war der Beginn des Tages.
 
Tageskarte 2014-11-06: Die Vier der Münzen.

© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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21 Antworten zu Vom Datum betroffen

  1. Sofasophia schreibt:

    das sind mal wieder schwerverdauliche fragen! und nur du kannst sie (vielleicht) beantworten.
    zwar beschädigt von den umständen, von schicksalsschlägen, aber lasst uns die verantwortung für unser leben nicht an andere delegieren. und wider alle prognosen und widerstände das bestmögliche daraus machen.
    meine entscheidung.

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    • Der Emil schreibt:

      Die Fragen sind vielleicht garnicht so wichtig.

      WIchtig ist (mir, für mich), daß ich, der ich selbst 26 Jahre meines Lebens ständig miesgemacht bekomme, weil es immer wieder heißt „Keiner wollte die DDR behalten“ (doch, viele wollten das, aber wir wollten sie verändern), „alle wollten Deutschland wiedervereinen“ (vielleicht irgendwann, gleichberechtigt, aber nicht damals und nicht so) und „alles, was ihr dort gemacht habt, war Mist“ (jaja …) — also daß ich mir immer wieder klarmache, daß es mein Leben war und ist; und nur ich allein weiß wie es war und ist … Und das es (auch) gut war..

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    • Bruder Indiana schreibt:

      Es ist nicht leicht einige passende Worte zu finden; du hast sie gefunden!

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  2. sweetkoffie schreibt:

    Lieber Emil, danke für deine interessanten Gedanken. Deine Fragestellung kann ich nachvollziehen.
    LG sk

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  3. S. Meerbothe schreibt:

    Das sind tatsächlich Fragen, die nach einer Antwort verlangen.
    Deine Ausführungen stimmen nachdenklich.
    Allerdings frage ich Dich: Wie kann Dich das „alte“ Land nicht beschädigt haben, das „neue aber schon.
    Sind es in dem Neuen nicht auch wieder Menschen, die Dir Dein Leben aberkennen?

    Doch verstehe ich, denke ich, was Du meinst.
    Ich weiß ja nicht, um welche Bereiche, es sich handelt, in denen ich aberkannt oder gar nicht erst anerkannt wird.
    Doch klingt es, als fühltest Du Dich bestohlen, beraubt.
    Unvollständig.

    Ich wünsche Dir trotzdem einen erfüllten Tag.

    Grüße aus der Droschke
    Silvia Meerbothe

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    • Der Emil schreibt:

      Welche Bereiche … Nun, viele Ausbildungen werden nicht anerkannt, der Rentenwert ist geringer (wir haben im Osten ja nicht gearbeitet), gelernt haben wir auch nie irgendetwas … VIele wurden enteignet (Rückgabe vor Entschädigung). Erfahrungen, die ich gemacht habe, kann ich nach herrschender (Medien-) Meinung niemals gemacht haben, Fertig- und Fähigkeiten nie erworben haben usw. usf.

      Ja, bestohlen fühle ich mich, die Heimat wurde mir geraubt. Und Du hast Recht, es ist nicht das „neue Land“, es sind die Menschen … Und nur im Neuen kenn ich Menschen, die meine 26 Jahre massiv abwerten.

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      • S. Meerbothe schreibt:

        Das ist wirklich bitter.
        Ich verstehe, Dir fehlt Anerkennung und Wertschätzung, stimmt’s?
        Ich weiß, aus der Zusammenarbeit mit einer Dame aus der DDR, dass Ihr fleißig und hochqualifizierte Menschen seid.
        Leider ist sie nicht mehr in unserem Büro tätig.
        Aber ihre 17 jährige Tätigkeit hat dazu geführt, dass auch die anderen sich gewandelt haben.
        Ich habe die Frau wirklich bewundert und dass jetzt so vieles bei Euch brach liegt und nicht anerkannt oder geschätzt und dementsprechend weniger vergütet wird, bedauere ich sehr.
        Leider habe ich nichts zu sagen, doch wenn, liefe es anders.
        Ich wünsche mir sehr, dass sich was ändert.

        Liebe Grüße
        Silvia

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  4. kussaw schreibt:

    Moin Emil,

    vielen Dank für deine Gedanken, die du hier so bereitwillig mit uns teilst. An diesen 4. November 89 denke ich auch immer wieder zurück. Mir ist v. a. ein Satz in Erinnerung geblieben: „Macht korrumpiert!“. Ich glaube es war Ruth Werner, die ihn aussprach.

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  5. Bruder Indiana schreibt:

    Für viele ist das Argument verloren gegangen, das mir so oft entgegen geschleudert worden ist: “ Dann geh doch in die DDR, wenn dir was hier nicht passt“

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  6. Elvira schreibt:

    Jeder Mensch hat Wunden, die schwer oder gar nicht verheilen. Narben bleiben immer. Die Umstände, die uns solche Wunden erleiden ließen, sind vielfältig. Verursacher sind immer andere Menschen, nie per se ein Land. Sieht man unsere Erde aus der Vogelsperketive, erkennen wir die Wunden, die die Menschen ihr angetan haben. Vernarbte Ländergrenzen zeugen auch davon. Menschen schlagen Wunden. In andere Menschen, meistens sogar unbewusst, und in unseren Planeten. Und doch, lieber Emil, ist dieses Leben lebenswert, nicht wahr? Vielleicht, wenn wir unseren Schmerz nicht vergessen, ihn aber in ein durchsichtiges Gefäß verschließen, ihn betrachten und analysieren können. Dein Leben ist wertvoll! In seiner Gänze!

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  7. minibares schreibt:

    Lieber Emil, danke für deine Gedanken, die nicht leicht zu verdauen sind.
    Dass du es nicht leicht hast, ist mir lange klar.
    Ein beschädigtes Leben.
    ich würde fast sagen, das habe ich auch, nur anders herum gesehen – gesundheitlich.

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    • Der Emil schreibt:

      Naja, so ganz gesund bin ich über all dem auch nicht geblieben. Aber das ist ein anderes Thema.

      Manchmal hab/hatte ich das Gefühl, daß die Ossis eine Weile das waren, was einst die „Kümmeltürken“ waren (in den Zeiten von „ganz unten“ zB) …

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  8. Ulli schreibt:

    du fragst es selbst: wessen Leben ist nicht beschädigt? Ich frage mehr: was ist ein gerader Weg? Und wer will ihn eigentlich gehen? Ich nicht!!! Und sind nicht manchmal auch sogenannte Beschädigungen im Rückwärtsblick angeschaut Weichen für ein glücklicheres Leben?

    Aber es gibt die Gesellschaft, die euch Ex-DDRlern mies zugesetzt hat, keine Frage, es gibt den Autofahrer, der für den Tod deines Sohnes verantwortlich ist und es gibt den verschwundenen Steuerberater, das sind Schläge, die lassen sich nicht einfach wegretuschieren oder als neue Kraftquellen transformieren, da gilt es mit leben zu lernen, was ich mir äusserst schwierig vorstelle.

    Aber eine Schuldfrage zu stellen erscheint mir nicht sinnvoll, ich habe es da mehr mit Verantwortlichkeiten, sowohl bei denen, die Schicksalsschläge verteilen, wie zu denen hin, wie sie lernen mit ihnen umzugehen …

    mitfühlende Grüsse
    Ulli

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  9. photographieandgossip schreibt:

    Hm. Man kann zwar die Uhr, nicht jedoch das Leben zurück drehen.
    Es ist Dein Leben und es sind Deine Erfahrungen. Halte Dich nicht mit “ Besserwissern“ oder Medien auf. Du hast Deinen Platz und vor allem: Du hast Deinen Wert. Und wer das abwertet, der hat sie nicht mehr alle beisammen ;)

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    • Der Emil schreibt:

      Aber wenn ein Widerheits *)-Gauck und eine FDJ-Kanzlerin rumsabbeln, dann kann ich nicht Besserwisser und/oder Medien ignorieren. Die machen mich wütend.

      *) Widerheit: Widerstand, Bürgerrecht und Freiheit werden zu einem unklaren Brei vermatscht.

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  10. kussaw schreibt:

    Moin Emil,

    ich habe Teile deines Textes „reblogt“. Besser als du meinen Gemütszustand beschrieben hast in diesen Tagen, hätte ich besser nicht darstellen können …

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