Wie haltet ihr’s mit der Schrift

Der Verlust der Schreib- und Sprach- und Schriftkultur

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Wie oft hab‘ ich schon darüber geschrieben, daß ich in aller Regel meine Texte auf Papier, in meinen Kladden verfertige/verfasse. Und ich glaube, daß ich jedesmal meine besondere, heutzutage! besondere Schreibschrift dabei erwähn(t)e, denn: Ich schreibe für gewöhnlich in einer Mischung aus Kurrent, der älteren Form der deutschen Schreibschrift, und Sütterlin, der genormten Ausgangsschrift, die in den deutschen Schulen zwischen 1935 (teilweise schon 1915) und 1942 gelehrt wurde (nebenbei bemerkt wurde Sütterlin in der EOS der DDR noch 1978 bis 1980 zur Bezeichnung von Vektoren und Matrizen gelehrt, d. h. ich habe sie dort anzuwenden gelernt). Und wer heute schulpflichtige Kinder in der ersten bis dritten Klasse hat, weiß vielleicht um das Dilemma, daß in der Schule keine Schreibschrift mehr unterrichtet wird …

Aber ich schweife schonwieder ab. Oder vielleicht doch nicht? Denn Schrift ist auch Druckschrift, also das, was hier gelesen werden kann. (Frage: Soll ich vielleicht ab und zu mal meinen Rohtext in meiner Schreibschrift als Bild zu meinen Artikeln hinzufügen?) Wissenschaftler bezeichnen diese Verschriftlichung der Sprache als Literalität; wobei nur 78 von den gegenwärtig genutzten 3000 Sprachen dieser Welt eine Literatur besitzen, und nur ganze fünf oder sechs oder sieben eine wirklich weltweit wahrgenommene Literatur haben (Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch, Russisch, vllt. noch Chinesisch und Persisch ?). Schrift, Schriftsprache also ist etwas sehr besonderes. Und ich bin dankbar dafür, daß ich die Möglichkeit des Schreibens habe, denn Zeichnen und Malen kann ich kaum.

Soweit mein langes Vorwort zu einem Zitat aus einem Buch, das mir gestern mitgebracht wurde und in das ich sofort! hineinlesen mußte. Ein paar Seiten habe ich geschafft, ein paar Seiten, in denen es um die besondere Gabe des Geschichtenerzählens geht, um die Rolle des Erzählers in jeglicher Kultur. Ich bin neugierig, was es dann zur Schriftsprache zu lesen gibt.

 

 

Jede Stammesgemeinschaft braucht den Geschichtenerzähler, so wie jeder Geschichtenerzähler die Stammesgemeinschaft braucht, denn Erzählen ohne eine aufmerksame Zuhörerschaft bedeutet nicht viel. Eine Geschichte, mag sie noch so interessant sein, wie sie will, muß angehört werden, um ihre Wirkkung entfalten zu können: Eine flinke Zunge lechzt stets nach dem offenen Ohr. Auch der Geschichtenerzähler muß ein scharfes Gehör haben, aber sein Lauschen ist ein anderes als das des Stammes, und er hört andere Dinge. Die Mayas im Hochland von Guatemala nennen ihren weisesten Geschichtenerzähler den » Echomann «. [ … ]

Der Geschichtenerzähler fungiert als spiritus rector des Kollektivs: Da er über die weitestmögliche Perspektive verfügt, vermag er mit seinen Schilderungen den gesamten Bereich der menschlichen Vorstellungskraft auszumessen und Wegweisungen für die Fahrt aller Fahrten, die große Lebensreise, zu geben.

Barry Sanders: Der Verlust der Sprachkultur. S. 18
3. AUflage 1995 © 1995 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a. M.
ISBN 3-10-0776803-5

 

 

Hach, wo mein Stamm angesiedelt ist, weiß ich. Er ist hier, der Stamm, hier in Bloggerhausen und Kleinbloggersdorf; und ich bin nur ein, nicht der Geschichtenerzähler in (m)einem Stamm von Geschichtenerzählern und Photographierern und Zeichnern und Musikern und Radfahrern (die mußte ich noch ergänzen, sonst hätte Irgendlink bestimmt geschumpfen mit mir) – hier bei unserem Stamm der Netzkreativen. Und sprächen wir alle auch unterschiedliche Sprachen, wir könnten uns mit gutem Willen doch verstehen.

Aber: Wenn ich nicht Schreiben und Lesen könnte, was verstünde ich dann noch von unserer Welt?

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 6. November 2014 war die Gewißheit, daß in genau einem Monat Nikolaus ist.
 
Tageskarte 2014-11-07: XV – Der Teufel.

P.P.S.: Mehr zu deutscher Schrift ist zum Beispiel beim Bund für deutsche Schrift und Sprache e. . zu finden (seht auch nach den Verweisen).

© 2014 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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14 Antworten zu Wie haltet ihr’s mit der Schrift

  1. Inch schreibt:

    Was für ein schönes Zitat. Danke dafür

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    • Der Emil schreibt:

      Mal sehen, wie es dann weitergeht. Ich hatte auch schon Bücher in der Hand, die mich am Anfang begeisterten, aber schon nach dreißig weiteren Seiten regelrecht abstießen.

      Aber die Geschichtenerzählerkultur … Was tun wir mit unseren Blogs denn anderes???

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  2. S. Meerbothe schreibt:

    Lieber Emil,

    mit jeder Zeile lese ich Deine Liebe zum Schreiben. Das ist sehr schön und bringt meine Saiten zum klingen.
    Und ja, bitte mach das mit den Bildern.
    Ich wünschte ich beherrschte Sütterlin. Meine Omi konnte es noch.
    Es wäre eine Bereicherung Deines Blogs und ich liebe dieses Schriftbild.

    Liebe Grüße Silvia

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    • Der Emil schreibt:

      Na, rechtes Sütterlin ist es ja nicht. Und für die schnelle Vorschau, wie meine Schrift so anzusehen wäre, hatte ich ja schon dort einmal vorgestellt. Aber ja, schon damals wollte ich mehr Autographen hier einbringen …

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  3. kussaw schreibt:

    Moin Emil,

    ich kann es lesen, leider nicht schreiben. Interessant ist aber, dass es noch mehr Leute gibt, die im ach so digitalen Zeitalter auch noch analog schreiben.

    Bei allen Vorteilen des Computerzeitalters die ich gern und umfangreich nutze – verdiene ja auch meine Brötchen damit – kehrte ich vor einigen Jahren zum klassischen Notizbuch zurück. Feines Papier und ein „eingeschriebener“ Füller lassen die Gedanken leichter fliessen …

    Grüsse
    Karsten

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    • Der Emil schreibt:

      Als (ehemaliger) IT-Fritze (ich gab dann sogar Unterricht) weiß ich eben, was ein einziges falsches Byte anrichten kann (setz das Mediabyte einerr Festplatte doch mal auf 80h) — und deshalb sind Tinte und Papier unschlagbar :D

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  4. Gudrun schreibt:

    Du erinnerst dich an die Bezeichnungen der Vektoren und Matrizen, und ich erinnere mich daran, wie mir als Kind mein Vater den Trick verriet, zunehmenden und abnehmenden Mond zu erkennen. (Ich gebe zu, ich habe ein Weilchen mit diesem Wissen geprahlt.)
    Emil, ich halte es für eine gute Idee, ein Stück handgeschriebenen Text aus der Kladde zu zeigen. Da fällt mir ein, dass zur Führung durch den Merseburger Dom die Frage aufgeworfen wurde: „Was bleibt von uns erhalten? Wir schreiben zwar viel mittels Tastatur und Rechner, aber wer schreibt schon noch mit Tinte auf Papier?“ Alles, was man im Dom erfahren konnte über tausend Jahre Geschichte, war denen zu verdanken, die all die kleinen Geschichten und Begebenheiten aufgeschrieben hatten. Man kann es lesen, die Handschrift bewundern, hat fast eine Vorstellung vom Geschichtenerzähler. Ab und zu wird umgeblättert in den dicken Büchern, die dort in Vitrinen liegen.
    Erzähle auch du weiter deine Geschichten, und schreib sie auf. Du hast eine solche Liebe zum geschriebenen Wort, dass man dir zuhören, dass man lesen muss. Es wäre zu schade, wenn du mit deinen Erfahrungen, deinem Wissen und deiner ganz eigenen Geschichte schweigen würdest. Die kleinen Geschichten haben manchmal eine viel größere Wirkung als jedes Höhenfeuerwerk.
    Gruß von nebenan.

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    • Der Emil schreibt:

      Schreibschrift-a und Schreibschrift-z …

      Meine Kladdentexte herzeigen ist wie Jeans und Boxershort runterlassen: Dann bin ich nackt zu sehen ;-) Ich werd es trotzdem versuchen. Und irgendwann erlerne ich die Keilschrift …

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  5. Sofasophia schreibt:

    So viel Gedankenfutter! Danke …
    Besonders der letzte Gedanke hallt nach. Wie schlimm es wäre, wenn ich das Medium Sprache nicht hätte, kann ich mir nicht vorstellen. Was man nicht hat, vermisst man nicht. Dennoch macht mich dein Text dankbar, dass ich die Sprache und die Literatur kenne. Den kleinen mir bekannten Ausschnitt davon, jedenfalls.

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    • Der Emil schreibt:

      Schrift, Beste, Schrift.

      Ist sprachgut.ch noch zu haben?

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      • Sofasophia schreibt:

        sprachgut.ch – das war auch mal ein thema, aber ich landete ja dann beim namen schriftgut.ob sprachgut inzwischen schon vergeben ist? keine ahnung. damals wars noch frei …
        eine seite mit schönen schriften … hach … die sprache.
        aber ich liebe auch die stille. sie ist auch eine art sprache. und für die braucht es zum glück keine fremdsprachenkenntnisse.
        hab einen feinen abend!

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