Schmetterlingspuppe

Kein Mauerfalltext

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Obwohl heute der Tag ist, an dem vor meinem beinahe halben Leben die Staatsgrenze der DDR geöffnet wurde – was manche als den Anfang des Endes betrachten, gibt es in mir keinen Text zu diesem Thema, der heute geschrieben sein will. Ich glaube, daß es heute sowieso genügend Texte und Blogartikel und und und zum historischen Datum gibt; und ich glaube, daß es nur um eines der vier wichtigen Ereignisse am 9. November gehen wird. 1799 (18. Brumaire VIII, Napoleons Staatstreich beendet die Französische Revolution), 1918 (Novemberrevolution in Deutschland: Der Reichskanzler verkündet eigenmächtig die Abdankung des Kaisers) und 1938 (sogenannte Reichskristallnacht) bleiben ausgeblendet – wetten?

Daß ich dieses Thema heute auslasse, liegt daran, daß ich gerade ein Buch lese (eines von dreien, parallel, wie meist), und mich viele Sätze in diesem Buch wieder anspringen (ich lese es bereits zum zweiten Mal, nachdem ich es vor zwei Wochen in zwei Nächten in mich hineinfraß). Dieser autobiografische Roman in Tagebuchform (mein Blog?) … Diese Frau, die zwei Frauen ist (der Emil und Frank?) … Die Arbeiterin und Geschäftsfrau und die ausgeflippte Junkiepuppe … Zweigespaltenheit in einer sonderbaren Einheit … Unterschiedlichkeit schon im Schriftbild (Serifen gegen serifenlos Halbfettes) … Datümse ohne Jahresangabe … Aus einer (metaphorischen) Nacht in den (metaphorischen) Tag …

 

 

Erst wenn ich von den Einflüssen der Welt, den Farben und Geräuschen, abgeschnitten bin, bin ich frei. Dann kann ich mir alles vorstellen, was ich will, und alles wird real. Die Welt entsteht in meinem Kopf, sie ist von meinen Ideen bevölkert, sie lebt durch meinen Herzschlag; mein Puls bestimmt die Zeit, und mein Blut nährt sie. (S. 91)

 

Mir wird immer wieder bewußt, wie glücklich ich bin, dieses Tagebuch führen zu dürfen. Gerade in Zeiten wie diesen wiegen die unausgesprochenen Emotionen wie eine tonnenschwere Last und drohen, mich in den Abgrund zu reißen. Nachdem ich alles niedergeschrieben habe, fühle ich mich befreit. Ich weiß, daß dieser Tage ein sehr langer, und was noch schlimmer ist, sinnloser sein wird. Dennoch habe ich wieder Kraft geschöpft. (S. 93)

 

Die meisten Menschen halten sich an ihren Errungenschaften fest, an Kindern und der Familie. In der Tat ist das etwas, was zuminest eine Spur in der Welt hinterläßt. Selbst wenn man seinerseits nichts vollbracht hat, das den Fluß der Zeit beeinflussen könnte, gäbe es mit dem Leben, das man gezeugt hat, eine weitere Chance, dies zu tun. (S. 159)

 

Nana Schweitzer: Schmetterlingspuppe. Autobiografischer Roman.
Anais Band 17. Taschenbuchausgabe Berlin 2012.
© Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag GmbH, Berlin 2010
ISBN 978-3-86265-146-7

 

 

Drei Zitate aus dem Buch, das ich nur wegen des Titelbildes aus dem Regal in der Stadtbibliothek nahm. (Manchmal entscheide ich wirklich so, rein optisch: Wenn das Titelbid/der Titel auf dem Buchrücken mir ins Auge springen, greife ich zu.)
 
Das erste Zitat steht meinem Erleben so ganz und gar entgegen, brauche ich doch ein gewisses Rauschen um mich herum, um schaffen zu können (bzw. um meine Ideen so konzentriert aufs Papier bringen zu können, daß sie verständlich sind).
 
Das zweite könnte auch von mir sein, denn manches muß ich niederschreiben, mir von der Seele schreiben. Und das zweite bringt eine ganz andere Freiheit, eine, die mit der Freiheit aus dem ersten Zitat nicht viel zu tun hat, ins Gespräch.
 
Das dritte Zitat hat nur oberflächlich nichts mit Freiheit zu tun; und doch ist es meine Freiheit, den Fluß der Zeit zu verändern; und noch freier bin ich, wenn ich diese mir selbst auferlegte Verpflichtung einfach an meine Kinder weitergeben kann – ich bin eine gewaltige Last los und damit frei.

Ein Buch. Zweimal gelesen. Es wird ein drittes Mal geschehen. Irgendwann. Wenn es Zeit hatte, in mir zu arbeiten. Wenn ich Zeit hatte, meine Kämpfe mit mir weiterzuführen, mich mit mir zu verbrüdern oder zu verbünden, um meine (kein Schreibfehler) Leben so zu gestalten, daß doch Spuren von mir bleiben. Die Spuren, die ich gerne hinterlassen möchte. Und so hat dieses Buch etwas zu tun mit meiner Haltung zur Schrift, zum Schreiben, zum Leben, zum Geschichtenerzählen. Im Moment jedenfalls mehr als manch anderer Wälzer, den ich in letzter Zeit in der Hand hatte. Ein Buch. Lesenswert.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 8. November 2014 war die erledigte Haushaltsarbeit.
 
Tageskarte 2014-11-09: 0 – Der Narr.

© 2014 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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10 Antworten zu Schmetterlingspuppe

  1. arabella50 schreibt:

    Wette verloren;-)

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  2. Sofasophia schreibt:

    Danke, dass ich deinen Gedanken und Rezitaten zuhören darf.
    Das Buch will, so glaub ich, auch bald von mir gelesen werden.
    Danke fürs Gedankenfutter!

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  3. Ulli schreibt:

    bei mir hast du die Wetter gewonnen, auch wenn es absichtlich geschah, dass ich weder die Nevemberrevolution, noch die kristallnacht erwähnte, dann wäre es ein ganz anderer Artikel geworden …
    das Buch macht auch mich neugierig, ich habe es mir notiert, Zurzeit aber leigen doch schon so einige Bücher neben meinem Bett, die erst noch gelesen werden wollen, gerade eben versinke ich in Marcel Proust: auf der Suche nach der verlorenen Zeit und ich musste schon mehrmals an dich denken, es ist ein Werk, das noch Welten vor dem inneren Auge wachsen lässt und ich habe mich gefragt, ob es daran liegt, dass früher mehr Stille um die Autoren herum war …

    einen schönen Sonntag wünsche ich dir
    sonnige Grüsse Ulli

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    • Der Emil schreibt:

      Es ist ja nichts Schlechtes daran über diesen einen neunten November zu schreiben — aber das vollständige Verdrängen z.B. des 1938er scheint mir dann doch Methode zu haben … (Zumindest im Mainstream-Medienbereich.)

      Proust: Schon lange ein Vorhaben, daß aber durch gefundene oder mich anspringende Bücher immer weiter hinausgezögert wird. Das „mehr Stille um den Autor“ — das muß noch arbeiten, aber es ist etwas damit, irgendetwas …

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      • Ulli schreibt:

        Proust hat auch auf mich länger gewartet und jetzt hat er mich fest am Wickel, es ist phantastisch, freue mich schon auf später, wenn ich mich ihm wieder widmen kann …
        und ja … irgendwas … ich kanns doch auch nicht beschwören!

        was nun 1938 und auch 1918 anbelangt, da will man wohl nicht mehr? Ach Emil, ich weiss es doch auch nicht, ich habe auf jeden Fall eine schlechte Geschichtsnote bekommen, als ich mein Abi nachmachte, obwohl ich alles wusste, aber es ging wohl ums Thema, eben 1918/19 … soviel zu Schulen und ehrlicher Geschichtsbetrachtungen- seufz

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  4. Inch schreibt:

    Nuja, in Leipzig wurden Stoplersteine geputzt und Mahnwachen gehalten.

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