Für gestern

Alle Jahre wieder

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Mit Genugtuung stellte er fest, daß in der Stadt zwar überall schon weihnachtliche Beleuchtung installiert war, herumhing und baumelte – doch überall da, wo er heute, am Totensonntag, unterwegs war, leuchtete noch nichts davon. Auch auf dem am Montag öffnenden Weihnachtsmarkt, dessen Buden heute (!) den letzten Schliff bekamen, flackerte und blinkerte nichts, blieben alle Dekolampen aus. Es scheint, als ob sich die vielen Menschen, denen das Weihnachtsgeleucht Ende Oktober viel, viel zu früh und damit nur störend erschien, sich wirklich durchgesetzt hatten.

Dafür hatte er am Nachmittag viele, viele Lichter brennen sehen. Zwar gab es niemanden auf den Friedhöfen der Stadt, um den er trauerte – er war ja erst zehn Jahre hier – aber für alle, an die er in Trauer denken wollte, stellte er wie in jedem Jahr ein Grablicht auf ein ansonsten unbeleuchtetes Grab. Und seine Kerze brannte mit und neben all den anderen Kerzen, sandte ich schwaches, aber warmes, flackerndes Licht hinauf zu den Sternen, dahin, wo den Erzählungen aus seiner Kindheit nach all die Seelen all der Verstorbenen weilen. Er schaute hinauf in den Himmel, an dem der Abend dämmerte, in den die Flamme seiner Kerze sein Gedenken schickte.

Und er hatte viele Menschen gesehen, viele alte Frauen und Männer, die auf dem Friedof unterwegs waren. Und nur wenige junge Leute, wenige Kinder. Keine Jugendlichen – oh doch, da waren diese zwei, dieses “Pärchen”, das vor einem recht frischen Grab noch ohne Stein stand, und die gemeinsam ein Licht entzündeten und es beide gemeinsam mitten in die welken Blumen und unansehnlich gewordenen Kränze stellten. Die Schultern des Jungen zuckten, vielleicht weinte er. Eine Weile standen die beiden da und beobachteten das Licht, sahen immer wieder hinauf zu den Wolken und Sternen. Und manchmal schien es ihm, als hörte er eine leise Melodie herüberwehen. Eine traurige Melodie, an die er sich auch irgendwie erinnerte. Aber eben nur an die Melodie, an die Töne erinnerte er sich, nicht an das Lied, nicht an den Text, der irgendwie mit Kindern zu tun haben müßte …

Ja, auch er wurde wohl alt. Vergeßlich zumindest. Was kein Wunder war, denn tagtäglich wurden seine Sinne und sein Hirn zugeballert mit nutzloser Information, mit Falschinformation sogar. Und es fiel ihm immer schwerer, Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden. War es wahr, daß …? Oder wäre es eine Lüge, vom Fest der Liebe und der Freude und der Familie zu sprechen, wenn er doch allein ist? Ach, das. Das beginnt doch sowieso erst nach dem Totensonntag. Und er war und ist und bleibt neugierig, was es ihm in diesem Jahr bringt. Als er den Friedhof verließ, sang er leise vor sich hin: “Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb …”

 

 

Leider kam ich gestern nicht dazu, auf einen Friedhof zu gehen … ich hol es nach, ganz sicher.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 23. November 2014 war die nicht leuchtende Beleuchtung.
 
Tageskarte 2014-11-24: VIII – Die Kraft.

© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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6 Antworten zu Für gestern

  1. Sofasophia schreibt:

    Schön und schön-melancholisch …

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  2. arabella50 schreibt:

    Das Lied von den Königskindern singe ich gerne mit.

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  3. danielajaeggi schreibt:

    EInfach nur danke für den schönen Text!

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  4. Amelie schreibt:

    Ein sehr berührender Text.

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