Die erste Kerze 2014: Erster Advent.

Unerwartetes Geständnis neben meinem Bett

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Wieder werde ich von einem Geruch geweckt. Nein, nicht von einem Geruch. Das ist ein Duft, ein Duft meiner Kindheit, glaube ich … bin ich mir sicher. Den kann es doch aber hier nicht geben? Eine der Krankenschwestern bringt mir gerade dünnen Kaffee und einen Spekulatius. Ich weiß nicht, ob es auch ihr Eindruck ist, aber meiner Meinung nach sind wir uns in der vergangenen Zeit doch nähergekommen. Menschlich, nicht sexuell. Nur damit hier niemand etwas Falsches vermutet oder unterstellt. Deshalb habe ich Mut genug, sie jetzt anzusprechen und sie nach dem Geruch, dem Duft zu fragen. Sie lächelt, verspricht mir, gleich wiederzukommen und ist – wuuuschschsch klapp – aus dem Krankenzimmer verschwunden.

Ein Krankenzimmer. Mein Bett, eine ganze Reihe von Geräten drumherum, denen vor zwei oder drei Tagen da dauernde Piepsen genommen wurde. Neonlicht, einige Leuchtdioden, ein Fernsehgerät gegenüber an der Wand. Das zweite Bett steht leer, ich bin hier ziemlich oft allein. Nicht einsam, nein, es kümmern sich viele Menschen um mich, Krankenschwestern, Ärztinnen, Ärzte, sogar ein “Gesundheitspfleger und ein Physiotherapeut besuchen mich regelmäßig. Aber nicht eine(r) hat mir gesagt, was geschehen ist, wie lange ich schon hier bin und was mich nun genau in diesem Bett festhält”, außer den Kabeln und Schläuchen, mit deren Hilfe ich überwacht und versorgt werde. Draußen sehe ich es hell und dunkel werden, meine Zeit wird bestimmt durch meine Behandlungen und die Mahlzeiten. Ich könnte das TV-Gerät nutzen, habe es aber noch nicht getan.

Als wäre ich für eine Weile schon aus dem Betrieb der Welt ausgeschieden, so liege ich hier. Die Augen sind … Ich weiß es nicht. Liege ich mit offenen Augen hier oder habe ich mich hinter meinen Lidern versteckt? So wie die Töne am Anfang wie durch dicke Watteschichten gedämpft klangen, so sehe ich vieles unscharf, vernebelt, hell in hell verschwimmend. Manchmal nur stört mich das, meist ist es mir einfach egal.

Die Schwester kommt wieder, ich weiß es, noch ehe sie die Zimmertür öffnet und hereinkommt. Ich räuspere mich. “Sagen Sie bitte, wie heißen Sie eigentlich?” Ich hoffe, daß sie meine leise Frage verstanden hat. “Aber das steht doch auf meinem Schild”, antwortet sie, hält mir ein Stück ihres Schwesternkittels entgegen. Ich versuche, etwas zu erkennen, aber es geht nicht. Ich schüttele vorsichtig mit dem Kopf. “Machen Sie sich bitte keine Sorgen, Sie werden bald wieder richtig sehen können. Das kann nämlich von den Medikamenten kommen, die Sie noch benötigen. — Ich heiße Sabine.” fügt sie noch hinzu. “Und wenn Sie mich nicht verraten, dann verrate ich Ihnen jetzt, was hier so riecht.”

Ich nicke, und Sabine geht wieder auf den Flur. “Augen zu!” ruft sie von draußen herein, dann klappert ein Wagen in mein Zimmer. “Wissen Sie”, spricht sie weiter, “ich wurde in Schlema geboren und habe lange Zeit im Erzgebirge gelebt. Erst vor ein paar Jahren bin ich hier in der Stadt ansässig geworden. Einige Traditionen habe ich mir von zuhause mitgebracht. Zum Beispiel” – ich höre ein Feuerzeug – “vieles, was mit Advent und Weihnachten zu tun hat.” Der Duft, dieser Duft wird sehr intensiv, und Sabine pustet, als würde sie sich wie meine Mutter um eines meiner Kinderwehwehchen kümmern. “Jetzt machen Sie die Augen wieder auf. Heute zum ersten Advent hatte ich eigentlich mit meinen Kolleginnen im Schwesternzimmer ein wenig vorweihnachtliche Stimmung in unserer Pause geplant.” Neben meinem Bett steht die Krankenschwester, auf dem Wagen vor ihr steht ein Tannengesteck, in dem ein Teelicht brennt. Und daneben? Da steht ein Räuchermännchen, ein echtes Räuchermännchen! Ein Bergmann im Habit trägt eine Erzstufe, und aus seinem Mund steigt ein ganz feiner Rauch auf.

“Das sind … das ist”, stammele ich, während ich gierig die Luft durch die Nase ziehe, “das sind Neudorfer Weihrauchkerzen?” “Ja, meine Lieblingssorte; die gehören zu Weihnachten bei mir zuhause.” Und ich liege da und betrachte dieses Stückchen Adventsstimmung hier in diesem beinahe sterilen Krankenzimmer, und ich kämpfe mit den Tränen. “Wenn ich Sie nicht störe, dann bleibe ich für ein paar Minuten hier bei Ihnen sitzen”, sagt die Erzgebirgerin, die Krankenschwester. Sabine holt sich einen Stuhl und setzt sich neben mein Bett. Der Kloß in meinem Hals verhindert, daß ich irgendetwas Dummes sage.

Dann summt sie das Lied vom “Raachermaannl” vor sich hin, bis das Telefon in ihrer Tasche klingelt. Sie löscht die Kerze, lächelt mich ein wenig traurig an und schiebt den Wagen vor sich her nach draußen. “Tschüß.” flüstere ich ihr nach.

Mit diesen paar Minuten, so werde ich mich später erinnern, hat eine Krankenschwester mir den schönsten ersten Advent meines Lebens geschenkt.

 

 

Wer mag, kann diese Geschichte als Fortsetzung zu “Abends am Fluß” und zu “Stimmen und grelles Licht” lesen. Muß aber nicht, oder?

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 29. November 2014 war das Gespräch am Abend.
 
Tageskarte 2014-11-30: XVII – Der Stern.

© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

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6 Antworten zu Die erste Kerze 2014: Erster Advent.

  1. arabella50 schreibt:

    Die Sehnsucht nach der Heimat wird an Weihnachten und bei Krankeheit oft groß.
    Wie nahe ein Duft sie uns doch bringen kann.
    Und eine liebe Geste erst…
    Ich wünsche einen schönen 1.Advent.

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  2. Gudrun schreibt:

    Eine sehr berührende Geschichte lieber Emil. Ich wünschte mir, dass es überall so aufmerksame Menschen gäbe, egal wie die Ausgangssituation ist.
    Dein Header hat sich geändert. Dein Arzgebirgsches bewundere ich immer wieder. Sind das kleine Öfchen? Und hast du ein beheizbares Klohäuschen?
    Auf alle Fälle wünsche ich dir einen schönen, gemütlichen ersten Advent.

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  3. Elvira schreibt:

    Ein Herzschlag Glück – was will Mann/Frau mehr?

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  4. Gabi schreibt:

    Eine wunderschöne Geschichte!
    LG Gabi

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