Das 10. Türchen: Ein kleines Weihnachtskonzert.


Solo im weißen Hemd vorm großen Weihnachtsbaum.

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Alle meine Kerzen brennen für alle, die Hoffnung brauchen.

 

 
Was ist ein Bethlehem?
 

Zu den üblichen Ermahnungen, die Peter von seiner Mutti täglich mit auf den Schulweg bekam, gesellte sich noch eine weitere: “Und paß heute bitte besonders auf, daß Du Dich in der Schule nicht schmutzig machst oder beim Essen bekleckerst.” Daran muß Peter denken, als er nach dem Mittagessen mit den anderen Kindern im Speisesaal auf Herrn Stock wartet. Peter hatte es geschafft, das weiße Hemd ganz sauber zu lassen. Ein richtiges Hemd mit Knöpfen, eines, wie es Vati früher anhatte, als er noch zur Arbeit ging. Aber das war, als Peter noch nicht zu Schule ging. Ein wenig traurig wird der Junge, denn er vermißt Vati, seit der eines Tages nicht meh nach Hause kam. Mutti hatte lange geweint und Peter fest im Arm gehalten … In diesem Augenblick kommt Herr Stock, der Musiklehrer, und ruft ein lautes “Hallo Chorkinder!” in den Raum. “Wir haben noch etwa eine halbe Stunde, ehe uns die Taxis abholen. Laßt uns noch ein wenig proben.” Die Kinder nehmen Aufstellung und singen ein paar Tonleitern, ein paar Terzen, Quinten und Quarten, sie blubbern und pusten und seufzen. Dann singen sie verschiedene Lieder an, die zu dem Programm gehören, das nachher aufgeführt wird. Wie alle anderen Kinder ist Peter aufgeregt, obwohl das nicht sein erster Auftritt ist und er mit dem Schulchor schon oft auf einer Bühne stand. Na gut, es war dreimal, aber auch das ist für einen Jungen in der zweiten Klasse schon oft.

Es ist soweit. Vor der Schule stehen fünf große Taxis, mit denen die dreißig Kinder ins Seniorenheim – Herr Stock sagt immer Feierabendheim dazu, aber Herr Stock ist auch schon uralt und könnte bestimmt selbst dort wohnen – gefahren werden. Dort gehen alle durch lange, breite Gänge in ein übergroßes Wohnzimmer, es ist fast so groß wie der Speisesaal der Schule, in dem auf einem Podest ein großer, bunt geschmückter Weihanchtsbaum steht. Herr Stock spricht mit einer Frau, die ihnen eine riesige Tür öffnet und sie in einen anderen, ebenso großen Raum führt. Endlich kann Peter seine dicke Jacke ausziehen. Und nocheinmal übt der Chor Tonleitern und andere Dinge, die “die Stimme locker machen”, wie Herr Stock immer sagt.

Nun geht es hinaus, die Kinder sollen sich auf dem Podest vor dem Weihnachtsbaum aufstellen. Im großen Zimmer sitzen jetzt sehr viele, urururalte Omas und Opas, für die der Chor sein kleines Konzert gibt. Es ist still. Herr Stock schlägt eine Stimmgabel an, summt die Töne für die einzelnen Stimmen. Die Kinder summen mit, auch Peter, der vor Aufregung doch nocheinmal husten muß. “Sind die Lichter angezündet” klingt es durch den Raum. Peter merkt, daß sein Hals plötzlich überhaupt nichtmehr kratzt, er ist nur noch ein bißchen nervös. Weiter geht es mit “Wir wollen rodeln geh’n” und “Morgen, Kinder, wird’s was geben”. Das nächste Lied beginnt Silke aus der Vierten alleine: “Schneeflöckchen, weiß‘ Röckchen, wann kommst Du geschneit?” Den Rest der ersten Strophe singt der ganze Chor. Dann ist endlich Peter dran mit seinem Solo. Er muß auch einen Schritt nach vorn gehen und singt: “Komm, setz‘ Dich ans Fenster, Du lieblicher Stern.” Dann singt wieder der Chor. Bei “Oh Tannenbaum” glaubt Peter, daß einige der ururalten Omas und Opas mitsingen, denn neben den Stimmen der Kinder ist auch ein Brummeln im Raum zu hören. Herr Stock hat das bestimmt auch gehört, denn er dreht sich jetzt um und winkt den alten Leuten einladend zu. Das Brummeln wir da auch lauter. Nur nicht durcheinanderbringen lassen, denkt Peter, als Herr Stock wieder seine Stimmgabel zieht und die Einsätze für das nächste Lied gibt. Das ist nämlich schon schwieriger und hat einen sehr seltsamen Text: “Ihr Kinderlein, kommet.” Peter fragt sich schon eine ganze Weile, was denn ein Bethlehem ist. Kaninchen- und Hühnerstall, Kuh- und Schweinestall kennt er, aber Bethlehemstall – er hat sich bisher auch nicht getraut, Mutti danach zu fragen, aber nachher gleich wird er das tun.

Beim nächsten Lied fangen dann einige der Omas an, laut mitzusingen. Das klingt ganz schön schief, wie sie da “Stille Nacht” singen. Und auch einen Mann glaubt Peter zu hören. Die Stimme erinnert ihn an seinen Opa, aber der wohnt nicht hier im Heim, sondern in Leipzig, da, wo Peter mit seiner Mutti und seinem Vati früher wohnte. Endlich stimmt der Musiklehrer zum letzten Lied an. “Oh Du fröhliche” Peter darf in diesem Lied sogar eine Triangel schlagen und muß gut aufpassen, daß er nicht aus dem Takt kommt. Und die Opastimme, die singt bei dem Lied laut und richtig mit. Es muß der Mann dort drüben am Fenster sein, der etwas Goldenes in seiner Hand immer dann klicken läßt, wenn Peter die Triangel schlägt. Alle Strophen singt der alte Mann mit, laut und richtig und in der zweiten Stimme. Wie sein Opa.

Das Konzert ist zuende, die uralten Leute klatschen. Nicht alle, aber viele. Herr Stock und die Kinder verbeugen sich und gehen dann in den Nebenraum. Ganz sehr gelobt werden sie alle vom Musiklehrer, der aussieht, als ob er geweint hätte. Und besonders gelobt werden Silke, Ramona, Christel, Gunther und natürlich auch Peter, die heute besondere Aufgaben hatten. Schon im Taxi sitzend, das die Kinder zur Schule zurückbringt, denkt Peter noch einmal an den alten Mann mit dem goldenen Ding. Von dem muß er unbedingt Mutti erzählen. Und er muß auch endlich fragen, was denn nun so ein Bethlehem ist.

 

 

Peters Erlebnisse werden mich in der Adventszeit weiter begleiten.

 

Geschrieben am Morgen im Zug nach Magdedorf. In MD-Südost wollte ich aussteigen. Irgendwann kam die Durchsage, daß der Zug wegen technischer Probleme in MD endet und ab dort ein anderer Zug weiterfährt. Die Frau von gegenüber fragte irgendwann: “Das hier ist jetzt aber erst Buckau?” Buckau war es tatsächlich, eine Station zu weit gefahren. Und weil alles noch ausgepackt war, schaffte ich das Aussteigen auch dort nicht. Also: Schwarzfahren von MD-Südost bis MD Hbf, weil ich so vollständig in diese Geschichte abgetaucht war.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 10. Dezember 2014 waren der Tag in Magdedorf mit dem Besuch der villa.p mit der Sonderauststellung der “Augsburger Puppenkiste”, eine besondere Weihnachtsüberraschung aus der Offizin in Berlin und der Abend.
 
Tageskarte 2014-12-11: 0 – Der Narr.

© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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6 Antworten zu Das 10. Türchen: Ein kleines Weihnachtskonzert.

  1. Heike Pohl schreibt:

    Ich hab auch vergessen, auszusteigen <3

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  2. Sofasophia schreibt:

    Ich fahre gerne noch ein bisschen schwarz mit Peter und dir mit.
    Da wirds sogar mir ein bisschen kinderweihnachtlich zumute.
    Danke fürs Mitnehmem!

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  3. Gabi schreibt:

    Die Geschichte erinnert mich an meine Schulzeit. Ich war im Schulchor und auch wir haben in einem Altersheim vor Weihnachten gesungen. Nachdem wir unsere Lieder im Saal vorgetragen hatten, wurden wir in Zweiergruppen eingeteilt um in den Zimmern für die alten Leute zu singen, die bettlägrig waren. Diese Menschen hatten danach oft Tränen in den Augen, tätschelten unsere Hände und bedankten sich aufs herzlichste. Das hatte mich damals sehr berührt.
    Danke, dass Du mich mit Deiner Geschichte an dieses Ereignis erinnert hast.
    LG Gabi

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