Das 14. Türchen; die 3. Kerze: Der dritte Advent.


Singender, klingender Advent

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Alle meine Kerzen brennen für alle, die Hoffnung brauchen.

 

 

Einige Tage lebt der alte Mann jetzt schon in dem neuen Zimmer, doch er fühlt sich nicht richtig darinnen zuhause. Das Waschbecken im Bad ist an der falschen Wand. Der Fernseher funktioniert nicht so wie seiner, die Programme sind völlig durcheinander. Nachdem er den Pfleger jetzt ein paar Mal darauf angesprochen hat, ist heute der Tag, an dem Sven ihm wenigstens dabei zur Hand gehen will. Das hat er versprochen, als er gestern mit dem alten Mann in einem Zimmer war, das seltsam nach Rauch roch. Wie damals der Keller in Dresden. Aber das, ja das Zimmer sah so aus wie seines. Und im Schrank hingen seine Hemden und Hosen, seine Bücher standen dort und ein Foto, auf dem er sich neben einer hübschn Frau erkannte. Ob das eine berühmte Schauspielerin war?

Die Brille ist grad nicht auffindbar, auch nach ihr will er Sven fragen, der jeden Moment auftauchen müßte. Deshalb sitzt der alte Mann ein bißchen wie auf dem Sprung in einem Sessel und hört dem Fernsehgerät zu. Zur volkstümlichen Musik passend tanzen vorm Fenster ein paar Lichtreflexe, aber der Schnee, von dem so oft gesungen wird, der zeigt sich nicht. Naja, bis Weinhachten dauert es ja noch eine Weile, vielleicht wird das ja noch. Es klopft, die Tür geht auf und im Zimmer steht – nein, leider nicht Sven. Eine der Schwestern ist hereingekommen, um ihn abzuholen. “Sie wollten doch heute mitkommen in den Saal, zum Stollenessen und zum Weihnachtskonzert.” Eine ziemlich resolute Frau, diese Mandy, zu der die sanfte Stimme überhaupt nicht passen will. “Na, kommen Sie mit. Wir gehen zusammen nach vorne.” “Na, dann woll’n wir mal”, sagt der alte Mann, “aber sehn Sie mal, ob meine Brille hier irgendwo liegt?” Lächelnd greift Schwester Mandy zu und schiebt die Sehhilfe von seiner Stirn vor seine Augen. Oh, da wird der alte Mann beinahe ein wenig rot. Aber jetzt kann es losgehen.

Auf dem Weg zum Saal kommt Sven ihnen entgegengehastet. Und noch ehe der alte Mann etwas sagen kann, verspricht der Pfleger ihm schon: “Nach dem Konzert komm‘ ich bei Dir vorbei und stell‘ Dir die Fernsehprogramme ein. Und inzwischen”, er kramt in seinen Kitteltaschen, “kann ich Dir das ja schon zurückgeben.” Sven drückt dem alten Mann etwas schweres, goldenes in die Hand und ist schon um die nächste Ecke verschwunden. Ein Feuerzeug, ach ja, sein Feuerzeug. Stimmt, das hatte Sven ja mitgenommen. Er versucht, mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk – wie früher! – die Abdeckung aufzuklappen, einmal, zweimal, dreimal, beim vierten Versuch klappt es endlich. Mandy drängt nun doch zur Eile, denn sie sehen beide, wie Kinder in den Saal huschen. Der alte Mann kann seine “Bewachung” gleich an der Saaltür abschütteln – Mandy ist natürlich keine Bewachung, ebensowenig wie Sven, denkt er und lächelt vor sich hin. Quer durch den Saal geht er jetzt an vielen, vielen alten Schachteln vorbei zum Fenster und setzt sich dort an einen Tisch. Das stört ihn etwas, daß überall nur Greisinnen zu sehen sind und keine jungen, hübschen Frauen. Seine Luise, die ist auch nicht da. Will die etwa kein Weihnachtskonzert hören? Ach, soll sie doch, denkt er grad in dem Moment, da eine Kinderschar vor dem Weihnachtsbaum Aufstellung nimmt. Und wie die Kinder zu singen anfangen, erinnert er sich auch an all die Lieder, die er viele Jahre im Chor des Leipziger Gewandhauses sang.

Irgendwann glaubt der alte Mann, daß der Dirigent der Kinder ihnen hier im Saal aufmunternd zuwinkt. Ob er sich wirklich trauen soll, mitzusingen? Einige Frauen hört er schon. Zunächst versucht er, mit seinem Feuerzeug leise im Takt zu klicken: Deckel mit dem Daumen aufschnippen, Deckel wieder zu. Und irgendwann vergißt er alles um sich herum, gibt sich den Lichtern auf dem Weihnachtsbaum hin, gibt sich der Musik hin und singt mit. Leise, er mag ja nicht stören, aber text- und melodiesicher ist der alte Mann bei “Stille Nacht”. Und beim Schlußlied kann er sich nicht zurückhalten, da läßt er seinem noch immer erstaunlich sicheren Bariton freien Lauf.

Später am Nachmittag, draußen dunkelt es bereits. Der alte Mann hat an seinem Adventskranz drei der künstlichen Kerzen angeschaltet. Leider darf er hier keine Räucherkerzen und auch keine richtigen Kerzen verwenden. Sven ist bei ihm und stellt die Sender im TV-Gerät ein. Und noch später sitzt der alte Mann mitsingend vorm Fernseher, nascht hin und wieder ein Stück Pfefferkuchen oder einen Dominostein und singt mit vollem Munde einfach weiter mit.

 

 

 

Es war von mir nicht geplant, daß die Geschichten so ineinandergleiten. Aber sie tun es, und ich bin selbst gespannt, wie es weitergehen wird.

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 12. Dezember 2014 war der Salbeitee mit Honig.
 
Tageskarte 2014-12-13: IX – Der Eremit.

© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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9 Antworten zu Das 14. Türchen; die 3. Kerze: Der dritte Advent.

  1. S. Meerbothe schreibt:

    Jetzt hab ich am Sonntag Morgen feuchte Augen. Die Tageskarte mag ich sehr.
    Liebe Grüße,
    Silvia

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  2. Sofasophia schreibt:

    Ach, das ist doch genial, wie deine zwei Geschichten ineinander hinein wachsen. Und ich frag mich grad, ob es wohl vor allem die Kinder, die alten Menschen und die Kinder in uns allen drin sind, die Weihnachten noch als das, was es wohl ursprünglich wäre, wahrnehmen können.

    (Bei mir ereignet sich da zurzeit eine Art Annäherung/Versöhnung – ein Wunder vielleicht? – bezüglich Weihnachten. You remember?)

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    • Der Emil schreibt:

      Ich hab’s schonmal im Kommentar geäußert.In mir gärt ein Verdacht.

      Ist wohl so, daß der Mensch im Alter wieder zum Kind wird

      Und das Weihnachtsfest ist auch ein Fest der Versöhnung, mit vielen und nielem …

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  3. Elvira schreibt:

    Das Wunder der Weihnacht hat so viele Gesichter und Geschichten. Deine lese ich besonders gerne, mein inneres Kind nickt dann häufig mit dem Kopf und klatscht in die Hände.
    Liebe Grüße,
    Elvira

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  4. Elvira schreibt:

    So viele Generationen in einer Person!

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  5. Gabi schreibt:

    Wunderbar Deine Geschichten. Man kann sich bei Dir immer so gut in die Personen hineindenken und sich so richtig „hineinfühlen“.
    Sehr bewundernswert finde ich, wie Deine Geschichten hier zusammenwachsen. Bin gespannt, wie es weiter geht.
    LG Gabi

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