Konzeptueller Trend (10/355)

Nur einen kurzen Moment die Beherrschung verlieren

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Aus dem Nilpferd zitiere ich heute, aus dem ich zum Buchfink gestern abend gerade nicht gelesen habe:

 

 

Du hast sicher auch solche Momente durchgemacht, wo das Leben einem grenzenlos absurd vorkommt. Gerade jetzt, wo ständig dieses Todesurteil über Dir Hängt. Mir begegnen die am häufigsten, wenn ich aus dem Fenster eines fahrenden Autos oder Zuges schaue. Du siehst plötzlich etwas absolut Gewöhnliches, meinetwegen auf dem Bahndamm nickende Glockenblumen, oder eine Familie beim Picknick auf einem Rastplatz, und plötzlich kann Dein Verstand die Vorstellung einer Welt voller Leben und Objekte und Mitmenschen nicht mehr aufrechterhalten. Allein die Idee eines Universums scheint Dir monströs, und Du siehst Dich außerstanden, daran teilzuhaben. Was, beim Himmel, glaubt jener Baum, wozu er da ist? Warum liegt dieser Kieshaufen da so geduldig? Was tue ich, wenn ich aus einem Fenster starre? Warum hängen all diese Glasmoleküle so zusammen, daß ich durch sie hindurchsehen kann? Natürlich vergeht ein solcher Moment, und wir kehren in unser angestammtes Reich stumpfen Denkens und noch stumpferer Zeitungen zurück: In Bruchteilen einer Sekunde sind wir wieder Teil dieser Welt, bereit, wegen der Stupidität eines Kabinettsangehörigen einen Herzanfall zu erleiden oder uns dazu verführen zu lassen, uns um irgendeinen kreuzbescheuerten neuen Trend in der Konzeptkunst zu kümmern, wieder einmal werden wir Teil des großen Komposthaufens. Unsere Absence ist so flüchtig und unsere Kontrolle über sie so schwach, daß kein Willensakt diese Erfahrung zurückholen kann.

Stephen Fry: Das Nilpferd. S. 86 f. Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG München 1998
ISBN 3-453-11599-6.

 

 

“In Bruchteilen einer Sekunde sind wir wieder Teil dieser Welt, bereit, [ … ] uns dazu verführen zu lassen, uns um irgendeinen kreuzbescheuerten neuen Trend in der Konzeptkunst zu kümmern” … Wie wahr, wie toll, wie konzeptuell trendig!

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 9. Januar 2015 war der Buchfink.
 
Tageskarte 2015-01-10: Die Drei der Kelche.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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6 Antworten zu Konzeptueller Trend (10/355)

  1. S. Meerbothe schreibt:

    Meine Momente sind da anders. Gerne, wenn ich im Wald laufe. Dann passiert es, dass alles stark an Kontrast zunimmt. Es ist dann für mich, als würde ich durch eine Filmkulisse laufen. Überplastisch, würde ich es nennen. So, dass es halt nicht mehr echt wirkt.

    Schönen, guten Morgen und liebe Grüße,
    Silvia

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  2. Sofasophia schreibt:

    Voll genial. Ich habe solche Absenzen ziemlich oft, fast wie eine Art eigene Parallelwelt. Dass das andere auch kenne, wagte ich kaum zu denken.
    Und du? Alle womöglich?!

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