Was gerade fehlt und schlecht ersetzt werden kann (11/354)

Ein Ausflug hinaus aus dieser Realität, hinein in den Winter, bitte

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Draußen toben die Stürme ums Haus, die den Herbst nicht mehr rechtzeitig erreicht haben. Es ist ein Wetter … ein Wetter, das ich mir 15 Grad kälter durchaus als wunderbar winterlich vorstellen kann. Dann nämlich wären da draußen gut und gern -6 °C; und das vom Sturm durch die Luft Getriebene wäre nicht schnödes Wasser in Tropfenform, sondern Schnee. Doch Schnee und Wintergefühl fehlen der Gegend, fehlen ganz besonders mir. Und damit beginnt das Jahr nicht gerade gut. An Bäumen und Büschen und Hecken sehe ich erste neue Triebe; Anfang Januar bereits scheinen manche Gehölze austreiben zu wollen. Drei, vier Monate zu früh! Und gegen dieses “zu früh” hilft mir auch meine Weihnachtstradition nicht, die mir gebietet, Räuchermännchen und Pyramiden und Leuchter bis zu Mariä Lichtmeß stehenzulassen, zu benutzen. Der schönste Kerzenschimmer und die wundervollsten wandernden Schatten an der Wand sind nichts wert, wenn es vor dem Fenster aussieht wie Anfang November: feucht, stürmisch, schlammig, braun (obwohl ich Braun, sattes Mutterbodenbraun sogar als eine meiner Lieblingsfarben bezeichne).

Es fehlen das Schneeweiß, die Stille der Flockendecke, die Helligkeit der Nächte, um mich willentlich aus der “normalen” Realität heraustreten zu lassen. Dort, draußen, in meiner eigenen, literarischen(?), zumindest aber textlichen Welt, liegen meine Ideen. Dort, in Textestan, in Scribentalien muß und kann und will ich die Krümel, die Fladen, die Kleckse aufsammeln, die ich dann verschriftliche. Dort finde ich die Kiesel und die Brillianten, die Ziegel und den Sand und den Beton. Nein, nicht alles auf einmal – ich muß mir schon Mühe geben, wenn es etwas komplexer werden soll … Brillianten und Ziegel, wohl manchen Kiesel kann ich hier ja so herzeigen, wie ich sie aufgeschrieben habe (jaja, aufgeschrieben, nicht aufgelesen!), an anderem sollte ich arbeiten. Zu vielem fehlt mir noch das eine oder andere ergänzende Stücklein, welches ich jetzt gern holen würde. Doch leider wird die stimmungsvolle Musik, die mich sonst auf diesen Reisen begleitet, vom Klatschen der Regentropfen an die Fensterscheiben gestört

Ob ich auch “Absencen” kennte, fragte Soso mich gestern in einem Kommentar. Klar kenne ich sie. Es sind genau jene Momente, in denen ich aus der normalen Realität herausfalle oder heraustrete, aussteige, und in den Texten so sehr versunken bin, daß ich das Aussteigen aus dem Zug vergesse, keinen Schmerz mehr spüre, nichts anderes mehr höre. Und ja, auch ich schaffe es nicht, diese Zustände so ganz trivial willentlich (wieder-) herzustellen. Der Winter und insbesondere der Schnee hülfen mir dabei recht sehr, schaffen sie doch in mir, für mich, um mich herum diese besondere Atmosphäre und Stimmung, die sich jeglicher genauerer Beschreibung durch mich verweigert. Ich erkenne sie, wenn sie da sind, ich bemerke, wenn sie fehlen. Ich kann zur Winterzeit nur unter erheblichen Schwierigkeiten in meine textlichen Welten eintauchen, wenn kein Schnee liegt.

Traurig und müde sehe ich in die Flamme der Jahreskerze. Die daran vorbeiziehenden Schwaden aus dem Räucherhäuschen sind kaum zu erkennen. Doch der Duft übertönt den des Salbeitees, den ich langsam schlürfe. In jenem zaubert der mit aufgebrühte Sternanis kleine Aromastolperer auf meine Zunge, die sich wie Purzelbäume der Geschmacksnerven anfühlen. Ich hatte Sternanis im Tee noch nie probiert und bin vielleicht aus diesem Grunde von diesem Geschmack so überrascht. Na, da habe ich ja zumindest einen winterlich-weihnachtlichen Genuß im Mund. Vielleicht hilft der mir jetzt beim Verfassen eines Textes, indem er mich zumindest einen sehnsüchtigen Blick nach Scribentalien oder Textestan werfen läßt …

Wir treffen uns dort, ja?

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 10. Januar 2015 waren die Ruhe und der Salbeitee.
 
Tageskarte 2015-01-11: XX – Das Gericht. Das Auferstehen der Toten symbolisiert eine Befreiung von den alten Lebensmustern.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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14 Antworten zu Was gerade fehlt und schlecht ersetzt werden kann (11/354)

  1. danielajaeggi schreibt:

    Und ob wir uns da treffen! Bestimmt! Lesenswert, wie immer! :-)

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  2. Bruder Indiana schreibt:

    Interessante Tageskarte, überlege grade wann denn Maria Lichtmess ist. Als nicht Katholik bin ich da nicht so bewandert.. Das Eingeschlossen sein in den Räumlichkeiten behindert schon sehr die Ideen. Das Fühlen der Jahreszeiten und mit ihnen zu leben ist schon etwas besonderes. Bis jetzt fehlt mir immer noch aufkommendes Frühlings Gefühl. Die Vögel sind in diesem Jahr auch verdächtig ruhig. Da wird der Winter bestimmt noch um die Ecke schauen.

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  3. Sofasophia schreibt:

    Versuchs mal mit Phototapete übers Fenster. Oder halbdurchsichtigen Schneeimitaten über den Scheiben?
    Nein, im Ernst, ich verstehe zwar theoretisch dein Dilemma (bei mir wärs Sommer ohne Sonne), aber vermissen tu ich den Schnee nicht wirklich. Obwohl mir das Klima schon sehr zu denken gibt. Und nicht nur das Klima. Die Menschen sinds vor allem. Hm. Ich wünsch dir Schnee, ganz ehrlich, ganz herzlich.
    [Solange es hier bei mir nicht schneit. :-) ]

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  4. Clara Himmelhoch schreibt:

    Emil, dieser Satz mit deinen Schöpfungen hat mich begeistert: „Dort, in Textestan, in Scribentalien muß und kann und will ich die Krümel, die Fladen, die Kleckse aufsammeln, die ich dann verschriftliche. … “
    Als wenn ich deine Sehnsucht geahnt hätte, zeige ich dir heute Schnee – zwar nicht von heute oder gestern, aber eben Schnee.

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    • Der Emil schreibt:

      Nix Dummerchen. Ich hab auch an den „Schöpfungen“ gekaut, bis ich mir jetzt erkläre, Du meintest die beiden Wortschöpfungen Textestan und Scribentalien.

      Den hatte ich sehr früh schon gesehen. Ach, ich hätt ihn gern hier!

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  5. Clara Himmelhoch schreibt:

    Hat 2015 nur 354 Tage? Oder welchen Tag wirst du nicht schreiben?

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  6. Ulli schreibt:

    du hast recht, es ist etwas schwierig in diesem Winter mit dem Rückzug und dem nach Innen gehen und alles herausholen, was dort ist. Trotzig bin ich, tue es, weil ich es mir für diesen Winter vorgenommen habe, gegen das Gebrüll und Gefauche des ewigen Strums, der um unser Haus tobt, es scheint, als beruhige er sich zwischendurch, aber in Wirklichkeit holt er wohl nur Luft, um dann noch heftiger zu blasen, gestern war hier alles grün und auch ich sah letzten Sonntag eine grüne Trauerweide in Freiburg, es war die Frage ob noch oder schon wieder … heute flockt es vor dem Fenster, aber morgen soll es schon wieder warm werden. Ja, das Wetter macht etwas mit uns, ob wir es wollen oder daran glauben oder eben nicht …

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  7. Gabi schreibt:

    Auch hier ist nach den paar kurzen „Einlagen“ kein Winter. Ich denke Du weißt, dass ich kein großer Freund von Schnee und sehr kalten Temperaturen bin. Aber ich muss gestehen, so ein Winter ohne Winter fühlt sich eigenartig und irgendwie „nicht richtig“ an.
    Schon der letzte Winter verlief durchgehend genauso. Und als dann der Frühling kam, hatte ich ebenso das Gefühl, es ist keiner. Ich wartete darauf und er kam nicht, denn es veränderte sich anfangs nicht viel. Auch wenn es natürlich wärmer wurde und später – wie üblich – schnell sehr bzw. zu heiß, gab es irgendwie keinen Übergang. Das Wetter tümpelte bis zu einem gewissen Zeitüpunkt so dahin – ohne viel große Veränderungen.
    Früher freute ich mich immer, wenn es dann endlich wärmer wurde, die Minustemperaturen verschwanden und es langsam „erträglicher“ wurde. Das fehlte letztes Jahr gänzlich.
    Schauen wir mal, wie es dieses Jahr wird. Noch ist ja erst Jänner.

    Wie gesagt, obwohl ich richtige Kälte hasse, scheint es so, als ob sie für mich notwendig ist, um mich dann so richtig auf den Frühling freuen zu können. – Ein bisschen absurd. :-)

    LG Gabi

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