Wieder eine Oma (27/338)

Diesmal die mit den Hausmitteln

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Bei hartnäckigem Husten hatte Oma ein, zwei ganz besondere Hausmittelchen. Beide nicht sehr schmackhaft, aber beide sehr wirksam.

Da gab es erstens den Zwiebelsaft, gegen Reizhusten (ohne Auswurf). Ein bis drei scharfe Zwiebeln schnitt sie zweimal quer durch. In einen Suppenteller, einen “guten” mit Goldrand, kam eine dünne Schicht Zucker, manchmal war das zerstoßener brauner Kandis. Darauf wurden die Zwiebelscheiben gelegt und es wurde alles wieder mit Zucker bestreut. Nach einer Weile sammelt sich der Zwiebelsaft im Teller. Zwei Teelöffel davon sorgten für eine ganze Weile ohne Hustenreiz. Mit dieser Roßkur wurde mehrmals am Tag und mindestens drei Tage lang das kranke Enkelkind versorgt. Nachteil dieser Medizin waren und sind die üblen Gerüche, die mit der Behandlung mit Zwiebelsaft einhergehen. Ihr könnt euch hoffentlich vorstellen, wie meine armen Nymphensittiche kopfunter an ihren Sitzstangen hängen …

Das zweite Mittel war Rettichsaft. Ein Schwarzer Kugelrettich aus dem Garten wurde halbiert, ein wenig augehöhlt und wieder kam Zucker hinein. Diesen Saft gab es aber erst, wenn der Husten nicht mehr trocken war. Er schmeckt besser und wird bis zum Abklingen des Hustens eingenommen. Manchmal gab es Quarkwickel, wenn der Hals zu sehr wehtat, und gegen zu hohes Fieber Waden- und Brustwickel. Die hab ich mir nicht gemacht.

Doch das alles war nur eine Seite von Omas Heilkünsten. Denn genauso wichtig war ihr Da-Sein, war, daß sie sich um mich kümmerte. Da wurde hier etwas Obst (Äpfel, Birnen) und dort etwas Eingewecktes (Blaubeeren, Kirschen, Pflaumen) extra gegeben. Und es gab für kranke Enkelkinder immer Knickebein-Bonbons, die in des Nachbars Bäckerei lose verkauft wurden, in einer spitzen Papiertüte. Und Oma spielte mit einer Engelsgeduld Mensch-ärgere-Dich-nicht mit mir. Sie las vor. Von ihr erfuhr ich von der Biblischen Geschichte. Sie hatte wohl auch einen Bilz. Sie schüttelte die Kissen auf, brachte die Wärmflasche, kochte Tee und heiße Milch mit Honig, von der sie die eklige Haut herunteraß. Brrrrr.

Oma war da. Pflegte und betuttelte die kranken Enkelkinder. Und das war damals ziemlich einfach, wohnten doch meist drei Generationen unter einem Dach. Heute passiert soetwas sicher viel, viel seltener. Das finde ich sehr schade, vor allem für die Enkelkinder und für die Oma.

 

Gestern gab es bei mir wieder Zwiebelsaft. Mein Arzt, den ich vorsichtshalber doch aufsuchte, verordnete mir nämlich: “Zwiebelsaft, Ingwertee, Inhalieren, Couch, Ruhe. Wenn’s geht, Rotlicht und Streicheleinheiten.”

Guter Arzt. Echt.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 26. Januar 2015 waren der Besuch beim Arzt, der schnell und freundlich gestaltete Termin beim Jobcenter, der nachlassende Hustenreiz und sinkendes Fieber.
 
Tageskarte 2015-01-27: Die Vier der Kelche.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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20 Antworten zu Wieder eine Oma (27/338)

  1. Sofasophia schreibt:

    Ähm Rotlicht? Also Infrarotlampe, oderrrr?
    Eine Katze bräuchtest du.
    Gute Restbesserung!

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  2. danielajaeggi schreibt:

    Wie schön, dass Du noch am Leben bist – und hoffentlich bleibt das auch so, trotz all den gruseligen Dingen, die Du trinken/machen musst. Ich wünsche Dir von Herzen gute Besserung! :-)

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  3. Neben den wundervollen Hausrezepten von deiner Oma
    (und auch meiner) ist eben Liebe doch die beste Medizin…
    Alles Gute dir und danke für den Beitrag, der mein Herz berührt….
    und hier, wenn du magst eine feste Umarmung.
    Segen!
    M.M.

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    • Der Emil schreibt:

      Meine Omas … Beide waren 1904 geboren (wenn ich mich recht erinnere) und haben also viel Lebenserfahrung ohne unseren ganzen modernen Schnickschnack sammeln müssen. Und die alten Hausmittel helfen bei einer Erkältung ja tatsächlich — entsprechende Fürsorge dazu beschleunigt den Prozeß der Heilung.

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  4. S. Meerbothe schreibt:

    Wunderschön beschrieben, ich spüre die Fürsorge und die Liebe in Eurem Miteinander.
    Weiterhin gute Besserung. Auch für die Sittiche :-D

    Liebe Grüße,
    Silvia

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  5. Pingback: Gestern: Kümmern | Tüpflischiesser

  6. S(tef)unny schreibt:

    Ach ja die lieben Omis! So eine will ich auch mal werden, nur das mit der Geduld, das werde ich sicher nicht hinkriegen.
    Allein der Gedanke an sie, hilft zur Genesung beizutragen, nicht!? Gute Besserung Dir.

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  7. Amelie schreibt:

    Ein Glas guten Rotweins … auf die besten Omis dieser Welt.
    Ich hatte auch eine. Ich Glückliche :o)

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  8. Gabi schreibt:

    Ich kann Dir das nachfühlen. Hatte es mich ja vorige Woche ebenfalls „erwischt“.
    Ich erinnere mich auch an diverse Hausmittelchen von früher. Und vor allem an das umsorgt werden von Oma oder Mama. Das fehlt mir heute oft, wo ich mich im Krankheitsfall mehr oder weniger selbst um mein Wohl kümmern muss.
    Ich hoffe, dass Du jetzt wieder gesund bist.
    LG Gabi

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