Eine besondere Klassenfahrt (55/310)

Es ist wie ein Zwang; es ist ein Zwang, denn es zwingt mich zum Denken.

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In dem Buch, aus dem ich schon gestern Nacht zitierte, fand ich gestern in der Straßenbahn auf dem Weg ins Radio noch eine Geschichte – und die hat es in sich.
Denn auch ich habe manchmal den Gedanken, daß so lange Zurückliegendes, an dem weder ich noch meine Eltern beteiligt waren, doch endlich erledigt sein könnte, daß nicht ich noch heute die Verantwortung für das tragen muß, was die Generaton meiner Großeltern und Urgroßeltern getan hat. Das habe ich sowohl auf die Geschehnisse in der DDR als auch auf noch weiter zurückliegende Ereignisse bezogen immer wieder gedacht. Nicht immer, nein, aber ganz frei davon war und bin ich nicht, von diesem Gedanken der Verjährung, des Ruhenlassens, des Vergangenheit-ist-auch-mal-vorbei. — Seit gestern bin ich es vielleicht seltener …

 

 
Klassenfahrt

Wolfgang Gabel ( ∗ 1942 )

Und einer rief: Damit haben wir doch gar nichts zu tun!
Ja, schrien alle, damals waren wir doch noch gar nicht auf der Welt!
Und dann sprachen wir über das, was wir gesehen hatten, wie über etwas, das wir für die Schule pauken müßten:
In Auschwitz haben die Nazis …
In Auschwitz wurden die Juden …
In Auschwitz sieht man noch …
Nachdem wir Auschwitz besucht hatten, fuhren wir durch bis Warschau.
Wir hatten tags darauf schon eine Besichtigungstour durch die Stadt gemacht und saßen nun müde bei einer Tasse Kaffee im Speisesaal des Hotels, als der Lehrer uns aufforderte, zuzuhören, was er uns über den Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto sagen wollte.
Und wieder rief einer: Schon wieder! Damit haben wir doch nichts zu tun!
Und ein anderer schrie: Hören Sie doch endlich auf damit. Sie verderben uns ja die ganze Fahrt!
Ja, riefen die anderen, Schluß damit. Einmal muß doch Schluß damit sein. Was haben wir mit der ganzen Nazivergangenheit zu tun?
Und niemand hatte sie kommen sehen.
Sie mag so alt wie wir gewesen sein und sprach gebrochenes Deutsch. Einer von uns pfiff sogar, denn sie sah gut aus.
Ihr kommt aus Deutschland? fragte sie, und wartete unsere Antwort gar nicht ab.
Manchmal, sagte sie, und ignorierte die Zurufe, die ihre Anschrift haben wollten und Einladungen aussprachen, manchmal schreit meine Mutter nachts und mein Vater kann sie nicht hören, weil er seit Auschwitz taub ist. Da bin dann nur noch ich da, die meiner Mutter zuhören kann, bis sie nicht mehr schreit, denn die Eltern meiner Eltern haben Auschwitz, Treblinka, Birkenau und und und nicht überlebt.
Ich bin nicht älter als ihr, oder? Wieso ist dann für euch Vergangenheit, was für mich noch immer Gegenwart ist?
Unsere Antwort wartete sie nicht ab.
Aber ich schlug dem meine Faust ins Gesicht, der ihr nachgerufen hatte, sie habe man in Auschwitz wohl vergessen.

Wolfgang Gabel: Ganz woanders, aber mittendrin. “Klassenfahrt” S. 86f
© 1990 by Arena Verlag GmbH, Würzburg, ISBN 3-401-08014-8

Ich zitiere die Geschichte hier im Ganzen, weil ich sie für wichtig halte (und hoffe, damit das Zitatrecht nach § 51 UrHG nicht überstrapaziert zu haben, wenn ich das Buch als gesamtes Werk ansehe).

 

 

Eine berechtigte, mich sehr schmerzende Frage: Wie kann etwas, das für lebende Menschen Gegenwart ist, für andere, gleichaltrige, ebenfalls lebende Menschen Vergangenheit sein? Wie kann ich, der ich durchaus auch mit dem Ministerium für Staatssicherheit zu tun hatte, einfach so sagen: Laßt das Zeug doch endlich ruhen, das ist vorbei. (Nein, ich kann es nicht ruhen lassen, denn ich habe erst in diesem Jahr selbst Antrag auf Einsicht in die Stasiakten beantragt.) Wie kann ich sagen, daß der Zweite Weltkrieg mit all seinen Ereignissen und Greueln Vergangenheit ist und doch bitte auch bleiben soll, denn ich hatte keinen Anteil daran und habe auch nicht davon profitiert – wenn ich einmal von meiner verdammt guten Schulausbildung an POS und EOS absehe?
Wie kann ich nur?

Dazu kommt noch, daß der Innenminister der Republik einen “Expertenkreis Antisemitismus” einberufen hat. Er tat das schon ein dreiviertel Jahr nach dem Beschluß des Bundetages dazu. Und er schaffte es, keinen einzigen jüdischen Wissenchaftler oder Experten in dieses Gremium zu berufen. Auch wenn sich ausgewiesene jüdische Experten zu diesem Thema sehr kritisch äußern, so hat doch diese Einberufung von Expertenkreisen ohne Beteiligung der Experten Tradition: z. B. bei den SexarbeiterInnen und dem neuen Gesetz zum Schutze der Frauen, bei den Empfängern von ALG II und der Ermittlung der Bedarfe, bei den Asylbewerbern bei der Gestaltung der Unterbringung usw. usf. — Nichts Neues also in dieser Hinsicht, “die da oben” sind heute noch viel mehr abgehoben von der Lebenswirklichkeit des Volkes als es die DDR-Führung jemals war. Aber dieses Antisemitismus-Expertendingens ist meiner Meinung nach auch ein guter Grund dafür, diese Geschichte, diese kurze Geschichte, diese eineinhalb Seiten aus einem 190-Seiten-Buch hier weiterzugeben …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 23. Februar 2015 war ein gelöstes Problem.
 
Tageskarte 2015-02-24: Die Zwei der Münzen.

© 2015 – Der Emil. Eigener Text – nicht aber das Zitat – unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

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5 Antworten zu Eine besondere Klassenfahrt (55/310)

  1. Sofasophia schreibt:

    Meine Rede! Klar, wir haben diese Vergangenheit nicht gemacht, aber wir sind Teil davon, vom Leben, von der Geschichte unserer Vorfahren, unserer Länder, unserer Welt.

    Danke von Herzen für das Zitat und deine Gedanken dazu.
    Wertvoll!

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  2. piri ulbrich schreibt:

    Es ist, ob wir es wollen oder auch nicht, unsere Geschichte. Darauf fußt unser Leben und schon deshalb ist es wichtig, das nicht zu vergessen

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  3. Lakritze schreibt:

    Und um zu erkennen, wenn es wiederkommt, müssen wir alles drüber wissen. (Ich fürchte ja, das geht im Geschichtsunterricht leicht verloren: daß es einen Boden gab für den Schrecken. Und wie der aussah.)

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  4. Gabi schreibt:

    Eben weil unsere Generation und die nachfolgenden es nicht erlebt haben, müssen wir daran erinnert werden. Die, die es erlebt haben, vergessen es ohnehin nicht. Und diese Menschen werden immer weniger. In meiner Familie gibt es mittlerweile nur mehr zwei.

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