Blick von außen (59/306)

Direkte Beteiligung ist mir unmöglich, dazu brauch ich ein alter ego

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Monatsende. Aber etwas ist anders als all die anderen Monate im Jahr. Denn der Februar hat wirklich nur vier Wochen. Da bleibt ein Wochengeld übrig. Das sind 20 Euro zur freien Verfügung. Aber er wird das Geld wieder nicht ausgeben. Wird den Schein zu den anderen stecken. Und wird hoffen, daß er sich nicht so oft daran erinnert, wo er das Geld im Schrank versteckt hat. Dann kann er nicht so oft auf diese Reserve zurückgreifen.

Seit Jahren versucht er nämlich zu sparen. Und jetzt muß er in fünf Monaten aus den 370 Euro 1200 Euro machen, damit er die Frist für das Grab im fernen Heimatdorf vielleicht doch noch verlängern lassen kann. Nochmal 20 Jahre. Und in den 20 Jahren wird er öfter hinfahren als in den vergangenen fünfzehn. In denen war er ganze vier mal an diesem Grab. Hat lieber woanders, stellvertretend, Gräber besucht, Blumen und Kerzen hinterlassen. Hatte auch Angst vor dem Besuch im Dorf.

Jetzt steigt er auf die Leiter. Ganz oben im Schrank, unter einer Schubkasteneinlage, in der sich Unmengen an Erinnerungen an ganz wenigen Dingen festmachen, liegt ein Briefumschlag. Den kramt er hervor, steigt mühsam wieder von der Leiter herunter. 2015_01_24 ist auf dem Umschlag vermerkt zwischen den beiden Siegeln. Hat er an diesem Tag hineingetan oder herausgenommen? Er kann sich nicht daran erinnern, legt den Umschlag auf den Tisch und bringt die Leiter weg.

Dann sitzt er mit einem Kaffee am Tisch, bricht die Siegel, reißt den Umschlag auf. Zählt nach. Das sind keine 370, nein, daß sind 430 Euro. Zu denen legt er die zwanzig Wochengeld. Und dann nimmt er aus Kaffeedose und Einteilbrieftasche nochmal hundertzwanzig, die er nicht verbraucht hat, eisern gespart hat in den vier Wochen des Februars. Dann sind es also 570, die er in einen neuen Umschlag schiebt. Auf dem wird das Datum vermerkt: 2015_02_28. Er erhitzt das Ende einer Stange Siegellack und läßt ausreichend davon links vom Datum hintropfen. Er leckt sein Siegel an und preßt es in die noch heiße, rote Masse. Dann wiederholt er das alles rechts vom Datum.

Er steht schon auf der wieder herbeigeholten Leiter, da entschließt er sich, auch den Betrag auf dem Umschlag zu notieren, den letzten und den aktuellen. Er steigt herab und notiert unterhalb des Datums 430.00 und darunter 570. Endlich kann er den Umschlag wieder unter die Schubladeneinlage kleben. Weg ist er. Bis zum nächsten Geldtag. Oder bis zur nächsten notwendigen Flasche Doppelkorn, um die Erinnerungen und die Lügen wegzuspülen.


Er ist ich. Ich bin er. Aber wenn ich mich in diesen Momenten nicht von außen beobachte, aus mir heraustrete, dissoziiere, dann kann ich nicht handeln. Schon gar nicht, wenn es um diesen Tod, um dieses Grab geht …

 

 

Natürlich ist es nur prinzipiell so, und die Beträge stimmen auch nicht …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 27. Februar 2015 waren die fürs Wochenende gefundenen Freiwilligen.
 
Tageskarte 2015-02-28: Die Zwei der Stäbe.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

P.P.S.: Ohne Überarbeitung abgetippt … (Daher einige Fehler erst nach Veröffentlichung korrigiert.)

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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20 Antworten zu Blick von außen (59/306)

  1. Sofasophia schreibt:

    Ist das sein 1000-Tode-Beitrag?
    Puh.
    Ich schweige und lasse es setzen.

    (Nur die Leiter, die hätte sie wohl stehenlassen, ich meine zwischendrin.)

    Alter Egos sind manchmal WunderheilerInnen.

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  2. Arabella schreibt:

    Ich verstehe dich.

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    • Der Emil schreibt:

      Überhaupt nicht bös gemeint oder angreifend: Verrate mir, wie das geht, denn ich selbst verstehe mich/es nicht, ehrlich …

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      • Arabella schreibt:

        Ah, ich verstehe, was dir das Grab bedeutet.
        Ob du es erhalten kannst oder nicht, spielt für mich dabei keine Rolle.
        Das in dieser Gesellschaft nicht auch noch der Totenkult untergeht ist für mich wichtig.

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        • Der Emil schreibt:

          Ah, ja, das kann ich nachvollziehen.

          Sepulkralkultur (d.i. die Kultur des Todes, des Sterbens, des Bestattens sowie des Trauerns) wird nicht untergehen. Sie wird sich ändern, ja, aber viele Menschen brauchen einen tatsächlich vorhandenen Platz zum Trauern, es reichen eben nicht eine Webseite oder ein paar Bytes auf dem Telefon …

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  3. Gela schreibt:

    Erinnerungen wegspülen funktioniert nicht – mag das/der Korn auch doppelt und dreifach sein. Lieber ein bissel vom Geld nehmen und hinfahren ins heimatliche Dorf. Aber klar: was weiß ich schon…

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  4. Elvira schreibt:

    Du siehst mich nachdenklich diesem Text nachfühlen, der etwas gestreift hat, worüber ich ungern nachdenke. Wann ist ein Abschied endgültig, ist so eine Frage. Was bedeutet ein Grab, wäre eine weitere. Wo hört Schmerz auf und wo beginnt Selbstzerfleischung. Bei mir ist es Gin!
    Liebe Grüße,
    Elvira

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    • Der Emil schreibt:

      Um die Schwere etwas herauszunehmen: ich trinke alles, was blau macht – außer Tinte.

      Aber die von Dir gestellten Fragen sind wichtig, wenn auch für mich (noch) nicht zu beantworten.

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