Der Trinker, die Bibel und der Taliban (71/294)

Begegnung im Bus

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Er sitzt schon im Bus, direkt gegenüber der hinteren Tür, als ich einsteige, riecht etwas streng und brabbelt vor sich hin. Aus der Innentasche seiner blauen Wattejacke holt er eine Flasche Goldbrand und schraubt sie auf. Beim Ansetzen, noch vor dem ersten Schluck, wird die Sprache deutlicher: “Naja … geht ja nicht mehr ohne … — … ohne Handy …” Dabei schaut er mich vorwurfsvoll an, und ich habe mein Telefon gerade in die Tasche gesteckt. Ich blicke verständnislos zurück, hatte ich doch angenommen, er würde sein Trinken rechtfertigen wollen. Doch daß er stattdessen mich so seltsam von der Seite anmacht, das verblüfft mich schon.

Nun gut, ich beschließe, darüber hinwegzusehen, setze meine Brille auf und nehme mein Schreibzeug zur Hand, die Kladde und den Stift. Dann versuche ich, an meinem Textfragment über einen besonderen Tod weiterzuarbeiten. Er trinkt nocheinmal, einen großen Schluck, ehe er die Flasche sorgfältig verschließt und wieder in der Jacke verstaut. Mein Bart, mein Kopftuch und die Brille scheinen ihn aber zu stören, denn ich höre “Scheiß-Muselmann” – ja, wirklich Muselmann! –, “Kameltreiber”, “Taliban” und dergleichen mehr in seinem sonst nicht verständlichen Gebrabbel. Natürlich kann es sein, daß mir mein Gehirn da einen Streich spielt und in Unverständlichem Bekanntes zu erkennen versucht. Ich schreibe, sehe ihm ab und zu über den Rand meiner Brille beim Trinken und Brummeln zu.

Als ich aussteige, ruft er mir – und jetzt wendet er sich zum ersten Mal erkennbar direkt an mich – noch nach: “Paß auf, daß Du Deine Bibel (er meint tatsächlich meine Kladde, glaube ich) nicht verlierst, verdammter Islamist!”

 

Morgens, etwa zehn Uhr, im Nahverkehrsbus in Halle. Wirklich so geschehen.

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 11.März 2015 war die überraschend verkürzte Schicht.
 
Tageskarte 2015-

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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19 Antworten zu Der Trinker, die Bibel und der Taliban (71/294)

  1. S. Meerbothe schreibt:

    Oh Weia! Was für eine Wahrnehmung! Sag mal, vielleicht sind alle, die so (was) sprechen Trinker. Die kann man alle therapieren. Und die anderen auch! Weltfrieden!

    Nein, Ernst jetzt. Krasse Nummer. Doch, wie ein Trinker seine Welt wahrnimmt und das, ob des Trinkens in die Welt verteilt, ist schon erstaunlich.

    Vor allem finde ich, Du siehst, wenn ÜBERHAUPT nach Religion, wie ein orthodoxer aus Russland aus. Jedenfalls auf dem Foto ;-)

    Ich hab den Schalk im Nacken, heute Morgen. Ich bitte um Nachsicht.

    Liebe Grüße und einen schönen Tag für Dich!
    Silvia

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  2. Bruder Indiana schreibt:

    Das unterscheidet den Menschen vom Tier. Die Welt wird aus seinen Visionen wahrgenommen. Und Bildung wird nun mal aus unterschiedlichen Quellen vermittelt. Kapitalistische und kommunistische Quellen sind da beliebig austauschbar; ebenso religiöse Quellen.

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  3. Sofasophia schreibt:

    Nun ja. Zu viel von allem ist eben nicht gut fürs Köpfchen.
    Und schließlich sind ja die andern Schuld an der Misere, allem voran der eigenen.
    😉

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  4. Elvira schreibt:

    Und ich hätte schwören können, Du wärst Pirat und Deine Kladde die Sammlung aller versteckter Schätze. Na, so was aber auch! Wobei, mit der Kladde liege ich ja wohl nicht falsch. Deine Texte sind schließlich Schätze!
    Gruß,
    Elvira

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  5. alltagsfreak schreibt:

    Es gibt Leute, die einen täglich zum Kopfschütteln bringen. Gemeint sind solche, wie der Suffki oder all der ganze alltägliche Wahnsinn :)

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  6. Gabi schreibt:

    Es gibt wirklich viele wundersame Leute. Und viele sehen das, was sie sehen wollen. Und hier war ja auch noch Alkohol im Spiel. Man kann sich da nur wundern und es dann einfach wieder vergessen.

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  7. zeilentiger schreibt:

    Ist ja krass! Ich hatte schon fast gehofft, dass da ein „Erdachtes“ unter deinem Text steht. Von wegen.

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