Nebenbei lief leis‘ das Radio (124/241)

Sonntagstraum nach überlanger Schicht

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Nachtschwere. Nachtschwere immer wieder, immer wieder, immer wieder, immer …

Luzide Träume, in denen das leise laufende Radioprogramm thematisiert wird als ein Verschnitt aus mehreren Vergangenheiten: Das Zimmer, in dem ich mit meiner ersten Freundin … Die Gartenlaube meiner Großeltern, der Arbeitsschuppen des Mecklenburger Großvaters. Ein stromloses elektrisches Gerät, das, ohne an Lautsprecher angeschlossen zu sein, seltsam rauschende Töne von sich gibt und nach einem beherzten Druck auf einen mit “squelch” beschrifteten Drehknopf endlich schweigt. Danach schließe ich den Hängeschrank, der über einem alten, aufgeklappten Spültisch mit graublauen Emaille-Schüsseln an der Wand pendelt. Meine Traumfrau kniet in einer Ecke, ich sehe, daß sie weint oder schreit – aber ich höre keinen Ton mehr. Stille. Absolute, mich in Panik versetzende Stille.

Nachtschwere. Nachtschwere immer wieder. Die hindert mich am Weglaufen. Die Zeit dehnt sich. Alles wird lansam. Langsam wird der langsame Trekker auf dem Weg zum Nordkap von einem langsamen Radfahrer überholt, langsam zum Anhalten gedrängt. Ich öffne von innen langsam die Tür des Wohnwagens und wir sitzen zu dritt im Zelt bei langsam gegrilltem Lachs. Die Philosophin schwebt als elfengleicher Schemen immer rundherum um das Lagerfeuer und zeichnet einen Zeitlupenfilm von uns auf mit ihrem Telefon.

Die Traumfrau steht gebückt in der Tür des Campinganhängers. Ich sehe in ihre aufgrissenen Augen. Ihr Schrei formt sich in meinem Gedächtnis zu einem leisen Ton. Er vermischt sich mit all den Beschimpfungen und Vorwürfen, die ich erfahren habe. Die Stille, die mich so schlottern ließ, schwindet langsam.

Lärm entsteht im Kopf. In meinem Kopf. Im ganzen Kopf, der zu platzen droht. Lärm entsteht im Kopf, füllt ihn aus. Ganz.

Nachtschwere. Gnädige, gehaßte Nachtschwere. Nachtschwere immer wieder, die mich in den Traum zurückzieht und aus dem Traum in den erlösenden Tiefschlaf schickt. Nachtschwere. Immer wieder. Immer wieder.

Wie es wohl wäre, wenn wir alle uns dort auf dem Parkplatz an der finnisch-norwegisch-schwedischen Grenze träfen, die Philosophin, die Traumfrau, der Radfahrer, der Trekkerfahrer und ich, in den Nächten, in denen die Sonne kaum noch untergeht? Als ich davon zu träumen beginnen möchte, werde ich vom Klingeln des Telefones geweckt.

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 3. Mai 2015 war der trotzdem erholsame Schlaf.
 
Tageskarte 2015-05-04: Die Drei der Stäbe.

© 2015 – Der Emil. Text & Bilder unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Nebenbei lief leis‘ das Radio (124/241)

  1. Sofasophia schreibt:

    Was für ein ver-rückter Traum!
    Und dass du dich an die Details noch so genau erinnern kannst – Chapeau!

    Gute Nacht!

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  2. Gabi schreibt:

    Ich würde gerne wieder mal wissen, was ich träume.
    Ich würde ja sogar behaupten, dass ich fast nie träume, wenn ich nicht wüsste, dass jeder Mensch während des Schlafes träumt.
    Einen luziden Traum hatte ich meines Wissens überhaupt noch nie.

    PS: wie es der Zufall so will, „singt“ mir Kira gerade was vor. Sie schläft und träumt gerade. 😊

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