War das Fremdschämen? (125/240)

Hundehalter ohne Hundehalterhaftpflicht.

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Gut, für einen so kleinen Hund braucht man sie nicht unbedingt, die Hundehalterhaftpflichtversicherung. Schwarzweiß das Tier, und ängstlich. Zu ängstlich. Der ist so winzig, daß er keinen Schaden anrichten kann.

Vier Kinder spielen hinterm Haus auf einer Wiese, über die ich immer gehe, wenn ich beim Pe*ny einkaufen war. Kläffend läuft die Hündin auf mich los, gehorcht dem ältesten der Mädchen aufs Wort und kehrt zu ihr zurück. Also sorge ich mich nicht, kümmere mich nicht mehr um den kleinen Kläffer und gehe einfach weiter. Das Bellen wird lauter, kommt näher und endet in einem Geräusch reißenden Stoffs. Erst danach merke ich, daß mir die Hündin am linken Bein hängt. Der Kratzer in der Wade ist der Rede nicht wert, merke ich. Die vor wenigen Tagen erst reparierte Hose allerdings ist jetzt ein Totalschaden. Alle Kinder entschuldigen sich bei mir, ich aber kämpfe mit Tränen und weiß nicht, wie ich an eine nichtkaputte Hose kommen soll. Die Hündin hat einfach nur Angst.

Auch die Kinder haben Angst, als ich nach den Eltern und der Versicherung frage. Und obwohl ich ruhigbleibend betone, daß ich ihnen keine Schuld gebe, mich nicht über sie beschweren werde und auch der Hündin nichts Böses will, haben die Kinder Angst. Vor mir. Vor dem Kerl, der mit mühsam unterdrückten Tränen in den Augen vor ihnen steht und mit weinerlicher Stimme nach Namen und Anschrift fragt. Schließlich, als ich etwas von Polizei murmelnd mein Telefon aus der Tasche ziehe, gehen die Kinder mit mir heim zu ihren Eltern. Es ist mir so peinlich, so unendlich peinlich, dort sozusagen zu petzen! Und es tut mir beinahe weh, daß drei von den Vieren mit der Hündin schimpfen. Doch wir können dann sogar alle zusammen mit dem Aufzug fahren.

Mit tut die Hündin nochimmer leid, die jetzt ängstlich zuhause im Flur sitzt. Und leider haben die Leute keine Haftpflichtversicherung. Ich werde gefragt, wie das Malheur geregelt werden kann, und ich heule fast, als ich gestehen muß, daß mir das Geld für eine neue Jeans einfach fehlt. Daß ich eben diesen Preis nichtmal bei den Billigheimern zahlen kann (ich war am Nachmittag tatsächlich grad dort) als ALG-II-Empfänger. Der Mann will mir Summe X in die Hand drücken, ich bleibe aber beim Billigheimerpreis … Es fühlt sich trotzdem falsch und entwürdigend an, das Geld zu nehmen …

Wenn ich den Hund wiedersehen sollte, dann gibt es ein Leckerli, versprach ich im Gehen. Und nun sitze ich hier und hoffe, daß keines der Kinder und auch nicht das Tier für irgendetwas bestraft werden. Schließlich wurde mir nebenbei vom Schicksal des Tieres erzählt, das aus dem Tierheim geholt wurde: Das Tier vestehe ich vollkommen, und die Kinder können das Tier nicht alleine erziehen und trainieren.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 4. Mai 2015 war der Besuch in der Künstlerkolonie.
 
Tageskarte 2015-05-05: Die Zehn der Kelche.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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12 Antworten zu War das Fremdschämen? (125/240)

  1. Elvira schreibt:

    Ängstliche Hunde gehören nicht in Kinderhände. Im Prinzip gilt das für alle Hunde. Nur wirklich gut erzogene darf man älteren Kindern anvertrauen. Ein Hund ist auch kein Spielzeug, wie es überhaupt kein Tier sein sollte. Ich hoffe sehr, dass die Besitzer eine Hundeschule besuchen.
    Du musst dich nicht schämen, überhaupt nicht. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, wie du dich gefühlt hast. Aber ich bewundere auch deinen Mut, der aus dieser für dich verzweifelten Situation entsprungen scheint . Hättest du auch bei den Hundehaltern geklingelt, wenn es nicht die letzte Hose gewesen wäre? Das vermute ich irgendwie nicht.

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  2. Arabella schreibt:

    Deine Geschichte macht mich nachdenklich…was ist in dieser Gesellschaft alles kaputt.
    Wie eng werden die Köpfe der Menschen…
    Liebe Grüße zu dir.

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  3. Gudrun schreibt:

    Fremdschämen ist irgendwie schon richtig, denn du hast das System so nicht gemacht. Das haben andere zu verantworten. Es ist schon komisch, dass genau die immer Scham enpfinden, die sich so gar nichts leisten können.

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    • Der Emil schreibt:

      Die Scham gehört heutzutage zur Armut dazu, für die meisten. Der stolze Clochard, der unverschämte Wandergeselle, der edelmütige Bettler, der unverdorbene Ureinwohner, der zufriedene Aussteiger – sie scheinen langsam zu verschwinden aus unserer Welt (was auch daran liegen kann, daß sich einfach nur unsere Wahrnehmung von der Welt verändert {hat}).

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  4. Sofasophia schreibt:

    Oh Mann, das ist heftig. Aber Fremdschämen ist wohl anders?!?
    Deine neue Jeans wird dich an einen kleine Hund erinnern, der es ebenfalls nicht immer leicht hat.

    Mit der Scham, wenig Geld zu haben, bin ich aufgewachsen. Sie ist mir nicht fremd und es ist nicht Fremd- sondern Selbstscham gewesen.

    Ich glaube, alle haben was gelernt: Die Kinder, dass es eben Menschen gibt, die wenig Geld haben. Der Hund, dass nicht jedes Bein ein böses ist. Die Eltern, dass Haftpflichtversicherungen so schlecht nicht sind. Wobei – bei uns sind da Selbstbehalte bis ca. 100.– üblich. Also hätten die dir wohl keine neue Jeans bezahlt?!

    Nun denn – danke fürs Teilen!

    (Wie wohl diese Geschichte aus der Perspektive der Kinder klingen würde?)

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  5. eckisoap schreibt:

    nein, das war wohl kein fremdschämen und überhaupt gibt es keinen grund für scham.
    eher ist es mut. obwohl ich dich gut verstehe!
    es hätte dich auch sonst was für eine familie erwarten können. betrunkene pöbelväter oder mütter, die dich einfach hätten stehen lassen.
    so hast du immerhin dein recht bekommen.
    vielleicht denken sie nun doch mal über eine haftpflicht nach.
    zumal das mit kindern und hund nie rausgeschmissenes geld ist.
    lieben gruß

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  6. Gabi schreibt:

    Es ist so leicht daher gesagt, wenn man nie in dieser Situation war, zu sagen, dass man sich absolut nicht schämen muss, wenn man kein Geld hat. Ich kann mich aber sehr gut in Dich hinein fühlen, welche Überwindung Dich dieser Schritt gekostet hat und dass Dir das auch sehr unangenehm war, gegenüber den Kinder und dem Hund, die ja am allerwenigsten dafür konnten.

    Aber wie Elvira oben schrieb, es ist unverantwortlich Kinder (kommt natürlich auf deren Alter an) mit einem Hund alleine auf die Straße zu lassen. Überhaupt kleinere Kinder können mit unvorhergesehenen Situationen oft nicht umgehen und sind unter Umständen dann überfordert.
    Eine Hundehaftpflichtversicherung zahlt sich bei jedem Hund aus.
    In Wien und einigen Bundesländern ist sie sogar Pflicht.

    Aber Gott sei Dank waren diese Leute wenigstens einsichtig und Du hast die Hose ersetzt bekommen.

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