Wortkrampf (167/198)

Chronisches Leiden als Ursache für eine Schreibblockade

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Nur ein einziges Wort spukt mir seit Tagen in allen möglichen und unmöglichen Varianten und Synonymen im Kopf herum, eins nur. Das Dumme (und Schlimme) daran ist, daß ich dieses Wort eben nicht kreativ in den Texten hier verwursten kann – aus Gründen. Kann sich irgendjemand vorstellen, wie das ist? Morgens beim Augenöffnen ist es der erste Gedanke, den ich habe. Gieße ich mir Milch in meinen Kaffee und beobachte die dabei entstehenden Wölkchen, habe ich auch dieses Wort im Kopf, ganz vorne, ganz präsent. Wenn der Honig langsam übers Roggenbrötchen läuft. Beim Kartoffelschälen und Nudelabgießen. Vor einem weißen Blatt. In der Zeitung verlese ich mich, weil ich in jeder zweiten Zeile dieses eine Wort sehe (was aber natürlich nicht dort steht!) und mich permanent über mein Denkwerkzeug wundere.

Und so sitze ich grübelnd auf einer Bank am Saaleufer, im Schatten, die Kladde auf den Beinen, einen Stift in der Hand. Auf der Kladde das Skizzenkladdchen, in welchem ich dieses eine Wort schon mehrfach kalligraphiert habe: in Fraktur, als Schatten, in linksgeneigten überrunden Kapitälchen … Und in der Kladde habe ich versucht, Reimworte zu diesem einen, mich nicht loslassenden Begriff zu finden, Übersetzungen; Adjektive habe ich zu ihm gesammelt und sprachliche Ableitungen. Ich habe es so oft notiert, daß der Vorrat daran in meinem Hirn längst erschöpft sein müßte.

Doch noch immer habe ich dieses eine Wort in meinem Kopf, fast so, als hätte es mir jemand von innen an die Linsen meiner Augen geschrieben. Bis auf “Steuererklärung” habe ich noch keinen anderen Begriff entdeckt, den ich im Moment nicht mit diesem einen Wort in Verbindung bringe – und wenn ich es Recht bedenke, schaffe ich es zur Zeit sogar bei “Steuererklärung”, “Zahnarzt”, “Zahnschmerz”, “Weichen- und Signalstörung” … Es steht mir auch ständig ein Bild dessen, wofür das Wort steht, vor meinem geistigen Auge. Ich sehe es immer und überall. Manchmal ist das wirklich unpassend, extrem unpassend. Aber was soll ich tun? Ich finde kein wirksames Mittel dagegen.

Ich leide an einem chronischen, zur Zeit aber sehr akuten Wortkrampf. Wer soetwas noch nie hatte, kann sich den Leidensdruck dabei nicht vorstellen, ihn kaum erahnen. Wie schlimm es ist, wenn ein einziges Wort von morgens bis abends im Kopf herumgeistert, sogar noch in den Träumen als Heimsuchung erscheint! Wenn ein Wort sogar die Atmung beherrscht: “Einn! – Auss!” und für das eine Synonym etwa: “Ein. Ein. – Aus!” Alles rutscht in einen nicht erwünschten Rhythmus. Nur das Denken nicht. Das kreist weiter. Um ein einziges Wort. Um dieses eine Wort. Ich habe sogar versucht, es durch Aussprechen und Herausschreien loszuwerden (naja, ganz loswerden mag ich es auch wieder nicht), doch auch das funktioniert nicht. Nein, es hat sich festgesetzt. Seit drei Tagen hockt es in jeder Hirnwindung, rutsch jeden Nervenstrang entlang. (Es existiert auch als Hashtag bei Twitter, ehrlich, aber den werde ich eher selten bis nie benutzen.)

Wortkrampf ist wie Ohrwurm. Nur schlimmer.

 

Nun wäre es Zeit, das Wort hier bekanntzugeben?

Meint ihr wirklich?

Nein, das kann ich hier nicht. Wie ich oben schrieb: aus Gründen. Aber es hat mir geholfen, einen meiner Meinung nach ganz passablen Text zu verfassen, das Wort aus meinem Wortkrampf.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 15. Juni 2015 war die Feststellung, daß ich jetzt sieben Tage frei habe (also das vergangene Wochenende mitgezählt: sogar neun Tage.
 
Tageskarte 2015-06-16: Der König der Münzen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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3 Antworten zu Wortkrampf (167/198)

  1. Ulli schreibt:

    eine Freude, dieser Text!!!

    Gefällt mir

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