Fremden Kopf zerbrechen (173/192)

Nachdenken über Machbares

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Weil ich nun offizieller Archivar des Irgendlinkschen Kapschnitt 2.0-Blogs bin, habe ich mich ein wenig näher mit den Karten von 1995 und von heute befaßt. Es hat sich verdammt viel geändert in den 20 Jahren. Was einstmals (noch) eher verträumte Kreis-, Land- oder Bundesstraßen mit wenig LKW-Verkehr waren, sind heute dank der Maut Durchflugsschneisen und -schleusen für Brummis geworden. Oder wegen der Zunahme des LKW-Verkehrs im allgemeinen nach den Streckenstillegungen der Bahn und deren Unpünktlichkeiten. Weil auch niemand mehr wirklich ein Lager haben möchte, in dem Geld in Größenordnungen gebunden ist. Kein Wunder, daß der Radreisekünstler da sinniert: “Kolonnenweise überholen mich Autos und LKW. Dieselrußgestank, Lärm, zum Glück ist die Straße breit, sonst müsste ich auch noch das Wörtchen Gefahr zu der Wortsumme addieren.”

Und da kommt’s. Ich zerbreche mir fast einen Tag lang Irgendlinks Kopf:

Angetreten mit dem Ziel, nach Möglichkeit – dieser Begriff ist wichtig! – dieselbe Route zu nehmen wie vor 20 Jahren, von der Realität allerdings abgedrängt, gefährdet (und enttäuscht?) – was nun? Stur und steif auf genau diesen Zehn-Kilometer-Punkten bestehen und trotz aller Widrigkeiten die alte Strecke fahren? Auch wenn dazu etwa 30 km mit dem Fahrrad auf einer Autobahn (nur als Beispiel, bildlich gesprochen!) unterwegssein sein müßte? Ganz auf andere und neue Radwege und damit auf eine völlig andere Strecke begeben – trotzdem beim Kapschnitt-Begriff bleiben?

Oder den Teil “Schnitt” in Kapschnitt 2.0 anders interpretieren? Die neue und die alte Strecke sich schneiden, sich berühren lassen. Nur an wichtigen Punkten wie Zella-Mehlis, Erfurt, Lutherstadt Eisleben, Calbe (Saale), Havelberg, Lübz, Bad Doberan, Warnemünde, Rostock – in Deutschen Landen kennen wir uns noch halbwegs aus, Skandinavien wird vorerst gelassen, das wird später auf der Fähre geplant – noch die alten Standorte aufsuchen, so alle 100 bis 150 km? Immer dann also, wenn das veränderte Wegenetz zu einem seiner Fixpunkte zurückkehrt, die veränderten, gewachsenen Ströme des motorisierten Verkehrs ein solches Überschneiden, einen solchen Schnitt von historischer und moderner Strecke zulassen? Was spricht dagegen? Der Ehrgeiz des Radlers Irgendlink, das Ur-Konzept vom Kapschnitt 2.0, wie es am 17. Januar 2015 formuliert wurde: “Meine Mission für den Kapschnitt 2.0 lautet: finde die alten Bildstandorte. Am 15. Juni will ich losradeln von Zweibrücken über Mainz, Erfurt, Bad Doberan und Warnemünde nach Trelleborg (Schweden).”

Zurück in meinen Kopf. (Ja, gut, in unseren, wir sind beide beteiligt, Frank und ich.)

Fühlt sich Irgendlink nach dieser Aussage, daß er die alten Bildstandorte wiederfinden und neu fotografieren will, durch sein Publikum gedrängt, exakt das auch absolut exakt so zu tun? Das Publikum sind alle die, die seine Reise per Blog und Twitter verfolgen, ihm Mut zusprechen, ihn finanziell und anders unterstützt haben und unterstützen, sich mit ihm an seinem Weg #ansKap trafen und treffen. Das Publikum, das bist Du und das bin ich. Trotz meiner neuen Rolle als Mitarbeiter hinter den Kulissen bin ich und bleibe ich Publikum. Nur, wenn ich für mich als Publikum spreche, nur für mich, so gebe ich dem Künstler doch alle Freiheit, seine Kunst zu schaffen. Und wenn es eben nicht exakt dieselbe Strecke ist, weil die nicht mehr mit einem Fahrrad bewältigt werden kann, so soll er doch bitteschön eine machbare Route nehmen. Eine, die immer wieder – wie oben beschrieben – Schnitt-Punkte mit der historischen Strecke findet. An exakt derselben Stelle wie vor zwanzig Jahren auch diesmal exakt 10 km geradelt zu sein, das dürfte sowieso schon kurvenfahrverhaltensbedingt ausgeschlossen sein. Oder?

Hey, Kunstbübchen. Irgendlink. Radler. Kapman. Nordmann Du, nach dem die berühmte Tanne benannt wurde! Sei ein freier Künstler. Ich vermute, ich glaube, ich hoffe, daß es nicht einen einzigen Menschen gibt, der Dich mit allen Mitteln und unter allen Umständen auf der 95er Route halten will. Zumindest ich erteile Dir (danke für das Wort!) vorherige Wegwahlabsolution, jawoll!

Und vielleicht ist es mit Fahrradrouten wie mit Wein: 1995 gab es etwas ganz besonders Gutes aus der Scheurebe, daß sich nicht bis heute seine Qualität erhalten haben muß; und 2015 wächst wieder etwas besonders Gutes heran, Wein zwar aus derselben Scheurebe wie 1995, aber mit ganz anderen Vorzügen und ganz anderem Geschmack und einem ganz anderen Abgang und Bouquet, selbst die Färbung ist ein wenig anders. Ist der 2015er schlechter als der 1995er? Ich glaube nicht. Anders ist der Wein, anders ist die Route. Das Ziel ist das Glas, das genußvoll geleert wird, diesmal ganz sicher – oder eben das Nordkap (Daumen werden gedrückt).

 

Ach Irgendlink, ich mein ja nur …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 21. Juni 2015 waren ein Telefonat, ein Zugang, ein leckeres Essen.
 
Tageskarte 2015-06-22: Die Drei der Stäbe.

© 2015 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Fremden Kopf zerbrechen (173/192)

  1. S(tef)unny schreibt:

    Ein Künstler nimmt sich jede Freiheit, die er braucht, um sich zu entfalten … auf der alten Strecke zu beharren, schnürt ein und beschränkt die Kreativität.

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  2. Sofasophia schreibt:

    Da ist mir doch wiedermal ein Gutwort gelungen mit der Wegwahlabsolution. Irgendlink wird sich lobend dazu äußern, im
    heutigen Bushäuschenblogartikel. Später dann. 😄

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  3. Pingback: Wegwahlabsolution (by SoSo und Der Emil) #AnsKap | irgendlink

  4. Ulli schreibt:

    auf den eigenen Spuren radeln oder wandeln, heisst auch die veränderte Welt aufnehmen, ja, lieber Emil, ich finde auch, dass irgendlink die Wegwahlabsolution erteilt werden muss – lach und wech-
    ach nee, noch nicht ganz … ich finde es sooo klasse, dass du nun zum Irgendlinkteam gehörst, irgendwie gehörst du dort auch hin!
    herzlichst
    Ulli

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