Manifeste Hypochondrie (175/190)

Chaotische Zustände im Erinnerungsgebäude

To get a Google translation use this link.

 

Es ist schon ein besonderes Ding mit meiner Erinnerung. Manchmal bin ich mir ganz sicher, daß ich ihr vertrauen kann, daß es wirklich so war, wie ich mich erinnere. Das geschieht bei Ereignissen, die irgendwie durch Fotos oder andere Erinnerungshilfen belegt sind genauso, wie bei nicht mehr beweisbaren Geschehnissen. Und dann gibt es Erinnerungen, die aus irgendeinem Grund eine Mischung sind aus Wissen, daß es wirklich so wahr, und einer Komponente, die ich nicht, absolut nicht einordnen kann. Seltsamerweise betrifft dieses Dilemma sowohl sehr lange, als auch recht kurze Zeit zurückliegende Sachen.

Nur mal ein Beispiel dafür:

Ich war gerade 14, na, fast 15, es war kurz nach der Jugendweihe in der achten Klasse, 1978. Ich ging noch nicht auf die Erweiterte Oberschule in der nahen Kreisstadt. Eines Nachmittags brauchte ich ein Taschentuch – damals waren diese ekligen Papierdinger noch nicht üblich, wir benutzten also Stofftaschentücher. Diese lagen im Schlafzimmerschrank bei den Eltern, links in einer Schublade. An diesem Nachmittag jedenfalls hatte ich versehentlich nicht die obere, die ich wollte, sondern die untere geöffnet. In der lagen Mutters – ich nenne es mal … Miederhosen u. ä. Und eine kleine graue Schachtel. Die bemerkte ich erst, als ich schon wieder beim Hineinschieben des Kastens war. Die Eltern waren beide auf Arbeit, und die Neugier siegte …

In der Schachtel waren eine erkleckliche Anzahl von etwa streichholzschachtelgroßen Fotos. Ich denke, es waren Kontaktabzüge von 4,5 cm x 6 cm Negativen. Das typische Photopapier mit dem für die damalige Zeit noch typischen gezackten Rand. Vorsichtig nahm ich sie heraus und drehte sie um, um mir nicht nur die Rückseite anzusehen. Und ich fiel aus allen Wolken. Okay, ich war 14, nackte Frauen hatte ich schon oft gesehen, am Filzteich, im Magazin (das meine Eltern im Abonnement bezogen). Und das waren auch keine Photos. Es waren Fotos von Zeichnungen, die man heute Comic nennte. Pornographische Zeichnungen, in ihrer Kleinheit aber doch erstaunlich detailliert. So etwas hatte ich nun wirklich noch nie gesehen, und soetwas hätte ich meinen Eltern auch nie zugetraut. Etwas so streng verbotenes zu besitzen.

Ich schaute mir die Bilder hastig an, verweilte auf bestimmten Darstellungen etwas länger. Dann verstaute ich alles hastig wieder so und da, wie und wo ich es vorgefunden hatte. Schubkasten zu, aus dem oberen schnell zwei Taschentücher genommen und dann auch die Schranktür wieder zu und weg, nichts wie weg. Nein, ich war nicht geschockt von den Bildern, ganz im Gegenteil. Eine zeitlang holte ich sie mir heimlich, wenn die Eltern arbeiten waren und tat, was Jungs in diesem Alter eben tun.

So weit, so gut. Aber.

Ich bin mir sicher, daß das Schlafzimmer damals oben, im ersten Stock war Das muß eine Zeit gewesen sein, als im Haus umgebaut wurde, kurz nach Großmutters Tod. Im ehemaligen Vierfamilienhaus (Plumpsklo jeweils neben der Wohnungstür im Haus). Ich habe aber keine Ahnung, wo damals das Kinderzimmer, in dem ich mit meinem Bruder zusammen hauste, gewesen ist. Einmal war es im ehemaligen Großelternschlafzimmer, einmal im späteren, enorm vergößerten Badezimmer – Elternschlafzimmer und Kinderzimmer wurden einmal einfach getauscht. Zu irgendeinem Zeitpunkt muß also das Schlafzimmer oben gewesen sein, war es auch ganz sicher. Aber. Aber ich kann mich für genau diese Zeit nicht an die Lage von Küche, Kinderzimmer, Wohnzimmer erinnern. Für später weiß ich es ganz sicher, für vorher auch, aber nicht für diese Zeit. Keine Erinnerung bis auf die an das Schlafzimmer. Und an die Bilder.

Hmmmpf. Das macht mich ziemlich konfus, verwirrt mich, verunsichert mich. Läßt mich zweifeln. Heftig zweifeln am Wahrheitsgehalt aller meiner Erinnerungen. Auch neuerer.

Da kommt der Hypochonder hoch: Alzheimer, mindestens Alzheimer mit einem Hirntumor. Möchte bloß wissen, wo ich mich damit angesteckt habe …

 

Ich hoffe, daß meine Eltern das nicht unbedingt lesen; aber wenn es so ist … Sie haben meine “Nutzung” der Bilder damals sicher bemerkt, aber deswegen nie mit mir gemeckert.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 23. Juni 2015 war, daß ich genügend Wasservorrat angelegt hatte, um die Wasserabsperrung ohne Schwierigkeiten zu überstehen.
 
Tageskarte 2015-06-24: Der Ritter der Münzen.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Advertisements

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
Dieser Beitrag wurde unter Erlebtes, Gedachtes, Gesehenes, One Post a Day, postaday2015 abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Manifeste Hypochondrie (175/190)

  1. nicoleinez schreibt:

    Was ich so rauslese, ist die Hypochondrie noch latent ;-)

    Gefällt mir

  2. nicoleinez schreibt:

    Ein Manifest der Latenz? ;-) Aber jetzt muss dann Schluss sein mit den Krankheiten, vor denen du Angst hast, sie zu haben. Denn für Hypochondrie darf man sich höchstens zwei einreden, sagt ICD-10 ;-)

    Gefällt mir

  3. Ulli schreibt:

    Das Labyrinth unserer Erinnerungen (wie ich es nenne) löscht und hebt hervor, es vertauscht und malt schön und dann wieder sendet es Einszueinsbilder … wie es scheint ist das alles ganz gesund, wieso das so und nicht anders ist, das aber weiss nur der Kuckuck … ;)

    Gefällt 2 Personen

    • Der Emil schreibt:

      Aber diese Singularität „Schlafzimmer oben“ bereitet mir schon Kopfzerbrechen. Ist wie ein Schwarzes Loch, das alle anderen Erinnerungen auffrißt.

      Gefällt mir

      • Ulli schreibt:

        don`t worry, lieber Emil, du wirst sehen auch das Schlafzimmer rutscht noch an seinen richtigen Platz, alles zu seiner zeit. Ich sehe gerade ein im Himmel freischwebendes Elternschlafzimmer vor mir, ein feines Bild ;)

        Gefällt mir

  4. Sofasophia schreibt:

    Oh, du spricht auch meine temporäre Doppelangst an. Weniger wegen vergangener Erinnerungen mehr wegen aktueller Vergesslichkeiten und Vielkopfwehs.
    Mit den Erinnerungen halte ich es so: Woran ich mich erinnere, sei meine Wahrheit. Was fehlt, fehlt eben. Fatalistisch, aber … alles kann man sich einfach nicht merken!

    Gefällt mir

  5. Frau Momo schreibt:

    Meine Mutter lacht sich immer kaputt, wenn meine Erinnerung erzählt, das ich als Kind jedes Jahr Schlittschuh gelaufen bin.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s