Über das Kochen von Eiern (179/186)

Kleine Lebenswirklichkeit

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Bei so einigen Gelegenheiten fällt mir auf, daß unsere technisierte Exaktheit, die an industrielle Fertigung angepaßten und angelehnten Abläufe im privaten Leben so ganz und gar nicht zu dem führen, was Zufriedenheit genannt wird. Wieso zum Beispiel erreichen die gekochten Eier bei mir nur dann den für mich perfekten Garzustand – im Inneren des Eigelbs ist noch ein wenig Flüssiges erhalten –, wenn ich eben nicht auf Uhr oder Wecker sehe? Das ist übrigens unabhängig davon, ob sie viereinhalb oder achtdreiviertel Minuten kochten. Echt! Immer dann, wenn ich nicht auf die Zeit achte, nehme ich sie im besten Zustand aus dem Topf, wirklich egal, nach welcher Zeit.

 

Perfektes Ei

Abendbrot.
In der kurzen Zeit vom Aufschneiden bis zum Photographieren garte das Eigelb alleine mit der Restwärme des Eis noch nach.

 

Und im restlichen Leben wird es oft ähnlich sein. Was ich wirklich gut machen will, das braucht seine Zeit und nur selten einen Termin, aber keinen Termindruck.

Viele Menschen erbringen unter Druck, in angespannten Situationen Höchstleistungen. Ja, das stimmt. Aber nur, wenn man diese Tatsache im Sinne der schnellen und maximierten Gewinnabschöpfung betrachtet, also bei maximaler Ausbeutung. Wie schnell ist dann der Punkt erreicht, an dem ein Mensch nichts mehr leisten kann, weil er ausfällt? Klar, heutzutage sind alle ersetzbar. Alle? Und muß das wirklich so sein? Nur Entschleunigung ist es nicht, was ich hier zu bedenken gebe. Es ist der Abbau von Druck, Termindruck, Leistungsdruck, Schenkdruck, Liebesdruck, Aufmerksamkeitsdruck usw. usf. Ich kann mir auch Termine in weiter Ferne setzen. Dann aber muß ich in der Lage sein, vernünftig zu planen und kontinuierlich auf mein Ziel hinzuwirken (sonst gerate ich in der Nähe des Termins dann doch wieder unter extremen Druck). Ach, da ist so viel zu beachten, daß mich schon das Nachdenken darüber wieder unter Druck setzt.

Beginne ich mal bei mir. Gebe ich mir immer die notwendige Zeit für das, was ich tu? Leider nein. Und ich kenne auch die Konsequenzen. Arbeit erledigt, oberflächlich betrachtet. Aber niemand wage es sich, genauer hinzusehen! Da sind die mühsam überdeckten Fehlstellen dann ganz schnell erkannt. — Bei den Eiern, die ich mir koche, ist es ganz einfach: Die Eier werden nicht gar sein, wenn die Normzeit für das Eierkochen auf exakt drei Minuten verkürzt wird und ich mich funkuhrüberwacht daran halte …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 27. Juni 2015 war das Treffen mit der allerallerallerbesten Freundin.
 
Tageskarte 2015-06-28: Die Vier der Kelche.

© 2015 – Der Emil. Text & Bild unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Über das Kochen von Eiern (179/186)

  1. Frau Momo schreibt:

    Ich arbeite relativ viel unter Termindruck, das liegt so ein bißchen in der Natur meiner Arbeit, aber mir macht das nicht so viel aus, zumal ich ja nicht Gewinne maximiere oder den Wohlstand meines Arbeitgebers mehre. Ich habe ja das Glück im Non-profit Bereich zu arbeiten. Übrigens werden Martins Eier auch immer am besten, der guckt auch nie auf die Uhr.

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  2. eckisoap schreibt:

    ja, das ding mit der zeit!
    ich empfinde das auch so, wie du.
    seit dem ich zum beispiel im büro die gleitzeit habe, stehe ich ohne wecker auf. meistens bin ich pünktlich gegen 5 uhr wach und kann 6 uhr meinen dienst beginnen. als ich das noch MUSSTE und der wecker mich wecken sollte, war das jeden tag ein schlimmer kampf. oft kam ich zu spät. ( und viele wecker wurden geschrottet )
    ein schöner artikel! gebt den dingen und euch die zeit, die die es braucht!
    <3

    Gefällt 1 Person

    • Der Emil schreibt:

      Es ist beim Aufstehen bei mir ein Unterschied, ob ich mir diese Zeit selst ausgesucht habe (wenn ich im Sender Frühschicht machen möchte: 4.30 aufstehen), oder ob der Termin mir aufgezwungen wurde (beim Jobcenter z.B. heißt manchmal 8.30 aufstehen).

      Da ist auch dieser Druck drin, den ich überhaupt nicht (mehr) mag.

      Und deshalb lächle ich immer, wenn Loriots Figuren über das Eierkochen philosophieren: Wir Menschen ließen uns in den letzten 35 oder 30 Jahren sehr weit von unserem Gefühl entfernen, nach dem wir so gut und richtig und erfolgreich und sicher handeln könn(t)en — wer alles messen muß, kann sich im wichtigen Moment nur noch verschätzen. Auch im so wichtigen Moment der perfekten Eiergare.

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