Gedanken zu Prozessualer Kunst (185/180)


Fernwehleidig hinterherträumend dazugesellen #ansKap

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Irgendlink wird von mir gerade heftig beneidet. Fährt er doch “gemütlich” (im Gegensatz zu seinen letzten Tagen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern) durch ein Land, in dem es etwa 10 Grad kühler ist als hier. Gestern waren es um etwa 15.30 Uhr 38,7 °C im Schatten, an einer leicht vom Wind umwehten und daher schon sehr erfrischend erscheinenden Stelle. Ach, ich als Wintermensch beneide ihn gerade um die 26 °C, die es in Schweden tagsüber sind. Und viel wärmer wird es auf dem Weg #ansKap wohl auch nicht werden.

Da ist es ja kein Wunder, daß ich ihm hinterherträume, mich am liebsten dazugesellen würde zu dem Zweimannteam, welches er und sein Freund Ray gerade bilden und das auf dem großen Schwedischen Radwegenetz unterwegs ist: auf dem Sverigeleden (gibt es leider nur auf Englisch oder Schwedisch). Die großen Wetterdienste sagen für die kommenden Tage Temperaturen um 20 °C vorher, und nur wenig bis keine Niederschläge. Außerdem gibt es in Schweden ja nach jeder Kurve einen neuen, erfrischenden See, dessen kühle Fluten auch zur Kühlung der beanspruchten Köpfe und Beine genutzt werden können. Aber ich wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einfach viel zu untrainiert für einen solchen Ritt in der und durch die Realität.

Faszinierend auch, wie sich die Berichterstattung über die Reise verändert (hat). Zur #umsMeer-Tour 2012 stand einzig und allein der Blog im Vordergrund. Heute changiert die Gewichtung immer wieder zwischen Twitter und Blog hin und her. Es gibt Tage, an denen die Homebase aus Tweets und anderen Nachrichten den “Tagesbericht” erstellt ebenso wie solche, an denen Irgendlink wieder ins Velosophieren gerät und uns, alle diejenigen, die seine Reise auf irgendeine Art und Weise per Internet verfolgen, mit den Ergebnissen der Kopfarbeit vertraut macht (so wie zum Beispiel gestern mit den Opprtunitätskosten). Irgendlink fährt, und viele andere haben das ermöglicht (Danke an euch alle!) und wirken im Hintergrund an der Reise mit. Dazu zähle ich auch die Retweets – also das Weiterverbreiten von Twitter-Mitteilungen – und sicherlich werden auch bei anderen Sozialen Netzwerken (instagram? fakebock? und wie sie alle heißen – in paar Infos darüber sind als Kommentare in Irgendlinks Blog gerne gesehen) Nachrichten von diesem Kunstwerk im Entstehungsprozeß gesendet.

 

Da bin ich bei dem eigentlichen Punkt: Ein Kunstwerk.

Ein Kunstwerk, das ist etwas Fertiges. Ein Photo. Ein Buch. Ein Gedicht. Ein Film. Ein Gemälde, ein Kupferstich, eine Skulptur, eine Plastik. Ah ja. Und wie ist es bei einer Komposition, einem Drama? Die brauchen doch auch die gegenwärtige, im Moment stattfindende Aktivität von Schauspielerinnen und Musikern, Sängerinnen und Tänzern. Erst im Prozeß der Darstellung/Darbietung des “Kunstwerkes” wird das Kunstwerk daraus. Ist es bei dieser Reise #ansKap nicht ähnlich: Betrachten wir da nicht ein Kunstwerk, das gerade aufgeführt, dargeboten, gespielt, gelebt und Er-lebt wird? Er-lebt wie Erschaffen? Erfahren? Und das alles im wahrsten Wortsinne!?

Das Kunstwerk ist nicht das hinterher erhältliche e-Book, es sind nicht die iDogma-Karten, die Fotos. Nein. Das Kunstwerk ist, was gerade in diesem Moment geschieht. Wie bei einem absolut geilen, frenetisch extatisch erlebten Live-Konzert meiner Lieblingsband. Die CD, die ich mir dort nach dem Konzert kaufe, dient nur dazu, mein Kunsterleben erinnerbarer zu machen. Und jeder Moment Kunst, den der Künstler schafft, kostet ihn Anstrengung, im Zweifelsfalle Geld (für die SIM-Karte des Telefones und die entprechenden Gebühren) oder Zeit oder eben, wie er im von mir erwähnten Artikel schreibt, auf dieser Reise eben Kilometer. Der schriftstellernde Appspressionist und Radfahrer als darstellendern Künstler …

Und glaubt mir bitte: Auch andere Kunst erfordert Schweiß und Blut und kostet. Mag sein, daß dann solche wie ich, die sich aus prinzipiellen, persönlichen Gründen bezahltem Kunstschaffen verweigern (naja, wahrscheinlich wird jedes Prinzip irgendwann zumindest einmal gebrochen), die Achtung vor der Leistung einer Künstlerin/eines Künstlers “versauen”, so wie andere Billigheimer woanders die Preise “versauen”. Mit dem (Selbt-)Vorwurf muß ich leben; aber ich muß nicht von meiner Kunst leben. Ich würde das aber ganz sicher gern tun, wenn es möglich wäre; allein daran fehlt mir echt der Glaube, und der Selbstwert und die Zuversicht und der Wille dazu fehlen mir im Moment auch.

Aber der/die da, der/die jetzt in Schweden irgendwo in seinem Zelt/ihren Zelten liegen und tief und fest schläft/schlafen, der ist/die sind dort nicht (nur) zu seinem/ihrem Vegnügen unterwegs. Sondern nimmt/nehmen den ganzen Weg auf sich zu meinem, zu unserem Vergnügen, die wir uns an diesem Prozessualen Kunstwerk #ansKap in all seiner Vergänglichkeit und Konservierbarkeit erfreuen, es ohne Anstrengung genießen können.

Und das alles, das mußte ich mal loswerden.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 3. Juli 2015 war die 15-Jahre-Radio-Corax-Geburtstagsparty.
 
Tageskarte 2015-07-04: Die Acht der Kelche.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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10 Antworten zu Gedanken zu Prozessualer Kunst (185/180)

  1. Sofasophia schreibt:

    Five Stars. Gewaltig im umfassenden Sinne. Das ist eine wunderbare Fortsetzung des gestrigen Blogartikels von Irgendlink. Auch das gehört definitiv zum Gesamtkunstwerk mitdazu.
    Ich reblogg das mal, okay?

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  2. Pingback: Gedanken zu Prozessualer Kunst – reblogged | irgendlink

  3. Klaus schreibt:

    Hallo Emil, natürlich sind auch ein Gemälde, eine Zeichnung und ein Gedicht nie fertig, wenn sie auch als mehr oder minder fixe Form irgendwo zu lesen oder zu betrachten sind. Aber auch hier ist das Entscheidende der Moment, wo der Funke zwischen Betrachter/Leser und Werk aufeinandertreffen und was sich daraus entwickelt. Und welcher Film verändert sich nicht bei mehrmaligem Sehen, welches Buch täte das nicht, weil auch ich mich als Lesender mich verändere und meine Wahrnehmung sich verändert, nicht zuletzt auch durch die Wahrnehmung eines bestimmten Werks. Wo das nicht passiert, ist kein Kunstwerk. Liebe Grüße.

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    • Der Emil schreibt:

      Ja, da hast Du natürlich vollkommen Recht. Aber hier ist der Vorgang die Kunst. da gibt es auch den Begriff der Aktionskunst, den ich für kurze Zeitspannen für gut halte. Und bei längerdauernden wie der Reise #ansKap … Ach, da ist zur Zeit so viel davon in mir, das muß arbeiten und raus und ist auch nie fertig ;-)

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  4. Lakritze schreibt:

    Sehr, sehr schön.

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