Utopische Orte (208/157)

Alle an einem Ort. In der Mitte.

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Angeregt durch die Texte der beiden gerade jetzt im fernen Falun weilenden Menschen Irgendlink und SoSo, durch Twitter und das reale Leben.

Gedankensortieren in einer unsortierten Rausschreibung.

 

In einer Eisdiele möchte ich jetzt sitzen, mit offenem WLAN. Einen Milchkaffee würde ich mir bestellen und einen Eisbecher mit säuerlichen Eisen: Buttermilch- und Joghurt- oder Kefir-Eis, vielleicht mit Heidelbeeren, Kirschen und Kokos. Und mit einer riesengroßen Portion Schlagsahne obendrauf. Da würde ich sitzen und genießen und lesen: von Gewittern und funke(l)nden Öfen, vom ersten Bad in einem kalten See; von freundlichen Zufallsbekanntschaften und nassen Socken, von Bus- und Bootsfahrten; von gesichtslosen Städten und Städten mit dem gewissen Etwas und von verwunschenen Wegen und vom Rücktritt. Oder wünsche ich mich lieber an einen Strand, unter einen schattenspendenden Baumbestand? Dort könnte ich den Menschen zusehen, wie sie ins Wasser stürmen staksen gleiten waten hüpfen, wie sie dann darin herumstehen und -toben, schwimmen, sich dann wieder auf ihre Handtücher und Decken legen; und ich könnte den Kopf schütteln über die, die sich in der Sonne grillen (lassen) und lächeln mit denen, die händchenhaltend und zärtlich sich neckend die Welt um sie herum vergessen. In einer Kühltasche hätte ich ein oder zwei Bier oder meine Lieblingslimonade oder eine selbstgemachte Schorle dabei, nach meinen Aufenthalten im Wasser könnte ich im Buch lesen und Musik hören.

Es ist egal, wohin ich mich jetzt wünsche: Ginge mein Wunsch in Erfüllung, befände ich mich sowieso am utopischsten Ort des Universums. In der Mitte. In meiner Mitte. (Nein, ich halte mich nicht für den Nabel oder das Zentrum des Universums!) In meiner Mitte. In der ich säße und ruhte – zufrieden mit mir und mit der Welt und mit dem, was mich im (gedachten, gewünschten) Moment umgibt. Diese Mitte muß ich nicht suchen, sie ist ja da, immer, in mir. In meiner Seele, in meinem Geist. Ich muß nur zulassen, daß ich sie erreiche! Ich lasse die Ablenkungen durch das Außen in den Hintergrund treten, so daß sie zwar da sind, aber nicht mehr stören und ablenken. Sorgen und Grübeln für eine Weile abzustellen, fällt schon schwerer. Doch auch das gelingt mir immer wieder und oft genug. Früher war ich sogar der Meinung, ich könnte nur in diesem Zustand schreiben, also nur dann, wenn ich in meiner Mitte bin. Dementsprechend habe ich es auch nur in diesem Zustand versucht, habe mich irgendwo unter Menschen begeben, mich in meine Mitte eingekuschelt und geschrieben in der Straßenbahn, im Bus, in Cafes und Kneipen, in Parks – überall da, wo ich mich von mir selbst abgelenkt genug fühlte. Texte, die an anderen Orten entstanden, fanden nie den Weg zum Beispiel hierher oder in eine andere engere Auswahl. Das hat sich geändert im Laufe der Zeit. Schreiben, also nicht nur aufschreiben, kann ich jetzt überall. Weil ich diesen Ort, meine Mitte, überall schaffen kann, auch, wenn ich allein bin, auch zuhause, in meinem Bad, neben meinem Computer, im Radio. Mit und ohne Ablenkung von mir selbst.

Bin ich, indem ich meine Schreibfähigkeit oder besser: indem ich meine Fähigkeit zur Schaffung des “meine Mitte” genannten utopischen Ortes in die gesamte Welt ausgedehnt habe, auch nur einem einzigen utopischen Ort nähergekommen? Was sind denn sonst noch utopische Orte für mich? Orte, die unerreichbar scheinen, zum Beispiel mein Jakobsweg, Finisterra, Neuseeland, Angarsk, eine Almhütte mit guter Internetanbindung, Galway, Burkhardtsgrün. Orte, die gewiß nicht existieren: Shangri-Lah, Vulcan, Cardassia. Orte, die erst noch geschaffen werden müssen: Mondbasis Alpha, Titan 5, der Palast des Bedingungslosen Grundeinkommens. Orte, die – nunja, die eigentlich nicht Orte, sondern Gelegenheiten sind, wie zum Beispiel Treffpunkte. Alles Utopien für mich, utopische Orte. Doch an einigen davon arbeite ich bereits. Alle anderen utopischen Orte kann ich trotzdem erleben, am einzigen utopischen Ort, der mir fast immer zur Verfügung steht: in meiner Mitte, dem utopischsten Ort des Universums, an dem ich alles schaffen kann, was ich will.

Es gibt eine Mitte, die zu suchen und aufzusuchen es sich lohnt. Sie ist vielleicht nicht absolut, aber absolut sicher, für mich.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 26. Juli 2015 war das Ausruhen.
 
Tageskarte 2015-07-27: XIX – Die Sonne.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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3 Antworten zu Utopische Orte (208/157)

  1. Sofasophia schreibt:

    Was für ein starker, stärkender, weiser, selbstliebevoller Text!
    Ich kann deine Gedanken nur unterschreiben.
    DANKE!

    Gefällt mir

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