Die Zielgerade (240/125)

Wie es ist, wenn etwas endet

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Im Sport und in vielen anderen Dingen, in denen mensch etwas erreichen möchte – einen Erfolg, einen Sieg, das “Bessersein als … ” – wird sehr gerne vom Ziel, von einer Zielgeraden und sogar einer Ziellinie gesprochen, die mensch erreicht, überschreitet, vor sich sieht. Und es gibt sehr oft auch noch den Endspurt, diese letzte Kraftanstrengung, das Mobilisieren der letzten Reserven, das Über-sich-selbst-Hinauswachsen, die Anstrengung jenseits der Schmerzgrenze: Da tut es weh, da wird sich geschunden, da wird Un- und Übermenschliches erbracht und durchlitten, letztendlich sich ins Ziel geschleppt, hineingetaumelt, über die bewußte Zielgerade und auch die Ziellinie gestolpert, sich über sie hinübergeworfen, direkt hinter ihr zusammengebrochen. Häufig tun Menschen das, nur um dahinter festzustellen, daß dann und dort nicht sehr viel anders ist als vorher.

Nach eineinhalb Jahren Bundesfreiwilligendienst sprach und spreche ich jetzt auch von einer Zielgeraden. Obwohl ich keinen Sieg, kein Bessersein, keinen Erfolg vor mir sehe. Nein. Hinter mir liegt eine schöne Zeit, die auch anstrengend war. Überschaubar ist die Zeit geworden, die ich noch in diesem Status verbringe: ganze vier Tage, heute mitgezählt. Und die 545 vergangenen Tage haben nicht viel geändert in meinem Leben. Ohne den Vertrag hätte ich meine Sendungen auch gemacht, hätte mich um die Musik gekümmert, hätte Dienst als Sendetechniker gemacht und dafür und dabei all das gelernt, was ich eben auch im Dienst gelernt habe. Der Vorteil des BFD? Nun, einen Teil (!) des Taschengeldes (nennt sich wirklich so, ist aber sozialversicherungspflichtiges Einkommen – welch ein Euphemismus) durfte ich zusätzlich zu meinem ALG II behalten. So waren verschiedene Anschaffungen kein Problem: Waschmaschine, Notebook, DAB+-Radio, Lampen, Kleidung und Schuhe und ein neues Telefon.

Zielgerade. Weil ich mich fühle wie vor dem Ende eines Ultramarathons. Ausgelaugt. Erhohlungsbedürftig. Müde. Und weil ich weiß, das hinter dem Ende des BFD der Wahnsinn Jobcenter wieder vor mir steht mit seinen unsinnigen Forderungen und den unsinnigen Förderungen. Weil ich gleich im Anschluß meine Dinge bei Radio Corax einfach als ganz Freiwilliger, als Vereinsmitglied weitermachen werde, so als sei nichts geschehen und nie etwas anderes gewesen. Ich freue mich darauf, daß ich nicht mehr ganz so fest gebunden bin an all die Abläufe, daß ich weniger persönliche Verantwortung übernehmen muß. Es wird guttun, mit viel weniger Muß und Soll weiterzumachen. Gut wäre das Ziel, das Ende des BFD, wenn das Taschengeld bleiben könnte, wenn es für ehrenamtliche Arbeit wenigstens eine kleine, aber nicht zu kleine Anerkennung in Geld gäbe, das mir niemand und nichts neidet, anrechnet, abzieht. Gut wäre auch, wenn diese verdammte Residenzpflicht für ALG II-Empfänger abgeschafft oder gelockert werden würde. 21 Kalendertage im Jahr, 21 Kalendertage! darf ich anderswo als an meinem Wohnort verbringen: Für jeden “Hartzer” seine eigene, kleine, häßliche Zone, die er nicht ohne Genehmigung verlassen darf für mehr als 24 Stunden.

Diesen Zustand, den ich am ersten September wieder erreiche, den kann ich nicht Ziel nennen. Ziel ist in meiner Logik verbunden mit positiven Umständen. Es ist ein Ende, das allerdings auch wieder kein Ende ist, sondern nur der (Wieder-) Anfang von …

Ach, was jammere ich hier irgendjemandem die Ohren voll. Sind doch nur meine eigenen, kleinen Probleme. Gehn keinen was an.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 27. August 2015 war ein ruhiger Nachmittag mit schönen Nachrichten.
 
Tageskarte 2015-08-28: I – Der Magier.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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19 Antworten zu Die Zielgerade (240/125)

  1. Gudrun schreibt:

    Doch, das müsste viele angehen.
    Gefällt mir drücke ich nicht heute, dafür mal dich, in Gedanken.

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  2. piri schreibt:

    Genau diese eigenen kleinen Probleme sind es doch, die das eigene große Leben stark einschränken. Außerdem ist es absolut menschlich und ich wusste zum Beispiel nichts von der Residenzpflicht. Überholt und knebelig.

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  3. Clara Himmelhoch schreibt:

    Lieber Emil, mir sind in deinem Text besonders die „unsinnigen Förderungen“ aufgefallen. Ich hatte Glück, ich konnte mir mein „Englisch im Geschäftsleben“ selbst suchen und bekam es auch. Aber wie viele werden zu etwas qualifiziert, worin sie dann keinen Arbeitsvertrag bekommen und alles Geld vollkommen überflüssig zum Fenster hinausgeworfen wurde.
    Wenn dir die Zeit gefallen hat und „Taschengeld“ gebracht hat, dann hat sie sich gelohnt!

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  4. Deine Christine! schreibt:

    Dann erst einmal herrlich Willkommen, Du hast das Ziel erreicht. Ist doch super. Und dann viel Erfolg beim wieder normalem Leben 😃

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  5. Sofasophia schreibt:

    Doch – geht andere was an: 21 Tage?! Wie krank ist das denn?!
    Wer hat das erfunden?
    Gibts wenigstens das „unbezahlte Weggehendürfen“ (Pilgerreise)?
    Ich möchte da ein paar Gesetze auf den Kopf stellen.

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  6. traumspruch schreibt:

    jeder Bericht wie dieser erschafft Transparenz… Und Transparenz ist förderlich für Verständnis… Verständnis und verstehen sind förderlich für Veränderung… Also weitermachen!
    Gemini Grüße

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    • Der Emil schreibt:

      Danke.

      Ich würde diese Transparenz liebend gerne ohne diese ohnmächtige Wut im Bauch unterstützen/schaffen, ohne die Angst davor, aus nichtigen Gründen das ALG II vorenthalten (okay, im Rahmen einer Sanktion unter das Existenzminimum gekürzt) zu bekommen.

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