Cerebralporno (259/106)

Der Lauscher an der Wand hört seine eig’ne Schand.
Der Lauscher vorm Balkon verliert leicht die Façon.

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Weiterlesen erotischer Inhalte wird nur Erwachsenen empfohlen.

 

 

 

 

Zur Mittagsstunde auf dem Weg nach Hause. Ich bleibe stehen, um mir eine Zigarette zu drehen. Als ich sie anzünden will, bin ich kurz irritiert. Diese Geräusche. Diese! Geräusche! Die kenne ich. Die kenne ich aus eigener Erfahrung. Dieses Zischen und der Ton kurz danach. Das scharfe, schmerzunterdrückende Einatmen. Ich bleibe mit dem Feuerzeug in der Hand wie erstarrt vor diesem Erdgeschoßbalkon stehen. Wahrscheinlich ist die Balkontür offen, sind die Rolläden nicht ganz heruntergelassen. So kann ich Ohrenzeuge werden. Ohrenzeuge höchst privaten Vergnügens. Ich weiß sehr genau, sehr gut, was hinter diesem Balkon in dieser Wohnung geschieht – andere würden mit den Lauten nichts verbinden können.

Mein Kopfkino zeigt mir die in der Wohnung stattfindende Szene mit mir in einer der beiden Rollen, die zweite Rolle ist ebenfalls eine Idealbesetzung. Schwarze Seile auf weißer Haut, im Kerzenschein glitzernde Schweißtropfen und Tränen. Ein sehr besonderer Duft. Durch die Luft zischendes Leder. Klatschen, scharfes Einatmen, und immer wieder die Worte, die ich auch jetzt hier vorm Balkon höre: “Danke, Herr.” Das hat nichts mit Gewalt gegen Frauen, mit sexueller Gewalt oder ähnlichem zu tun. Nein. Kein Übergriff. Ganz im Gegenteil. Es ist eine besondere Art des Liebesspiels, das ich auf Wunsch dieser Frau genau so mit ihr spiel(t)e. Sicher, gesund und einvernehmlich (safe, sane, consensual).

Verdammt lange ist das her. Kometenliebe nannte ich sie einst.

Und jetzt stehe ich hier mitten in der Stadt vor einem Balkon und bin zumindest akustisch ein Spanner. Höre den beiden in der Wohnung zu, träume mich dazu, mich, als Zuschauer oder Komparse. Die Zigarette ist längst aufgeraucht. Auch das Klatschen hat aufgehört, hat erregtem Keuchen und enttäuschtem Stöhnen platzgemacht. Noch immer weiß ich, was dort gerade geschieht. Kopfkino der allerfeinsten Art läuft. Ich stehe wie angewurzelt auf der Straße, lausche, um auch ja nichts zu verpassen, und schwelge in Bildern und Erinnerungen, erinnere mich sehr, sehr deutlich an solche Szenen.

“Darf ich dem Herrn mit meinem Mund zu Diensten sein?” Als ich diesen Satz höre, gehe ich wie ertappt und ziemlich einsam und sehr sehnsüchtig davon.

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 15. September 2015 waren der überstandene Handwerkertermin, die sich wohlfühlende Katze, das Kopfkino, leckerer Salat.
 
Tageskarte 2015-09-16: Das As der Schwerter.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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7 Antworten zu Cerebralporno (259/106)

  1. minibares schreibt:

    Wenn wir abends auf dem Balkon sind, oder am Samstag morgen, kommt die Nachbarin und raucht und telefoniert in einer Tour. Am Samstag morgen im Bademantel. Aber auch rauchend und telefonierend…

    Gefällt 1 Person

  2. Elvira schreibt:

    Voll erwischt!

    Gefällt mir

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