Abenteuer Bahn (267/98)

Wenn einer eine Reise tut

To get a Google translation use this link.

 

Wenn einer, noch dazu soeiner wie ich, eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Sogar was schreiben. Über Verspätungen zum Beispiel, oder über die Gespräche mitreisender Polizisten. Über Winzhundeerziehung im Regionalexpreß, über die Schwierigkeiten, einen Rollstuhl in einen Zug zu schaffen und wieder hinaus. Und doch werde ich all das nicht tun.

 

Ich hatte genügend Zeit, mir die Landschaft an den Bahnstrecken anzusehen. Von Halle über Weißenfels, Naumburg, Großheringen und Weimar führte mich meine Tageskarte für den gestrigen Tag (ihr erinnert euch vielleicht, es war keine Tarot-, sondern die Fahrkarte) zunächst nach Erfurt. Früher kannte ich die Stadt ganz gut, lebte und diente ich doch 30 Monate auf dem Steiger in der Kaserne der NVA. Und in den wenigen Ausgängen (genehmigtes Verlassen der Kaserne) versuchte ich, soviel von der Stadt zu erkunden als nur möglich war. Zum Erkunden des Erfurter Bahnhofes hatte ich gestern sogar dreißig Minuten mehr Zeit als vorgesehen, aber das war nicht schlimm.

Ab Erfurt ging die Fahrt an Gotha vorbei und durch Gotha hindurch nach Eisenach. Ich hätte viel photographieren sollen, vor allem die alten, heute ungenutzen Bahngebäude an der Strecke und alte, anscheinend noch benutzte Schienefahrzeuge in verschiedenen Bahnhöfen und auf Neben- oder Nachbargleisen. Aus dem Zugfenster schauend erblickte ich links über der Stadt sogar die Wartburg, dieses geschichtsträchtige Gemäuer. Es gab dort ja wenigstens drei große historische Ereignisse: Sängerwettstreit, Junker Jörg und die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (alles aus’m Kopf, ohne irgendwo nachzusehen). Die riesigen Kali-Halden grüßten aus der Ferne. Und obwohl ich mir viel Mühe gab, die Stelle zu entdecken, an der der Zug die ehemalige Grenze überfuhr: Es ist mir nicht gelungen. OruxMaps konnte mir dabei auch nicht helfen, da genau in diesem Zug (ein IC) kein GPS-Satellitenempfang möglich war. Schade. Vielleicht war ich auch einfach zu unaufmerksam diesem Reisedetail gegenüber, weil ich lieber ein hinter mir grführtes Gespräch belauschte? Dann sah ich Mecklar. Danach Bad Hersfeld mit saftig-grünen sonnenbeschienenen Hängen unter dramatischem Wolkenhimmel.

Später sah ich Schafe, Ziegen und Rehe auf Streuobstwiesen stehen – kurz vor einem Ort, der laut Bahnsteigsschild “Ausgang” heißt (ich habe kein anderes Schild entdecken können bei der Geschwindigkeit). Eine Fachwerkkirche. Beseitigte Hochwasserschäden an und in Flußläufen. Fachwerkhäuser. Auf Weiden in der Sonne liegende Kühe. Fachwerkhäuser. Und im nächsten Ort Fachwerkhäuser. Es wurde nicht langweilig, denn schon im nächsten Ort standen zur Abwechslung ziemlich viele Fachwekhäuser.

Dann schlief ich ein, als Fulda angekündigt wurde.

 

Anzeige der Geschwindigkeit, der IC 2250 fährt 160 km/h schnell

Anzeige der Geschwindigkeit
Der IC 2250 fährt 160 km/h schnell, und wenn ich mich richtig erinnere, dann ist das 20 km/h schneller als normal.

 

Unterwegs fuhr der IC wahrscheinlich sehr oft schneller als üblich, denn 20 min der Verspätung holte er bis Frankfut am Main wieder auf. Dort erreichte ich den geplanten Zug nach Mannheim, indem ich fast ohne zu atmen durch den Pissetunnel (der roch eben so, sorry) von Gleis 4 oder 6 zu Gleis 17 hastete. Im Zug fiel ich, kaum daß ich mich hingesetzt hatte, wieder in diesen bahnreisetypischen Halbschlaf, aus dem ich in Mannheim erwachte, um umzusteigen und im neuen Zug sofort wieder hinwegzudämmern. Die Bahn brachte mich pünktlich und ohne weitere Probleme nach Homburg (Saar). Endlich eine rauchen!

Da war dann auch Irgendlink, der mich mit einem Auto abholte und an das endgültige Ziel meiner Reise brachte: auf den Rinckenhof. Mir blieb das Maul offen stehen, als ich das Anwesen sah: Glaubte ich mich doch in den Hof und die Gebäude meier Mecklenburger Großeltern teleportiert, als ich die Scheune von innen betrachtete.

Und dann, dann sah ich auch noch ihn:

 

Alter kleiner Roter Traktor. Es sind in der dunklen Scheune nur die Scheinwerfer und die Schnauze des kleinen roten Traktors zu sehen.

Alter kleiner Roter Traktor
Es sind in der dunklen Scheune nur die Scheinwerfer und die Schnauze des kleinen roten Traktors zu sehen. Von ihm werde ich noch ein paar Bilder zeigen.

 

Und nun? Nun liege ich in dem liebevoll “Kammer des Schreckens” benannten Raum des Kunstbübchendomizils und warte auf meinen ersten Traum hier. Aber nicht ohne ein dickes
 
“Danke, Irgendlink.”

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 23. September 2015 waren Reise, Ankunft und Miteinandersein.
 
Tageskarte 2015-09-24: Die Königin der Stäbe.

© 2015 – Der Emil. Text & Bilder unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Advertisements

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
Dieser Beitrag wurde unter Erlebtes, Gesehenes, One Post a Day, postaday2015 abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Abenteuer Bahn (267/98)

  1. Gudrun schreibt:

    Gefällt mir würde ich heute gerne zweimal drücken.

    Gefällt mir

  2. Sofasophia schreibt:

    Hast du die Karten mitgenommen? 😉
    (Die Tarots, mein ich)

    Gefällt mir

  3. Ulli schreibt:

    ah, jetzt bist du da … schön- und ich? -m- ich bin im Hader, aber das kann dir Soso erzählen oder ich bin dann eben doch auch da … weiss es immer noch nicht!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s