Über das Dasein (269/96)

Worte zur Zeit

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An einem Ort sein, der zu schön ist, um wieder wegzufahren. Nein, kein Hotel, kein Irgendwas zur Erholung (obwohl es genau das für mich ist). Ein Platz zum Leben mit all den geliebten Schrulligkeiten, mit allem Krims und Krams auch aus meiner Vergangenheit. Blauäugig in den Tag hinein leben und treiben lassen; bei allem Kampf mit den Unzulänglichkeiten, an die ich mich so verdammt schnell gewöhnt habe, als wären sie vollkommen normal für mich. Immer wieder der Gedanke: » Was hast Du in der Stadt sonst alles für luxuriöse Bequemlichkeiten? Merkst jetzt doch, daß Du das alles eigentlich überhaupt nicht brauchst. « Und an diesem Ort habe ich anderen Luxus. Vogelgezwitscher, die Rufe der Siebenschläfer, eine total verschmuste Katze. Das “Serail Rotunde”, die Sommerküche, Stille. Luft. Licht. Es mag sein, daß mir das irgendwann, vielleicht sogar ziemlich schnell zuviel, zu still werden könnte – aber im Moment ist es für mich wie ein kleines Paradies auf Erden, ein Garten Eden, wild und grün und feucht und voller Leben.

Die Zeitlosigkeit ist etwas, das mich überrascht(e). Das Wort ist nicht ganz richtig, aber es beschreibt mein Empfinden dafür: Es stehen und hängen zwar richtiggehende Uhren hier, aber Zeit spielt nur eine untergeordnete, fast keine Rolle. Für mich, für mein Empfinden eben. Alles geschieht, alles wird getan, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Es gibt kein » bis 14.30 sollte aber « und es gibt auch kein » wir essen um 20 Uhr «. Ich fühle mich in den Fluß der Zeit eingebettet, nicht wie sonst von der verrinnenden (welch sanftes Wort für diese brutale Tatsache) Zeit getrieben. Der Moment, das Licht, der Wind und der Bauch bestimmen den Ablauf der Zeit und der Arbeit. Wenn ich das so schreibe, dann ist der Ausdruck » Zeitlosigkeit « letzendlich doch der falsche: Es ist eine andere Art, mit Zeit umzugehen; sie wird nicht ignoriert, aber sie diktiert nichts aus einem Terminkalender heraus (und wenn doch einmal, dann nur so wenig als unbedingt notwendig). Hier gebe ich als Mensch der Zeit vor, in welchem Tempo mein Leben verläuft, und nicht die Zeit bestimmt das Tempo, in welchem ich durch mein Leben hasten muß.

Und wenn mich dann – wie gestern, als mein Text für den Blog plötzlich verschwunden war und ich zwei Stunden brauchte, um wenigstens die Hälfte aus dem Datennirwana zurückzuholen – einmal die Ungeduld übermannt und mich umtreibt, so bleibt mir mangels Möglichkeit zur Zeitbeschleunigung doch keine andere Wahl als abzuwarten. Entweder ungeduldig hin und her tigernd oder irgendwo auf einer Bank sitzend, das Eichhörnchen beobachtend und die Hühner und die Katzen.

Leise fiepen die Siebenschläfer über mir im Dachgebälk. Ich hoffe, mein Hiersein streßt sie nicht zu sehr. Ich atme die Ruhe ein, die mich gerade umgibt und bin einfach: Hier. Jetzt. Ich.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 25. September 2015 waren die Ruhe, der gerettete Text, die Ankunft eines lieben Menschen, die gesehene Kunst.
 
Tageskarte 2015-09-26: Der König der Münzen.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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10 Antworten zu Über das Dasein (269/96)

  1. Arabella schreibt:

    Sag ich doch. Die ganze Woche schon.

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  2. piri schreibt:

    Schön

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  3. Kai schreibt:

    Ein schöner Text zum Wochenende. Auch wenn ich zu meiner Schande gestehen muss, weder Aussehen noch Geräusch von Siebenschläfern zu kennen.

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  4. Gudrun schreibt:

    Die Siebenschläfer fangen reichlich Mücken und spießen sie auf die Dornen der Schlehen. Das ist dann ihre Vorratskammer. Gibt es Schlehdorn da, wo du bist?
    Ich freue mich, dass es dir so gut geht, abseits von der Hektik der großen Städte.
    Ein guter Text, lieber Emil, einer, der mich wieder ein Weilchen beschäftigen wird.

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  5. Ulli schreibt:

    ich freue mich für dich – für euch … danke für die Grüsse, ich grüsse von Herzen zurück – wenn wir heute Abend hier am Feuer sitzen, dann werde ich euch einen erneuten Gruss senden, von Feuer zu Feuer, von Berg zu Berg, von Herz zu Herz …
    Ulli

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  6. minibares schreibt:

    ich höre nachts die Enten, das ist auch herrlich.
    Das liebe ich.
    Ruhe ist was Wertvolles. Atme sie ein, genieße sie.
    Liebe Grüße Bärbel

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  7. phantasiewolken schreibt:

    Das ist schon richtig erholsam beim Lesen und versüßt den Sonntag doch enorm :)

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  8. Elvira schreibt:

    Alles hat seine Zeit, auch die Zeitlosigkeit. Obwohl meine Reha, was Anwendungen und Mahlzeiten (interessantes Wort, Mahlzeit, Zeit für das Mahl) betraf, absolut durchgetastet war, so habe ich die Zeit drumherum eher als zeitlos erlebt. Zeit nur für mich und meine Gedanken, losgelöst von sämtlichen Verpflichtungen.
    Genieße diese Tage außerhalb der Zeit!
    Liebe Grüße,
    Elvira

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