Gebleichtes Holz (312/53)

Wie Phantasie die Realität beeinflussen kann

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Ich stehe da in dieser Galerie und schaue mir eine mich im ersten Augenblick verstörende Skulptur an. Sie wurde im Fenster plaziert, nimmt zum Teil die Sicht nach draußen und dämpft das hereinfallende Licht. Nein, dunkel ist sie nicht, diese knieende Frau. Das Holz, aus dem sie gemacht wurde, scheint ausgewaschen und gebleicht zu sein wie Treibholz, das nach vielen Monaten vom Meer an den Strand geworfen wurde, oder wie das Holz des riesigen Kochlöffels, mit dem meine Großmutter jahrzehntelang die Kochwäsche im Kessel rührte. Ob die Figur aus einem Stück gemacht wurde, frage ich mich. Tiefe Risse können mich täuschen; doch da, die Haare, die in einer an Rasta-Zöpfe erinnernden Form gestaltet sind, die scheinen in einzelnen Strähnen angesetzt. Überhaupt. Irgendwie ist sie seltsam, wie unfertig, nur grob geschnitzt/gesägt, nicht richtig glatt geschliffen, und in all ihrer Rauheit ist sie verletzlich.

Ins Gesicht gesehen hab‘ ich ihr nicht. Nicht gleich jedenfalls. Nein, mein Blick war von dem Hanfseil gefesselt, das in Form eines sehr grobmaschigen Netzes um die Figur geschlungen, fast gewoben wurde. Das nämlich ist etwas, in dem ich mich, in dem meine Phantasie sich gut auskennen. Was? Na Seil um Frauenkörper geschlungen, neudeutsch fachsprachlich “Bondage” genannt. Deshalb sah ich die knieende Frau im Fenster, das Hanfseil und die neben mir stehende Frau mit immer schneller hin- und herwechselndem Blick an, bis mir beinahe schwindelig wurde und ich dringend nach draußen mußte, vor die Tür der Galerie, um eine Zigarette zu rauchen.

Jetzt stehe ich wieder vor der ausgeblichenen Holzfigur, vor der gefesselten Frau. Sie kniet da mit gesenktem Kopf. Ich bin versucht, nach ihrem Kinn zu greifen und ihr Gesicht dem meinen entgegenzuheben. Gerade noch rechtzeitig kehre ich in die Gegenwart, die Realität zurück und stecke beide Hände tief in meine Hosentaschen. Ich sehe ihr auch jetzt nicht ins Gesicht.

Ich hätte wahrscheinlich wieder nur Tränen in einem trotzig-stolzen Gesicht gesehen …

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 7. November 2015 waren die geschaffte Arbeit, der Besuch in der Galerie, das reale Treffen mit bisher nur virtuellen Bekannten, ein neues Buch, der Abend auf der Couch.
 
Tageskarte 2015-11-07: Die Königin der Kelche.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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3 Antworten zu Gebleichtes Holz (312/53)

  1. minibares schreibt:

    Super beschrieben, lieber Emil.
    Ich leide mit dir, denn solch ein Seil um eine Frau, das spricht von Unfreiheit.
    Liebe Grüße Bärbel

    Gefällt mir

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