Hintergrundgeräusche (316/49)

Ein Beispiel für meine Schreibumgebung

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Wieder sitze ich hier am Bahnhof, auf einer Bank im Gebäude, etwas verborgen in einer Ecke der großen Halle. Die Tasche halte ich krampfhaft fest auf meinen Beinen, auch wenn das das Schreiben in dem Vokabelheft etwas behindert. Aber ich sitze und schreibe; und ich brauche zum Schreiben dieses Gemurmel der Massen: diese Hintergrundgeräusche, die Huster und Räusperer, die Durchsagen über Verspätungen und “ihre nächsten Anschlüsse”. Da sind auch noch Diskussionen zwischen Menschen, die sich nahestehen oder manchmal nahestanden (ohne daß sie sich des Endes der Beziehung bewußt sind), Streitereien zwischen sich ins Gehegen gekommenen Unbekannten.

Der Vorteil des Bahnhofes gegenüber der Straßenbahn und den Zügen und Bussen ist die Bewegungslosigkeit. Hier ruckelt und wackelt nichts, mein Stift wird nicht einen Millimeter von der Schriftlinie abgelenkt durch abrupte Schaukelbewegungen eines Fahrzeuges. Das Schriftbild bleibt klar und einheitlich, gleichmäßig. Ich muß nur selten Worte ausstreichen und neu schreiben. Andererseits bedingt das Verharren an einem einzigen Ort (obwohl: ist ein Sitzplatz in einem öffentlichen Verkehrsmittel nicht auch ein unveränderlicher Ort), an einer festgesetzten Stelle auch, daß ich die Bewegung, die Veränderung deutlich vermisse. Meine Gedanken werden nicht von der sich wandelnden Umgebung weitergetrieben, nicht umhergeschubst, nicht auseinander- und weitergeschaukelt zu anderen Gegenden, anderen Aspekten des Denkens, der Phantasie und der Träume und Geschichten, die in mir sind.

Sitzen, in einer Art Dämmerzustand mit dem Füllfederhalter in der Hand, wartend auf die nächste Idee, den nächsten Satz, die nächste Redewendung oder Phrase. Nicht ganz in der Welt, der Gegenwart, dem Ort sein. Nicht ganz aus all dem wegsein.

Avalonisches, zwischenweltliches Erleben und Erträumen. Im selbstgeschaffenen Schreibraum in aller Öffentlichkeit mich entblößend als einer, der nicht ganz von dieser Welt ist, etwas verrückt ist. Mich durch kurze Schnarcher sogar lächerlich machend einfach nur die Abwesenheit von Einsamkeit genießen und als inspirierenden Moment nutzen.

 

Gestern gönnte ich mir das für eine knappe Stunde.

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 11. November 2015 war die geschaffte Installation ders Surfsticks auf Linux.
 
Tageskarte 2015-11-12: Das As der Schwerter.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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4 Antworten zu Hintergrundgeräusche (316/49)

  1. Sofasophia schreibt:

    Wie unterschiedlich wir Menschen sind? Auf Bahnhöfe gehe ich nur, wenn ich muss. Oder jemanden bringen/abholen darf: Meine „Höhen-/Brückenangst“ ist die Masse, der Lärm. Nun ja, dann „flüchte“ ich mich ins Schreiben. Das geht. Aber eben: Bestimmt nicht freiwillig.

    Gefällt mir

    • Der Emil schreibt:

      Beim bearbeiten/ausformulieren dann bin ich lieber allein (noch). Aber Ideen kommen eben besser unalleine. Bahnhöfe sind für mich per se so „Zwischenwelten“ (wie es Brücken für andere sind).

      Ein Hoch auf die Unterschiede!

      Gefällt 2 Personen

  2. Elvira schreibt:

    Ich meine Dich sehen zu können, dort in der Ecke (ist dort Rauchen erlaubt?). Vor vielen Jahren bin ich mit einer Schreibgruppe durch Kreuzberg gezogen. Wir haben an verschiedenen Orten geschrieben. In einer Kneipe, auf einer Baustelle, am Ufer, neben einem Spielplatz und auf dem U-Bahnhof. Am Ufer gefiel es mir am besten. Damals bezog ich meine Ideen häufig aus Beobachtungen in Bussen und Bahnen. Ich notierte allerdings nur Stichworte dazu und schrieb lieber zu Hause in aller Ruhe meine Texte. Würde ich heute wieder schreiben, wäre mein Wunschort ein Café oder eine Kneipe mit Rauchmöglichkeit.

    Gefällt 1 Person

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