Reiselust und Reisefrust (331/34)

Ein crononautisch Reisender erzählte mir

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Ab und zu stelle ich mir vor, ich könnte ungehindert und kostenlos durch Zeit und Raum reisen. Und dann tue ich es. Einfach so. Ich muß nur zu einem der Tralinder (Transportzylinder); das ist einfach, denn die gibt es an allen Endhaltestellen der Straßenbahnen, bundesweit. Hineingehen, das Gepäck – ohne jegliche technischen Geräte! – in die dafür vorgesehene Box in Hüfthöhe links stellen. Und schon darf ich das Reiseziel eingeben.

An diesem Punkt beginnen die Probleme.

Stelle ich einen exakten Ort als Reiseziel ein, so sorgen drei während der crononautischen Pionierzeit entdeckte Crononautische Unbestimmtheitsfaktoren (Cnuf) dafür, daß sich die Zeit nur auf maximal ±1306 Standardtage genau erreichen läßt. Das heißt, daß ich bis zu knapp drei Jahren vor oder auch bis zu fast drei Jahren nach dem von mir gewünschten Termin eintreffe. Zu spät anzukommen kann bedeuten, daß ich tatsächlich zu spät auftauche und etwas unwiderbringlich verloren ist. Zum Beispiel mußte ich, als ich das letzte Mal meinen Großvater in seiner Böttchereiwerkstatt besuchen wollte, feststellen, daß er vor genau 13 Tagen gestorben war. Es blieb mir also nur, die gebuchten 10 Tage abzuwarten. Erst nach Ablauf der Reisedauer nämlich holt einen die Automatikfunktion der Tralinder wieder zurück. Na, zum Glück sind alle diese Reisen ja kostenlos. Ebenso ungünstig ist es, wenn ich zu einer Sache zu früh, sogar viel zu früh erscheine. Auch dann steht mir nur meine gebuchte Reisedauer zur Verfügung, und dann holt mich die Tralinder-Automatik zurü. Das ist kein Beinbruch, schließlich hat jeder dreimal im Jahr die Möglichkeit zu einer solchen Reise. Aber: die Zeitungenauigkeit zum festen Ort ist jedesmal vorhanden – es kann um die Treffsicherheit also bei einem weiteren Versuch genauso oder noch schlechter bestellt sein …

Und dann gibt es da ja die zweite Reisevariante.

Stelle ich nämlich einen festen Zeitpunkt als Reiseziel ein, so sorgen die Cnuf für eine Ortsabweichung von bis zu 1306 km Radius um den gewünschten Zielpunkt herum. Zum Glück nur auf der Oberfläche des gewäünschten Aufenthaltsplaneten! Es besteht also nicht die Gefahr, tief im Erdmantel steckenzubleiben bei der Ankunft oder weit unter dem Meeresspiegel “aufzutauchen”. Aber mindestens unangenehm ist es trotzdem, wenn man hunderte Kilometer von einer Küste entfernt im Wasser ankommt, oder – was zum Glück extrem unwahrscheinlich ist – in einem Vulkan (äußerst geringe Überlebenswahrscheinlichkeit). Da sind mir Wüstenlandungen immer noch lieber gewesen. — Egal, es kann also vorkommen, daß ich 1306 km vom Zielort entfernt ankomme. Je nach Zielzeit ist das Erreichen des Zielortes dann innerhalb der gebuchten Reisedauer möglich oder nicht. Der Tralinder-Rückholautomatik ist das allerdings egal. Unerbittlich wird die Rückreise sofort nach Verstreichen der Reisedauer eingeleitet und auch abgeschlossen. Auf diese Weise kann eine solche Reise also auch zum Mißerfolg werden. Und bei der nächsten Tour ist wieder alles so unbestimmt, wie es beim vorhergehenden Versuch auch war.

Dieses Reisen durch Zeit und Raum ist dennoch eine ganz wunderbare Einrichtung. Wirklich. Jede der kostenlosen Reisen aber ist verbunden mit dem Risiko, daß sie nicht genau genug trifft. Für Abenteurer, wie ich gern einer sein möchte, sind sie eine wunderbare Einrichtung, gerade wegen der Cnuf. Aber für andere, sozusagen Normalreisende, ist es eben wegen der Cnuf unmöglich, auch nur einen einzigen Tralinder je zu benutzen.

Woher die Cnuf kommen? Ein Crononom hat es mir einmal erklärt, daß Zeitreisen entlang von sehr verschlungenen und gekrümmten Zeitstrings verlaufen. Wenn der crononautisch Reisende auf irgendeinem Abschnitt des Zeitstrings zu schnell oder zu lngsam ist oder die Cronhäsion (das ist entfernt vergleichbar mit Kohäsion und Adhäsion von Stoffen) zu gering oder zu stark wird, fliegt man eben am “falschen” Ort oder zur “falschen” Zeit vom gerade benutzten Zeitstring. Und weil auch die Zeit gequantelt ist, passiert das eben mit maximal 1306 Standardtagen oder 1306 km Abweichung vom gewünschten Ziel. Ja, ich weiß, so kann das nicht ganz stimmen, aber so habe ich den Crononomen verstanden und so kann ich mir diese ganze Reiserei samt der Cnuf erklären.

Warum keine technischen Geräte mitgenommen werden dürfen? Na, auf die Erklärung für diese Regelung kann jeder selbst kommen, dazu muß ich hier nichts sagen. Ich habe sicher schon viel zu viel verraten. Und die Tralinder-Rückholautomatik sollte mich in den nächsten Minuten sowieso wegho

 

 

Tja, würdet ihr das Risiko solcher Reisen eingehen? Na? Neugierig genug?

 

Cronoskopie, Crononom, Crononautische Unbestimmtheitsfaktoren (Cnuf), Tralinder, Cronhäsion sowie Ableitungen von diesen Worten usw. usf. habe ich gerade beim Schreiben erfunden, ohne irgendwo nachzusehen.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 26. November 2015 waren die Cronoskopische Idee, das Wiedersehen, der ruhige Abend.
 
Tageskarte 2015-11-27: X – Das Rad des Schicksals.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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2 Antworten zu Reiselust und Reisefrust (331/34)

  1. Sofasophia schreibt:

    Das Risiko besteht wohl vor allem darin, nach der Rückkehr mich hier auf der Erde in meinem Leben noch heimatloser zu fühlen.
    Hmmmm …

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  2. minibares schreibt:

    Liest sich höchst interessant.
    Wer weiß für mich genau das Richtige…

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