Advent 2015: Das 1. Türchen (335/30)

Adventskalender anders

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen fernab von zuhause, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Meine Kerzen brennen für alle, die Hoffnung brauchen.

 

 
Schuhkartonbastelei
 

Erinnert ihr euch noch an Peter und dessen Adventserlebnisse vom vorigen Jahr?

Jetzt ist Peter in der dritten Klasse. Und noch immer ist er mit Mutti alleine. Seinen Vater vermißt er noch immer. Und auch im Schulchor singt er noch mit, allerdings ist Herr Stock nicht mehr Musiklehrer und Chorleiter. Es ist einiges passiert in den Monaten seit dem letzten Advent. Und darum hat Peter in diesem Jahr auch einen völlig anderen Adventskalender als alle anderen Kinder auf der ganzen Welt. Das kam nämlich so:

Gleich nach den Sommerferien kamen vier neue Kinder in die Klasse. Sie konnten kein Deutsch, sahen ziemlich dünn und ziemlich braungebrannt aus. Von der Klassenlehrerin wurden sie Ahmed, Dinaja, Youssuf und Cathy genannt. Die vier seien Flüchtlinge und müßten ab sofort in die Schule gehen und lernen. “Flüchtlinge wie Jesus und seine Familie damals?” fragte Peter. Ganz so wäre es nicht, aber ähnlich. Wo diese Kinder herkamen, sei Krieg. Dort wären ganze Häuser, ganze Straßen und ganze Dörfer und Städte kaputtgeschossen worden. Und auch viele Verwandte der Kinder seien im Krieg gestorben. Ein anderes Kind ruft “Mein Urgroßvater ist auch im Krieg gestorben, in Stalingrad!” Die Klassenlehrerin mahnt zur Ruhe. “Kinder. Wir alle müssen ihnen helfen. Sprecht mit ihnen, damit sie schnell unsere Sprache lernen! Und helft ihnen auch bei den Aufgaben!” Die ganze Klasse gab sich seitdem Mühe, und Cathy, Dinaja, Youssuf und Ahmed sprachen schon nach wenigen Tagen die ersten Sätze auf Deutsch. Nach sechs Wochen, noch vor den Herbstferien, konnten sich alle Kinder miteinander verständigen.

Nach den Herbstferien gab es einen ganz besonderen Schultag für Peters ganze dritte Klasse. Es waren zwei Dolmetscher da, die den ganzen Tag das überstetzten, was die vier neuen Kinder der Klasse erzählten. Woher sie kamen, wie die Schule dort war, warum und wie sie fortgehen mußten von Zuhause. Dinaja erzählte, wie ihre Mutti und ihre Schwestern von Männern eingesperrt und weggebracht wurden. Und Ahmed erzählte vom Leben im Flüchtlingsheim, von seinem großen Bruder und seinen zwei kleinen Schwestern, die mit ihm und seiner Mutti in einem einzigen Zimmer wohnen, das kleiner als das Klassenzimmer ist. Youssuf sprach davon, wie zuhause die Schule und das Krankenhaus und die Kirche brannten und auch sein Haus zusammenbrach. Nur Cathy sagte fast nichts. Dafür erzälte die Lehrerin, daß Cathy als einzige ihrer Familie die Schlauchbootsfahrt über das Mittelmeer überlebt habe, Mutti und Vati und Geschwister und Onkel und Tanten waren alle verhungert oder ertrunken. Niemand machte an diesem Tag Scherze über falsch ausgesprochene Wörter, keines der Kinder verdrehte die Augen, wenn Youssuf mal wieder “ich bringte” sagte. Alle hörten, wie vieles in den Heimen und Unterkünften für die Flüchtlinge fehlt. Und Peter beratschlagte am Nachmittag mit seiner Mutti, wie sie diesen Menschen helfen können.

Deshalb hat Peter in diesem Jahr einen Adventskalender aus 24 Schuhkartons. Sieben Mal war er deshalb im Schuhgeschäft gewesen und hatte sich leere Pappschachteln geben lassen. Zusammen mit Mutti und deren Freundin und mit Silke aus der Fünften – die wohnen ja alle mit Peter in derselben Straße – wurden nützliche Dinge in die Schuhkartons gepackt. Peter wußte bisher ja auch nicht, daß jemandem Seife zum Waschen fehlen konnte oder einfach ein paar warme Strümpfe oder Buntstifte und Hefte. Silke wickelte die Kartons mit Weihnachtspapier ein, Mutti band Schleifen und Peter klebte seine selbst ausgeschnittenen Zahlen auf die Kartons: Eins bis Vierundzwanzig. Und so, wie Peter zuhause an seinem Adventskalender ein Türchen öffnet und Schokolade nascht, so soll jemand am Morgen einen Karton aufmachen. Und dann soll an jedem Tag bis Weihnachten etwas weniger fehlen.

Gestern, am Tag vor dem ersten Dezember, hat Peter den Karton mit der 1 mitgenommen in die Schule und ihn Ahmed gegeben, damit der und seine Geschwister und die anderen Kinder, die mit dort im Heim wohnen, auch ein bißchen Advent haben. Ahmed hat versprochen, seinen Eltern von Weihnachten zu erzählen und von den Adventskalendern, die hier normalerweise mit Schokolade gefüllt sind. Und wenn sie sich nachher in der Schule treffen, das hat Ahmed versprochen, erzählt er Peter vom Kartonöffnen. Ob sich Flüchtlingskinder über halāl-Gummibären freuen (Mutti meinte, das müssen genau solche sein)? Morgen früh muß Peter selbst einmal kosten, wonach die so schmecken.

 

 

Peters Erlebnisse in der Adventszeit werden mich wieder begleiten.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 30. November 2015 war die nächste große erledigte Arbeit.
 
Tageskarte 2015-12-01: Das As der Stäbe. Huch, schonwieder?

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

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6 Antworten zu Advent 2015: Das 1. Türchen (335/30)

  1. Rabin schreibt:

    Hmm… was schreibt man, wenn das Geschriebene gefällt aber keine passenden Worte auftauchen wollen. ich schätze ich entscheide mich einmal für ein Danke für deinen Blog, deine Zeit.

    Grüße von der Rabin

    Gefällt 1 Person

  2. Ulli schreibt:

    Danke Emil, ich sitze hier mit Pipi in den Augen und Gänsehäute laufen hoch und runter- du schaffst das immer wieder!

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    • Der Emil schreibt:

      Ach Ulli, ich mag doch niemand zum Weinen bringen! Eher zum leisen Lächeln über die Weisheit der Kinder.

      (Ist übrigens der erste „richtige“ Text, den ich zur Flüchtlingssituation schrieb, nicht wahr?)

      Gefällt 1 Person

      • Ulli schreibt:

        ja, das fiel mir auch auf, dass es dein erster Text zum Thema ist, aber ich war mir sicher, dass dich all das, was gerade geschieht nicht kalt lässt! Und dieses Pipi in den Augen ist was ganz schönes, deswegen habe ich auch Danke geschrieben.

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