Advent 2015: Das 4. Türchen (338/27)

Die Erinnerung ist wirklich ein wirres Ding

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen fernab von zuhause, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Meine Kerzen brennen für alle, die Hoffnung brauchen.

 

 
Advent im Stall
 

Wenn ich an die bei meinen Großeltern in Mecklenburg verbrachte Adventszeit zurückdenke – was leider nur zwei- oder dreimal geschah, noch vor meinem Schulanfang, also verzeiht mir bitte die eventuelle Ungenauigkeit meiner Erinnerungen – dann denke ich auch an den Advent im Stall. Nun ist Mecklenburg nicht das Erzgebirge, und deshalb ist damals, vor 1970, auch nicht viel Schmuck im Haus. Ein paar Reiser und Kerzen aber gab es, und auch besondere Leuchter für diese Zeit. Trat man aus der Küche in den Flur des Bauernhauses, so war gleich rechts die Tür zum Stall, unter der Treppe, die auf den Getreideboden führte. Und im Stall standen zwei Kühe. In den Buchten waren zwei oder drei Schweine eingestellt. Später fehlten die Kühe, dafür gab es ein paar Schafe. Und noch später, da war der Großvater August Albert Otto Emil schon tot, zogen die Hühner aus ihrem separaten Stall im Hof um in den Stall im Haus. Auch die Außentoilette mit Strohkasten wurde dann in den Stall verlegt. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß im Haus jemals ein WC gewesen ist (alles vor 1978 oder 1980).

Ach ja, zurück zum Stall. Dort lebten immer auch die Katzen; und Schwalben hatten im Stall Nester unter die Decke gebaut. Jedenfalls waren meine Großeltern eher abergläubisch statt gläubig. Doch auch für sie war Weihnachten (und sicher auch Ostern) besondere Zeit. Und davon sollten auch die Tiere wissen. So wurden Tannenzweige im Stall an die Wände gehängt, ich glaube, die wurden sogar mit Stroh- oder Baststernen geschmückt. Und es brannte oft in einer besonderen Stallaterne, der ihr gesegnetes Alter wohl anzusehen war, ein Licht. Nein, kein elektrisches, sondern tatsächlich eine Kerze. Vielleicht auch nicht an jedem Abend, sicher aber an den Adventssonntagen morgens und abends. Ob dieser Brauch und die Laterne aus der Pommerschen Heimat mitgeflohen waren über das zugefrorene Oderhaff? Ein Adventslicht im Stall, das gehört zu meiner Großmutter wie die Kassette mit den Papieren und eine Kerze, die beide bei nächtlichem Gewitter auf dem Küchentisch standen. Und neben den Tannenzweigen und der Laterne gab es zur Adventszeit auch einmal besonderes Futter. Heute würde man den Apfel, der nicht aus der Futterkiste, sondern aus der Apfelkiste im Keller geholt wurde, als Leckerei bezeichnen. Poliert und rotbackig durfte ich ihn als Kind in den Futtertrog der Schweine halten, die mir das Obst aus der Hand fraßen, oder den Kühen vors Maul halten oder den Schafen.

Und der Kinderglaube war stark genug, um in den Tieren eine gleiche Vorfreude auf das Weihnachtsfest zu ahnen wie in mir. Dieses Gleichsein aller Kreaturen verschaffte den Schweinen oft eine Kraulerei zwischen bzw. hinter den Ohren – oder war das bei den Schafen? Es ist über 45 Jahre her, daß ich das zuletzt erlebte!

Aber die Laterne und die Tannenzweige, die sehe ich noch vor mir. Advent im Stall.

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 3. Dezember 2015 war der doch noch erreichte Zug.
 
Tageskarte 2015-12-04: Der Ritter der Schwerter.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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9 Antworten zu Advent 2015: Das 4. Türchen (338/27)

  1. Guten Morgen Emil!
    Eine sehr schoene Geschichte schenkst du uns damit heute.
    Auch meine Großeltern hatten einen Stall an dem ich mich gerne erinnere.
    Ich rieche ihn und fühle die darin vorhanden gewesene *Wärme*.
    Wunderbar wie du schreibst: *Dieses Gleichsein aller Kreaturen,…*
    Ja nicht nur *diese* Ställe, auch dieses *gleich sein* ist verloren gegangen.
    Der Mensch ist viel zu hochmütig und anmaßend geworden…
    Hab es gut und bleib gesund.
    Segen!
    M.M.

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    • Der Emil schreibt:

      In einem solchen altmodischen, bäuerlichen Stall entsteht ja wirklich Wärme. Und die Wahrnehmung der Tiere als Mitgeschöpfe ist dort wirklich unmittelbar möglich (gewesen). „Die Natur sich untertan machen“ heißt nicht, sie zu verbannen und etwas Künstliches (industrielle Mast) zu schaffen …

      Gefällt 1 Person

  2. Gudrun schreibt:

    Herzlichen Dank für deine Geschichte hinter der vierten Tür.
    Vielleicht ist es dieses Gleichsein der Kreaturen, was mich immer wieder zu Tieren zieht. Da nehme ich es auch gerne auf mich, den Stall zu säubern, so wie vor einiger Zeit. Das Schwein hat es übrigens sehr genossen, sich mit dem Schrubber von allen Seiten bürsten zu lassen und ich konnte lachen wie schon lange nicht mehr.
    Schon als Kind drückte ich mich in meinem Dorf in den Ställen herum. Bei einem Opa einer Freundin durften wir auf einem Schwein reiten, was natürlich damit endete, dass wir in der Pampe lagen und die Oma aus dem Zetern nicht mehr heraus kam. Um die neuen Ferkel zu sehen sind wir durch einen Gülleabfluss in den Stall geklettert. Diesmal war es meine Mutter, die zeterte, weil unser Duft wahrscheinlich kaum zu ertragen war. Mir hat es nicht geschadet. Im Gegenteil.
    Danke für deine Geschichte. Ich nehme sie mir jetzt mit, verbunden mit ganz vielen Erinnerungen an eine schöne Kindheit und mit einem Lächeln im Gesicht.
    Gruß von der Gudrun

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    • Der Emil schreibt:

      Ach Gudrun,

      schwups! Schon kommt eine Geschichte nach der anderen aus dem Stall. Ich bin mir sicher, daß es den Menschen und Tieren besser ging mit der von alters her überkommenen Lebensweise. Jetzt ist der Mensch doch fast überall (zumindest hierzulande) auf „künstliche“ Natur in Zoos und ähnlichem angewiesen.

      Unsere Kindheit war anders, reicher (?), erlebter als die heutzutage …

      Erinnern wir uns an glückliche, sich kratzen und kraulen lassende Schweine, bei jedem Schnitzel und jedem Schweinsohr, das wir essen ;-)

      Hab eine gute Zeit!

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  3. piri ulbrich schreibt:

    Ich bin ein Stadtkind und kenne keine Weihnacht im Stall. Bei uns war es die Kirche und nicht nur Heilig Abend. Ich hatte als Teenager auch eine Pastorenfreundin, mit ihr zusammen hatten meine kleine Schwester und ich eine schöne Adventszeit. Im Osten war es wahrscheinlich schwierig, kirchlich zu sein. Ich schreibe bewusst kirchlich und nicht religiös, denn der Glaube entsteht im Herzen.

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    • Der Emil schreibt:

      Nein, ich glaube nicht, daß kirchlich sein schwieriger als im Westen war. Es war bestimmt anders.

      Weihnachten (und nicht nur dann) wurden die Gotteshäuser auch von Genossen gefüllt …

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