2. Advent 2015: Das 6. Türchen (340/25)

Ein Kerze zuwenig am Nikolaustag, dafür mit Schwibbogen

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen fernab von zuhause, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Meine Kerzen brennen für alle, die Hoffnung brauchen.

 

Ein Leuchter mit einer Kerze links, rechts die aus dünnem Messingblech hergestellte Miniatur eines typisch bergmännischen Schwibbogens

Bergmännisch geprägte Weihnachtsdekoration aus DDR-Zeiten

 

Da steht er. Dieser Leuchter. Dieser kleine Leuchter, etwa 15 cm breit. Er hat links Platz für eine einzige Kerze. Und rechts steht der typisch bergmännische Schwibbogen darauf – gefertigt aus dünnem Messingblech oder lackiertem Aluminium. Zu Zeiten, da er in der DDR in der sogenanten Konsumgüterproduktion hergestellt wurde, war er heiß begehrt.

1740 wurde in Johanngeorgenstadt der erste nachweisbare Schwibbogen geschmiedet. Viel später, nämlich erst im vorigen Jahrhundert (wie lange her das klingt), wurde in der DDR im Erzgebirge begonnen, die Bögen mit der Laubsäge aus Sperrholz zu schneiden. Oft wurde nach dem 1937er Entwurf der Leipziger Illustratorin Paula Jordan gearbeitet, bei schlechtem Material wurde das Motiv auch vereinfacht. So entstand eventuell auch die auf dem oben gezeigten Leuchter vorhandene Form mit den Tannen links und rechts und den beiden Bergleuten, die über Schlegel und Eisen in der Mitte die Kurschwerter (des Kurfürstentums Sachsen) kreuzen. Je nach Feinheit des Motives dauerte das Aussägen in reiner Handarbeit bis zu acht oder zehn Stunden.

Doch das blieb nicht so. Der Erzgebirger ist nämlich auch erfinderisch. Zum Beispiel wurden die Motive zunächst irgendwie, d. h. mit abenteuerlichsten Methoden (die oft die Zerstörung der Vorlage bedeuteten) auf das Sperrholz übertragen, später gab es Bögen, die aufgebügelt werden konnten. In jedes auszusägende Teil mußte ein Loch gebohrt werden (mit Nagelbohrer oder Brustleier, wie der Böttcher-Großvater die Handkurbelbohrmaschine nannte), durch das das Laubsägeblatt hindurchgeführt werden konnte. Das mühsame Sägen mit der Laubsäge in der Hand wurde irgendwann erleichtert mithilfe von Stahlplatten oder dicken Holzbohlen, einem (Trabant-) Scheibenwischermotor, einer abenteuerlichen Konstruktion zur Halterung und Bewegung des Laubsägebügels und damit des in ihm eingespannten runden Blattes sowie einer ebenso provisorisch gestalteten Art Tisch, auf dem das Sperrholz geführt wurde. Ja, auch mein Vater baute ein solches Ungetüm, könnte es sogar heute noch auf dem Dachboden lagern.

Diese Laubsäge- und/oder Schnitzarbeiten wurden bei den meisten Leuten aber erst zur Advents- und Weihnachtszeit durchgeführt. Nur die, die ihre Erzeugnisse verkauften (nein, nicht im Handel!), arbeiteten auch im Sommer an den Stücken. Sogar mit Klingeldraht und Taschenlampenfassungen (E10/E5) elektrifizierte Schwibbögen wurden gefertigt, bei denen neun oder elf 23V-Kerzenlampen in Reihe geschaltet waren. Wenn das der Arbeitsschutzinspektor gesehen und gewußt hätte! Von meinen Bögen ist übrigens einer ein selbstgebastelter … Und dann, kurz vor der und während der Wende, explodierte die Motivvielfalt: Orientalisch, Weihnachtskrippe, Seiffner und Annaberger Kirche, ganz traditionell, mit Trabant, mit Lokomotiven usw. usf.

Der Schwibbogen als Fensterdekoration verbreitete sich zu DDR-Zeiten nur sehr zögerlich, blieb lange auf das Erzgebirge konzentriert. Und noch heute ist dort das Schwibbogenland. Nach McPomm oder BaWü hat der Lichterbogen es noch kaum geschafft. Nur die aus dem Erzgebirge fortgegangenen oder die Verwandten und Freunde (und manchmal Geschäftspartner, wie z. B. ein Bildungsunternehmen in Koblenz) trugen dessen Licht in die Weiten des Westens.

 

Ich wünsche euch einen fleißigen Nikolaus und eine besinnliche Zeit.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 5. Dezember 2015 waren der ruhige Sendedienst und das geniale Konzert.
 
Tageskarte 2015-12-06: Die Zwei der Stäbe.

© 2015 – Der Emil. Text & Bild unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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7 Antworten zu 2. Advent 2015: Das 6. Türchen (340/25)

  1. piri ulbrich schreibt:

    Deine Weihnachtsschätze sind sehr kostbar – deine Geschichten dazu auch.

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    • Der Emil schreibt:

      Die bisher hier gezeigten Dinge gehören der Freundin … Sie sind wirklich kostbar, weil sehr viele Erinnerungen und Rituale mit ihnen verbunden sind.

      Das ist mit den Dingen, die hier, zuhause bei mir stehen, ganz genauso.

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  2. Gudrun schreibt:

    Ach ja, der Schwibbogen. Bis Leipzig hat es einer geschafft, schon vor vierzig Jahren. Nur ich war wieder nicht nirgendwo zum Pyramideanschieben, dabei muss ich nicht mal sehr weit fahren, in den Landkreis hinein. Nun, vielleicht im nächsten Jahr.
    Dir eine schöne Zeit, lieber Emil.

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  3. Jane Blond schreibt:

    Es sind die Geschichten, hinter den Dingen, die faszinieren.
    Dir auch einen besinnlichen 2. Advent.

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  4. Clara HH schreibt:

    Das war ja eine wunderbare Reise in die Vergangenheit. Wir hatten natürlich auch so einen mit der Laubsäge (sicherlich maschinell) gefertigten Schwibbogen aus dem Erzgebirge.

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