Nº 004 (2016): Wie aus Hilfe plötzlich Geld wurde

Sprache und Übereinkünfte

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Der vierte Tag des Jahres ist zu zwei Dritteln vergangen. Also: Quasi ist er vorbei. Oder nein, das stimmt ja nicht. Denn das erste Drittel habe ich verschlafen, die restliche Zeit dieses Tages werde ich wachsein und erleben. Also bin ich gerade mitten im Erleben des – meines! – vierten Tages. Genau daher kam ja vor langer Zeit meine Entscheidung, heute und morgen nicht an “nach dem Schlafen”, sondern an Mitternacht festzumachen. Das war und ist für Menschen, für die Morgen eben erst nach dem Schlafen beginnt, oft reichlich kompliziert.

 

Und es ist nur ein Beispiel dafür, wie sich ein Phänomen der Neuzeit, speziell der Zeit nach der Imperialisierung der ehemaligen DDR auswirkt. Nein, schlechter Ausdruck, unverständlich. In meiner Erinnerung war dieses Phänomen in der DDR nicht so weit verbreitet wie es das jetzt in der BRD ist – und zwar nicht nur abhängig von der seither vergangenen Zeit, sondern tatsächlich auch abhängig vom herrschenden System.

Menschen verabredeten seit uralten Zeiten Verhaltensnormen und Bezeichnungsstandards, die sie unter beinahe allen Umständen einhielten. So war es zum Beispiel in der DDR. Bestimmte Bezeichnungen und Gegebenheiten waren (ob nun angeblich “von oben” angeordnet oder nicht) eben überall und bei jedem gebrächlich und von überall gleicher Bedeutung. Die “blaue Fliese”, das Bonbon, die Staatsrats-Eingabe, der Lehrplan in den Schulen. Das war gut so, weil wir alle im Kontakt die Konformität der Begriffe/Verhaltensweisen voraussetzen konnten. Keine lange Diskussion um Formalitäten und Verständnisdefinitionen war notwendig. Individualität hin oder her: Sie war nicht das Maß aller Dinge. Doch, vorhanden war sie sehr wohl, aber sie wurde nicht auf den Sockel gehoben und zum allerwichtigsten erklärt. Wir konnten zurückstecken, wenn es um “das große Ganze” ging – und wir taten es auch! Wenigstes in den Kollektiven, in denen wir integriert waren, und meist auch in noch übergeordneten sozialen Gebilden oder in Teilmengen der Kollektive. Aber einen solchen Anpassungszwang, nein, so viele so mächtige Anpassungszwänge wie heute gab es nicht. (Und das trotz Stasi und Partei usw. usf. Wir hatten ein reiches Leben außerhalb Spitzelei und Parteitagsinitiative, u. a. weil wir sozial und materiell durchaus abgesichert waren.)

Heute? Teamfähigkeit wird gefordert. Fast überall. Oft sogar bedingungslose Unterordnung unter verscheidene Gruppenzwänge gleichzeitig. Und der Zwang zur unbedingten, fast vollkommenen, absoluten, allgegenwärtigen Individuation. Also dazu, besonders individuell, originell, besonders zu sein. Zwischen Gruppenzugehörigkeiten und Individualismus machen viele einen sehr weiten Spagat. Und deshalb gelten vereinbarte Normen und Begriffe eben nicht mehr immer und überall, müssen immer aufs Neue ausgehandelt werden. Solche Übereinkünfte werden meines Eindrucks nach sogar durch Politik und Wirtschaft tropediert, durch Neologismen, Euphemismen und Bedeutungsverschiebungen absichtlich außer Kraft gesetzt. Glaubt ihr nicht? Meint ihr, daß die Sozialhilfe nichts anderes war als das heute an Erwerbsfähige Hilfebedürftige Arbeitslosengeld II? Früher erhielten Menschen Hilfe! Jetzt bekommen sie Sanktionen … Warum wurde aus der Sozial-Hilfe plötzlich Arbeitslosen-Geld? Wieso gibt es heute den Migrationshintergrund und den Wirtschaftsflüchtling, wobei letzerer nichteinmal die Wirtschaft flieht, sondern eher wirtschaftliche Sicherheit sucht? Gastarbeiter: Vielleicht war der Anteil “Gast” nicht ganz wahrhaftig, obwohl diese Menschen damals sehr erwünscht waren. Und wenn es darum geht, Bedingungen in “Europa” zu “harmonisieren”: Zu welchem Zweck, in welcher Absicht wird sich dann immer an den niedrige(re)n Standards orientiert (Bachelor z. B.)?

 

Ja, ich meckere auf hohem Niveau. Oder doch nicht? Fällt mir “nur” etwas auf, das sonst im Grundrauschen untergeht? Jedenfalls sind diese Überlegungen und diese Fragen auch ein Resultat des Herumkauens an Macht & Gewalt.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 3. Januar 2016 waren sehr nette Gespräche, leckeres Essen, geschaffte Hausarbeiten.
 
Tageskarte 2016-01-04: Der Ritter der Stäbe.

P.P.S.: Noch jemand da, der noch nicht abgestimmt hat?

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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7 Antworten zu Nº 004 (2016): Wie aus Hilfe plötzlich Geld wurde

  1. Ulli schreibt:

    Dein Jahr startet mit jeder Menge Gedankenfutter, so will es mir jetzt erscheinen. Gerade habe ich 0004 zum zweiten Mal gelesen, heute in der Mittagspause verstand ich nur die Hälfte, war nicht wirklich bei der Sache. jetzt aber habe ich mich eingelassen und bin mir aber so gar nicht sicher, ob ich dich richtig verstehe …
    Fange ich bei der Individualität ein, ich sehe sie als grosse Falle an, die unter anderem zu starker Vereinzelung geführt hat, Abgrenzung scheint ein Wort zu sein, das Hand in Hand mit den Individuen geht.
    Ich bin zwar nicht in der DDR gross geworden, aber auch ich habe 11 Jahre Kollektiverfahrung und musste danach in den sogenannten Teams immer wieder feststellen, dass die meisten nicht wissen wovon sie reden, nix gleiche Augenhöhe, nix gleiche Rechte etc., sondern klare bis unklare Hierarchien. Für mich waren diese 11 Jahre die besten in meinem Arbeitsleben, trotz mancher Endlosdiskussion, aber es war ehrlich und fair!
    Zur Individualität liessen sich ja Wälzer schreiben, deswegen belasse ich es bei diesem Beispiel, denke aber noch darüber nach, was es mit dem Gebrauch von Worten zu tun hat. Es stimmt, manchmal benutzte ich auch ein Wort in meinem Sinne und verstand dann gar nicht, wieso ich nicht verstanden wurde. Mittlerweile ist es mir wichtig, dass ich verstanden werde und darum bemühe ich mich auch und lasse so manche Wortspielerei sein. Vor ein, zwei Jahren war mein Thema „schnörkelloses Schreiben“, was nun nicht ein wider der Poesie ist, aber meint, das versuchen in Worte zu fassen, was ich wahrnehme und denke …
    So, und nu denke ich mal noch ein bisschen weiter …

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  2. Elvira schreibt:

    Die meisten der Fragen, die Dir durch den Kopf gehen, haben wir (mein Mann, ein befreundetes Paar und ich – alle linkslastig) vor einigen Jahren nächtelang diskutiert. Antworten haben wir nicht gefunden, es ergaben sich eher weitere Fragen. Die Ansicht, die wir allerdings alle vertraten, war, dass ein bestimmtes Ziel verfolgt wird, eine Art Auslese. Durch Minimierung des Budgets in (vor-)schulische Bildung werden Verlierer herangezogen, chancenlose Menschen, die in den Mühlen der Bürokratie zermahlen werden. Während auf der anderen Seite Eliteschulen und -unis einer kleinen Zahl gut situierter Eltern den Verbleib ihrer Kinder in der Wohlstandsgesellschaft garantieren. Gut, ist etwas pauschal gesagt,. Aber von einer Chancengleichheit sind wir immer noch meilenweit entfernt.

    Gefällt 1 Person

  3. alltagsfreak schreibt:

    Die soziale Sicherheit – da stimme ich Dir bedingungslos zu, war in der DDR mustergültig. Es gab weder Arbeits- noch Obdachlosigkeit, Drogenkriminalität (außer „Nut tut gut“) waren unbekannt. Ich war noch zu jung, um die Sichtweise von Arbietskollektiven abzuschätzen, jedoch bei Ferienarbeit u.ä hatte ich nichts zu beklagen. Jedoch die Bespitzelung, das dauernde sich fragen, ob man unbefangen reden konnte…Worte wie „Jugendwerkhof“ wirkten abschreckend. Heute ist das oft auch nicht besser. Vertritt man heute seine Positionen, so muss man vorsichtig sein, wie Firmen, bei welchen man beschäftigt ist, dies wertet. Besonders dann, wenn man sich öffentlich engagiert. Das Sanktionieren bei ALG 2 Empfängern ist oft unter aller Würde – heißt es da nicht irgendwo: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“?

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    • Der Emil schreibt:

      In zwei Dingen muß ich Dir widerprechen:

      Es gab Arbeitslosigkeit, aber nur extrem selteseltn,denn Arbeit warRecht und Pflicht. Selbst ich bezog für eine kurze Zeit Geld von der Abteilong Inneres bem Rat des Kreises.

      Bespitzelung? Entweder war ich zu blöd oder zu unwichtig … Ja, es war allen klar, was das MfS tat; aber es war nicht die Intensität dessen bekannt. Also wir haben uns nicht dauernd gefragt …

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      • alltagsfreak schreibt:

        In meinen konkreten Fall: Vollwaise, Westverwandtschaft… Egal wem ich was erzählte – mein Vormund wußte immer alles – die Ausfragerei beim Jugendamt, sich als Kind ständig überlegen zu müssen, ob man das Richtige gesagt hatte… Aber wenn man die Situation in den 50ern – 70ern von Heimkindern in der BRD (das Buch „Schläge im Namen des Herren“) sprechen Bände.
        Menschen, die (nach heutigen Bedingungen) nicht „erwerbsfähig“ waren, konnten ja Heilkräuter sammeln, für ein Kilo getrockneten Huflattich gab es 40,-M, soweit ich weiß und andere Verdienstquellen, wie saisonale Ernte (Kirschen, Äpfel, Johannisbeeren) waren gut bezahlt. So konnte man sich als Schüler 20 – 50 Mark, je nach Leistung dazu verdienen. Auch Rentner und Hausfrauen machten dies oft. Das lange Anstehen nach bestimmten Mangelwaren, die Umweltverschmutzung gerade Leuna, Buna, Bitterfeld…, wenn man dagegen etwas sagte, bekam man Probleme.Viele Erinnerungen sind verblaßt.Aber die Angst um’s nackte Überleben waren Ängste, die wir nicht kannten.

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        • Der Emil schreibt:

          Heim … In der Familie im Erzgebirge eben war es nicht so wichtig, immer das richtige zu sagen. Westverwandtschaft gab es auch recht viel.

          Mir scheint wie so oft, daß es viele verschiedene DDRn gegeben haben muß.

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  4. Pingback: Neues Gewand, alte Positionen… | alltagstauglichkeitstest

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