Nº 009 (2016): So kann ich nicht arbeiten.

Struktur! Struktur! Struktur!

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So kann ich nicht arbeiten.

Meine Umfrage läuft noch, aber der Trend ist wohl eindeutig: Keine Bestimmte Uhrzeit. Tja, für Leserinnen und Leser mag das passen. Und für mich?

 

Wenn ich mir nicht sofort wieder eine feste Zeit auferlege und eine tägliche Bloggerei, dann werde ich nachlässig. Dann beginne ich mit dem Schreiben der Texte erst am Tag, an dem sie erscheinen sollen. Dann nehme ich mir zwischendurch Zeit für viele andere Dinge. Dann werden Texte einfach nicht fertig. Dann wird es zunächst Tage ohne Eintrag geben. Dann folgen Wochen ohne Eintrag. Dann bleibt deremil.wordpress.com monatelang stumm. Dann ist der Blog – lange bevor das Datenvolumen ausgeschöpft ist – tot.

Je öfter ich in diesem Prozeß keinen Beitrag schaffe, desto größer werden mein schlechtes Gewissen, die Scham (die mich dann am Schreiben hindert) und die Gewißheit, wieder versagt zu haben. Herzlich willkommen, liebe F 32.2! Ja, da kommen dann sechs bis sieben der Symptome zusammen, und je länger ich nicht konsequent schreibe, desto mehr werden es. Ach, niedergeschlagen ist doch jede(r) mal? “Unternimm doch was anderes!” Nein, das geht dann ebenfalls nicht mehr. Ich bin dann nämlich nicht nur traurig, melancholisch, niedergeschlagen; es hilft mir dann nicht, wenn jemand mir rät hinauszugehen, mich mit Freunden zu treffen. Denn dann bin ich nur noch jemand, den niemand zum Freund haben kann, weil ich so wertlos bin. Das ist keine Stimmung, das ist eine (lebensgefährliche!) Krankheit. Solche Ratschläge, Hilfsangebote, Hinweise (Reiß Dich doch einfach zusammen! Sei doch mal fröhlich!) machen alles nur noch schlimmer. Dem Menschen mit einem Aneurisma wird sicher auch nicht empfohlen, jetzt mit dem Fallschirm in 6.000 ft Höhe aus einem Flugzeug zu springen …

Als ich die ersten 100 täglichen Beiträge geschafft hatte, habe ich davon geschrieben: von meiner Therapie, die ich mir mit dem täglichen Veröffentlichen selbst angedeihen ließ/lasse. Nein, ich bin noch nicht geheilt, noch nicht wieder richtig gesund. Meist bin ich symptomfrei, oder ich habe die Symptome unter Kontrolle. Doch ich brauche meine Terapie heute noch und morgen und übermorgen und viele folgende Tage, Wochen und Monate auch noch. Ohne festen Ritus, ohne feste Zeit lasse ich das alles schleifen, verlottern. Und damit beginne ich in das Loch der Losigkeit zu rutschen, denn wenn drei Tage lang nichts geschieht, ist das Weiterführen des Blogs doch sinnlos, zwecklos. Dann habe ich versagt, wieder; dann bin ich es nichtmal mehr wert, gelesen zu werden.

All das habe ich jetzt in dieser Woche wieder deutlich gemerkt. Bei der Erstellung der Umfrage hatte ich diese Möglichkeit schon in Erwägung gezogen. (Das nicht zu tun, hätte auch nichts geändert und nicht geholfen.) “Vielleicht ist das alles vergebliche Liebesmüh‘, weil mir irgendwann einfällt, daß eine Viertelstunde nach Mitternacht doch der beste Zeitpunkt für meine Beiträge ist (zumindest für mich).” Es fiel mir nicht ein, es fiel mir auf, daß ich Struktur brauche, zumindest diese eine, dieses täglich zur festen Zeit veröffentlichen. Allen Abstimmenden danke ich für ihre Stimme, allen Kommentarschreiberinnen und -schreibern für ihre Mühen und Texte.

Aber: Ab der kommenden Nacht, ab dem 10. Januar 2016 habe ich wieder eine feste Zeit, mitten in der Nacht. Und dieser Blog hier bleibt für mich, was er schon vor über drei Jahren (untere Hälfte meines Textes) war.

Unter anderem: meine eigene Therapie. Mit Nebeneffekten, positiven meist. Manchmal anstrengend, manchmal nervig. Aber heilsam.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 8. Januar 2016 waren Buchfink und mehr.
 
Tageskarte 2016-01-09: De Zwei der Schwerter.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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23 Antworten zu Nº 009 (2016): So kann ich nicht arbeiten.

  1. Arabella schreibt:

    Das du mit dir zurecht kommst ist das Wichtigste.
    Vielleicht verpasse ich mal einen Beitrag, wenn du wieder später bloggst, das ist aber halb so schlimm.
    Beste Grüße

    Gefällt 1 Person

  2. Bine schreibt:

    JUHUUU…. Juhuuuiiiiiiii… juhuuu…
    Mein Wunsch wurde erfüllt.
    Ich war die letzten Tage total kirre.
    Mensch wo ist denn nur der Blog vom Emil?
    Achja… Der kommt… ja, aber wann nur?
    Nun weiß ich wieder wann und dann kann ich, gerade wenn ich morgens nicht ganz so früh raus muss, eine Gutenachtgeschichte lesen.

    Großes Schade an alle die sich eine andere Zeit wünschten. Aber ihr hattet euch doch auch eine Zeit genommen um dieses Leseritual zu vollziehen.

    Einen schönen Tag und ein entspanntes Wochenende an alle.

    Gefällt 1 Person

  3. Samtmut schreibt:

    Unter dem Aspekt hatte ich die Umfrage nicht gesehen – jetzt ist mir aber ein Licht aufgegangen! Den Wert fester Strukturen (und die damit verbundene Disziplin, die manchmal/ oft? aufzubringen ist) habe ich inzwischen auch für mich erkannt. Ich finde es jedenfalls toll, wie Du Deinen Weg erkennen und somit auch folgen kannst.

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  4. S(tef)unny schreibt:

    Strukturen. Schaffen. Klarheit.

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  5. Sofasophia schreibt:

    Wenn es dir hilft, dann mach dir ne feste Zeit.

    Aber für mich bist du genauso wertvoll, ob du täglich, nur einmal die Woche, einmal im Monat schreibst oder gar nicht.
    (Du weißt es, tief in dir drin – nur sein System will es nicht glauben – oder so?!)

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  6. Karl schreibt:

    Verschiedentlichgbit es zwar immer wieder mal die Empfehlung, alles und jedes in Frage zu stellen.
    Aber der alte IT-Spruch „never change a running system“ ist doch auch ganz zutreffend, vor allem wenn Wichtiges von einem zuverlässig laufenden System abhängt. Und ganz besonders sollte man an einem laufenden System solange nichts ändern, wie man kein zweifelsfrei ebenfalls allen Anforderungen genügendes Redundanzsystem im Hintergrund hat.

    Gefällt 1 Person

  7. eckisoap schreibt:

    ich kann deine erfahrung teilen. ohne krankheit im hintergrund. für mich bestünde die möglichkeit, homeoffice zu arbeiten.
    es funktioniert bei mir genau darum nicht. ich brauche meine feste struktur, um gut arbeiten zu können. beim homeoffice fehlt mir die feste struktur und ich kann irgendwie auch keine neue schaffen.
    also fahre ich weiter ins büro :)
    neues probieren und zu vertrautem zurückzukehren ist was gutes.

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