Nº 013 (2016): Nähe. Sofort, bitte.

Nochmal aus “Der Sturm vor der Stille”

To get a Google translation use this link.

 

Passend zu meinen letzten beiden Einträgen hier habe ich noch etwas gefunden. Es hat mit den Romanzen zu tun. Es gehört zum inneren Sturm vor der inneren und äußeren Stille. Es … Es hat am gestrigen Nachmittag etwas in mir ausgelöst. Tina Soliman schreibt etwas, dem ich zustimmen kann und muß; weil es auch mein Erleben ist, weil auch ich diese Sätze, wenn auch mit teilweise andren Worten, so niederschreiben kann:

 

 

» Schon seit längerem fällt mir auf, daß das klare und offene Gespräch zwischen Menschen kaum noch zustandekommt. Es wird nicht gesucht oder es geht im Getöse unter, das uns permanent umgibt. Die Menschen sind im Umgang miteinander brutaler geworden, gleichzeitig aber auch empfindlicher. Das offene Gespräch fordert Aufrichtigkeit, Rückgrat und Charakter und fördert auch mal unangenehme Tatsachen zutage, am Ende auch Entscheidungen. All dem wollen viele Menschen, so scheint es, sich nicht mehr aussetzen. Weil es die Zahl der Optionen begrenzt, die uns offenstehen? Doch wer sich immer alle Möglichkeiten offenhalten möchte, läuft Gefahr, am Ende alle zu verpassen. Es mag reizvoll sein, möglichst viele Optionen zu haben, aber es ist auch wichtig zu wissen, welche eben nicht in Frage kommen. Nicht jede Art von Leben können wir wagen, doch es gibt Wagnisse, für die es sich zu leben lohnt. Dazu gehören vor allem Beziehungen. Diese aber wecken in unserer Zeit ambivalente Gefühle. Man sehnt sie herbei, aber man fürchtet sie auch. Liebe ist das, was wir wollen, aber wir trauen ihr oft nicht. Kein Wunder, daß angesichts dessen Einsamkeit aufkommt. Um sie zu bekämpfen, sucht man Nähe. Sofort, bitte. Wenn der andere da nicht mithalten kann und noch etwas mehr Zeit braucht, wird die Beziehung eben abgebrochen. « (Hervorhebungen von Der Emil)

Tina Soliman: Der Sturm vor der Stille. Warum Menschen den Kontakt abbrechen. S. 162
© 2014 J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-94804-2

 

 

Und da lese ich, von Frau Soliman niedergeschrieben, meine eigenen Überlegungen, die ich zu den Liebesbriefen der Großen aus dem 18. und 19. Jahrhundert hatte. Da erkenne ich bei ihr, was ich unter den Jugendlichen (und das sind alle jenseits der 30 – aus meiner Blickrichtung!) immer wieder beobachten kann, und nicht nur unter diesen, sondern auch in meiner Altersklasse über 50. Dort im Buch steht, was ich selbst an mir beobachtete und rückblickend über mehrere Jahre lebte. Weil ich mich für eine Möglichkeit nicht entscheiden konnte, entschied ich mich gar nicht. Wenn ich in einem Gespräch oder in einem Kontakt feststellte, daß mein Wort nichts zählte, zog ich mich zurück. Es gab nichts, lange nichts, wofür es sich zu leben lohnte. Wenn ich Nähe suchte und keine erfahren konnte …

Nein, das soll jetzt nicht heißen, daß alle Depressiven Abbrecher oder alle Abbrecher depressiv sind. Aber ich nehme an, daß ich damals schon tief in einer Depression stak. Die mindestens einen erinnerbaren Suizidversuch mit sich brachte. Waren die Dinge, die mich depressiv machten, auch die, weshalb ich weggelaufen bin? Oder war die Depression für das Weglaufen verantwortlich? Muß ich zwischen diesen beiden Möglichkeiten auswählen? – Halt. Das sind nicht zwei Möglichkeiten, die ich habe und die ich mir offenhalten sollte. Nein. Und ich muß mich auch nicht zwischen beiden entscheiden.

 

Ich habe gerade einen Schritt gemacht, hier im Blog, jetzt beim Schreiben. Einen Schritt für und in meinem Leben:
 
Ich bin weggelaufen, weil ich es mußte. Fertig.
 
Und daran werden waren sowohl die Dinge, die mich depressiv machten, als auch die noch nicht erkannte Depression Schuld gewesen sein. So genau muß ich diese Dinge auch nicht wissen. Denn ich bin Der Emil. Ein anderer (?) als der damals, zumindest einer, der sich anders benimmt. Der sich entscheidet, der fordern kann, der erwartet und abwartet. Der Emil, der genießt, wenn es etwas zu genießen gibt, der Sehnsucht leben und zelebrieren kann, der andere Ziele hat als Geld, Geld, Geld, Auto, Urlaub sonstwo (wo ich ja wegen Flug- und Höhenangst nicht hinkomme). Der Emil, der neugierig ist, Augen- und Ohrentier und jemand, der ein klares Ja oder Nein benötigt und mit verhöflichten Antworten nichts anfangen kann.

Der bin ich, der von mir selbst geschaffene, konstruierte, mit Geschichte ausgestattete, lebendige Blödmann mit dem sonderbaren Namen “Der Emil”. Der sehr oft körperliche Nähe vermißt.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 12. Januar 2016 waren gute Nachrichten, geschaffte Arbeiten, erledigte Behördenmitgänge, Texte, Notizen, Aufgeschriebenes, eine Entscheidung.
 
Tageskarte 2016-01-13: Die Zwei der Schwerter.

P.P.S.: Tut mir leid, aber zu diesem Text gibt es keine öffentlichen Kommentare. Auf Mail (nach Möglichkeit bitte kein HTML!) versuche ich zu antworten.

© 2016 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Advertisements

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
Dieser Beitrag wurde unter 2016, Erlebtes, Gedachtes, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.