Nº 015 (2016): Beziehungsperfektionismusbredouille.

Immernoch “Sturm vor der Stille”

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Es tut mir ja leid, wenn ich gerade so mit meinen eigenen Befindlichkeiten nerve. Aber da ist so vieles in mir, das gerade jetzt herauswill. Vieles davon angeregt durch dieses Buch. Dieses zufällig in der Bibliothek gesehene, mitgenommene und mehrfach gelesene Buch. Über die totalen Beziehungs-, Kontakt- und Kommunikationsabbrecher, also auch über mich. Obwohl: Keiner kann wohl tatsächlich nicht kommunizieren, denn auch zu schweigen, auf Kontaktversuche nicht zu reagieren ist eine Kommunikation. Es wird mitgeteilt, daß da nichts mehr geschehen kann und wird. Also Kontaktabbrecher als geeigneterer Begriff? Ja. Und nocheinmal steht in diesem Buch etwas, das ich kenne (und das von Prof Dr. Dr. Wolfgang Hantel-Quiltmann bestätigt wird), weil ich es selbst als diagnostizierter Betroffener erlebt habe (und in Teilen, abgeschwächter Form noch erlebe).

 

 

Beziehungen werden unter den Kriterien von Ertrag und Rentabiliät betrachtet. Sie müssen perfekt sein, weniger ist nicht akzptabel. Eine Perspektive, die auf Dauer einsam macht. Wer an Beziehungen Ansprüche hat, die er kaum selbst erfüllen kann, wagt oft genug keine Beziehung aus Angst, in seiner eigenen Unzulänglichkeit erkannt zu werden. Es gebe mehr Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, als wir glauben, meint Hantel-Quiltmann, und vor allem die Bordeline-Störungen – gekennzeichnet unter anderem durch instabile Beziehungen, die zwischen Idealisierung und Entwertung des anderen schwanken – nähmen zu. Das verwundert nicht, denn wir Menschen sind nuneinmal Gemeinschftswesen. Niemand kann auf Dauer ohne andere Menschen existieren.

In einer immer komplexer werdenden Welt sehnen die Menschen sich nach Zugehörigkeit. Doch sie tun nichts oder wenig dafür. Die Mechanik der Diskontinuität setzt sich durch. Am Ende steht oft genud ein Leben, das nur noch aus Überängen besteht: Lost in Transition.

Tina Soliman: Der Sturm vor der Stille. Warum Menschen den Kontakt abbrechen. S. 163
© 2014 J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart
ISBN 978-3-608-94804-2

 

 

Ist es nicht erschreckend, wie weit sich auch zwischenmenschliches (Er-)Leben kommerzialisieren ließ in den letzten 30 Jahren? (Auf diesen Zeitraum, glaube ich, können wir alle uns einigen. Für mich persönlich begann der Prozeß ziemlich genau 1988, in der DDR, als ich zum ersten Mal wegen mangelndem sozialen Status und mangels Besitz nicht als Beziehungspartner infrage kam.) Richtig schlimm wurde es nach der Wende, mit dem Einzug der sogenanten “Marktwirtschaft”. Sozial war die schon damals nicht mehr und wurde seitdem immer weiter desozialisiert durch Entsolidarisierung, Konkurrenzdruckerhöhung, Statussymbolüberbewertung usw. usf. Viele hatten diesen Dingen nichts bis nicht viel entgegenzusetzen. Hinzu kam die immer mehr und häufiger geforderte Mobilität der Menschen, die mittlerweile in die Globalisierung allen wirtschaftlichen Handelns eingeschlossen ist. Eine Beziehungsentstehung, die wie früher Zeit und mehrfaches Treffen zu einem vorsichtigen Annähern nötig hat, funktioniert heute nur noch selten. Es ist die Zeit dazu nicht mehr verfügbar.

Menschen leben nicht mehr lange genug beieinander, nicht eng und kontaktreich genug, um das zu erleben. Nachbarschaftsfeste, Hausgemeinschaftstreffen …? Immer häufiger hasten Menschen von Termin zu Termin, von Speeddating zum Internet-Partnerschaftsportal, spezialisiert natürlich auf Partner wunschgemäßer Neigungen und Eigenschaften. Es hat sich in unserem Beziehungsverhalten (als Westeuropäer) nicht nur die Mechanik der Diskontinuität mit ihrer seriellen Monogamie durchgesetzt, sondern auch eine ökonomiezentrierte, kommerzialisierte Sicht- und Lebensweise auf bzw. in Beziehungen. Sensationsgeil wird von einem Highlight zum anderen gehüpft. Sobald die Perfektion der Beziehung Brüche bekommt, sobald Alltag einzieht, sobald materielle “Werte” (scheinbar) fehlen, wird die Beziehung beendet, mehr oder weniger klar, mehr oder weniger nachvollziehbar.

So war auch ich schon Opfer der Beziehungsperfektionismusbredouille für zwei Borderliner, für meine Ex-Partnerin und mich. Irgendwann tat jeder zu wenig für den anderen. Da war es nur noch langweilig bis ungenügend. Denn zwischen den Highlights blieb’s und bleibt’s einstweilen und fürderhin finster …

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 14. Januar 2016 waren viele gute Worte, das Ende des Buches.
 
Tageskarte 2016-01-15: Die Drei der Stäbe.

© 2016 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

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3 Antworten zu Nº 015 (2016): Beziehungsperfektionismusbredouille.

  1. Gudrun schreibt:

    Ach ja, da wo geschwiegen wird, ist trotzdem die Kommunikation im vollen Gange. Schweigen kann höflich und klug sein, aber auch störend, missverständlich bis beleidigend.
    Bestimmt ist jeder schon mal „wortlos“ gewesen, weil sie ihm einfach nicht einfielen, die richtigen Worte. Manchmal braucht man auch keine, man versteht sich.
    Schweigen als Zeichen der Ablehnung finde ich nicht so gut, auch nicht, dass sich ein Kommunikationspartner so fühlen könnte.
    Ach ja, ein gutes Thema zum Nachdenken.

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  2. Jane Blond schreibt:

    Beziehungen jedweder Art sind Arbeit. Egal ob Freundschaft, Ehe, Partnerschaft im allgemeinen. Eltern-Kindbeziehungen. Allesamt haben eins gemein, sie gehen kaputt, wenn man sie nicht pflegt, nicht an ihnen arbeitet. Wenn ich eine Bedingung an Beziehungen stelle, ist es, dass mein Gegenüber genau so daran arbeitet, wie ich. Ich denke aber auch, dass das die einzige Bedingung ist, die man überhaupt stellen darf. Und muss. Sollte.
    Schweigen, da stimmt ich Gudrun zu, finde ich als Mittel der Ablehnung auch nicht gut. Respektive ist das für mich persönlich ein NoGo, weil es das Gegenüber ratlos zurücklässt, zu viele Fragen offen bleiben. Hilflos macht dadurch. Für mich ist Schweigen die absolute Höchststrafe.
    Perfektionismus, so habe ich gelernt, ist hinderlich. Man steht sich damit selbst im Weg, weil das Ansprüche schürt, die kaum jemand erfüllen kann. Der perfekte Partner. Was hieße das? Dass er sich selbst aufgibt, um dem Gegenüber perfekt zu erscheinen? Perfekt ist es nur, wenn es richtig ist, wie es ist. Man sein darf, wie man ist, weil man auf Akzeptanz stößt.
    Menschen ohne Ecken und Kanten sind für mich langweilig. Ich muss mich an Menschen reiben können.
    Wie langweilig … die Vorstellung, eine perfekte Beziehung zu führen. Perfektion hat was von Friede, Freude, Eierkuchen für mich. Perfekt hingegen ist es (auch wieder für mich) wenn jeder sein darf, wie er eben ist. Auch wenn das immer wieder mal Streit heißt (ich mag Streit, wenn er kontruktiv ist), man den anderen mal zum Teufel wünscht. Das ist menschlich. Das soll und darf so sein.

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