Nº 019 (2016): Orts- oder Positionswechsel.

Im ÖPNV kommen mir seltsame Gedankengänge.

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Es gibt Orte, die sind überhaupt kein Ort. Ebenso: Positionen.

Ein fahrender Zug zum Beispiel: Ist das wirklich ein Ort? Ist der im Zug befindliche Sitzplatz “211” (der mit dem großen Tisch und der Steckdose) dann wenigstens ein Ort? Obwohl er sich ständiger Ortsveränderung unterworfen sieht, zwischen “Abfahrt” und “Ankunft”? Welch eine sonderbare, abstruse Vorstellung, dieses Etwas, das seinen Ort ständig ändert, einen Ort zu nennen … Ein Platz. Es ist ein Platz, auf dem ich sitze und in die Tasten greife. Aber ich sitze ja nicht auf dem Platz, sondern auf einem Sitz. Der ist an dem Platz “211” und bewegt sich mit dem Zug über Gleise durch eine – heute – noch winterliche Landschaft. Der Zug könnte auch ein Bus oder eine Straßenbahn sein; auch dort säße ich auf einem Sitz, einem Sitzplatz, hätte einen Platz inne, innerhalb des Fahrzeuges an einem festen Ort. Aber genau dieser Ort bewegt sich mit dem ganzen Drumherum, bewegt sich so, daß aus dem Ort eine Bewegung wird, eine Strecke, eine Kurve. (Hab ich jetzt die Kurve gekriegt?) Jaaaaaa. Wenn der Zug hält, dann bin ich an einem Ort: Stadt, Bahnhof, Haltepunkt, Signal. Und mit der Weiterfahrt verändert sich der Ort meines Aufenthaltes, ohne daß ich mich bewegen oder sonst etwas dazu tun muß. Bewegung im Stillesitzen. Was diese Technik nicht alles möglichmacht …

 

Und nun frage ich mich, ob dies alles auch für geistige Bewegung, intellektuelle, politische, soziale, emotionale Verortung (ein scheußliches Wort, ja, aber gibt es dafür ein besseres? Standpunkt vielleicht?) zutreffen kann, genutzt/angewendet werden kann. Früher war ja z. B. der Klassenstandpunkt (gesellschaftspolitisch) ein fester, dann änderte er sich bei vielen DDR-Bürgern innerhalb einer recht kurzen Frist, wurde weich, wackelig, schwakend, ging gar ganz verloren. So manche innere Position (z. B. der politische Ort) wird eben auch von außen verändert: Rückt alles mehr nach einer Seite (des politischen Spektrums), dann verändert sich meine “Ausrichtung” auch – zumindest relativ zu den anderen. Und das geschieht wiederum, ohne daß ich mich selbst und meine Meinung, meine Haltung, mein Gefühl oder sonstwas tatsächlich selbst geändert, verändert, verschoben, relativiert habe(n muß). Ist das nicht wunderbar einfach und vor allem bequem?

Nein!

Bequem wäre es in diesem Fall (geistig; intellektuell, politisch, sozial, emotional usw. usf.), die Bewegung der anderen einfach mitzumachen. Es nicht zu tun, erfordert Kraft zu widerstehen. Nicht mit abzudriften, ist nicht einfach.

Ich glaube, ich habe soeben entdeckt, warum so viele Menschen irgendwelchen Parolen hinterherrennen oder einfach wegsehen und sich damit mitziehen lassen und mitrutschen in Richtungen, die sie nichteinmal gut finden: Keine Lust auf Widerstand, eigenen, festen Standpunkt, denn das bräuchte Kraft und wäre unbequem. Wie Pfähle, die in einer Wanderdüne nicht tief genug gegründet sind … (Und dann irgendwann unter den Massen verschwinden.)

 

Was mir in den Fahrzeugen des Öffentlichen Personennahverkehrs so alles durch den Kopf geht …

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 18. Januar 2016 war, daß es keine Überraschungen gab.
 
Tageskarte 2016-01-19: Die Königin der Kelche.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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12 Antworten zu Nº 019 (2016): Orts- oder Positionswechsel.

  1. Simmis Mama schreibt:

    Ja das klingt einleuchtend. Lieber Gehirn abschalten …

    Gefällt mir

  2. Gabryon schreibt:

    Ein toller Beitrag!

    Gefällt 1 Person

  3. Sofasophia schreibt:

    Personennahverkehr – wer denkt sich denn so ein Wort aus. Ich Schweizerin grinse. Da hätt ich mir jetzt fast was anderes dazu gedacht ohne deinen Text und das Wort Öffentlicher davor. Tse.

    Ist die Erde dann wohl ÖPFV? Fernverkehr? Die bewegt sich ja auch.
    Fazit: Kein Ort, der sich nich irgendwie bewegt.

    Gefällt 2 Personen

    • Der Emil schreibt:

      Oh, ich glaube, das Behördenschweizerisch unterscheidet sich nicht sehr vom Behördendeutsch: Beide sind dazu gemacht, das Volk dumm und klein zu halten.

      ÖPFV — nein, da muß uns was knackigeres einfallen. Vielleicht was, was englisch klingt, aber völlig sinnlos ist — oder genau das Gegenteil von dem erreichen will, das es aussagt.

      Gefällt 2 Personen

  4. kat+susann schreibt:

    Um nicht der Masse hinterherzurennen braucht es auch Zeit ! Zeit die man sich nehmen muss.. eigenes Tempo…. um alles was da so auf einen einstürmt zu bearbeiten, zu filtern.. nur weil man von aussen mit Meinungen und Kommentaren zugemüllt wird, muss man ja noch lange nicht danach schnappen wie ein Fisch nach dem Regenwurm..nicht alles ist verdaulich.. manches muss auch unverdaut wieder ausgspuckt werden.. unser Gehirn ist einfach zu langsam um alle Informationen zu verarbeiten… da ist es für manch eine/n bequemer mitzuschwimmen.. besser ne andere Meinung annehmen als gar keine haben ? Es kostet Kraft anzuhalten… und Fragen zu stellen, auch sich selbst. Wer ist schon gerne der Treibsand im eigenen Getriebe ? Ich muss mir regelmässig Auszeiten von all dem nehmen.. und auf einen “ Beobachtungsposten“ klettern und mich fragen.. was soll das, will ich das usw. Damit bin ich einerseits unbequem für mein Umfeld und andererseits verdächtig.. Zeit haben passt nicht in die Zeit.. es macht verdächtig auf Einsamkeit.. wenn man es bemerkt umgeht man denjenigen lieber, wie leicht angefaulte Früchte ( Zitat aus einem Theaterstück).
    Gruss einer Berufspendlerin

    Gefällt 4 Personen

    • Der Emil schreibt:

      Unser Gehirn muß doch auch nicht alle Information verarbeiten? Ganz im Gegenteil, dieses Hirn ist in der Lage, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden; aber NEIN, wir zwingen ihm mit unserem freien Willen noch mehr Unnützes auf, gendern alles noch zurecht und sorgen für p.c. — daran MUSS das Hirn doch scheitern. Es ist zum Denken und Fühlen da und dazu, uns am Leben zu erhalten (uns als Menscheit, Horde, Familie und einzelnen Menschen) und wird doch vollgestopft mit so viel sinnlosem Müll wie Werbung, Parteiprogrammen, Nachrichten aus Gegenden der Welt, die keinerlei Einfluß auf mein Leben JETZT und HIER wirken …

      Ich schweife ab.

      Seit ich der Filterfunktion meines Hirnes wieder mehr vertraue, lebe ich wesentlich besser.

      Gefällt 1 Person

  5. Ulli schreibt:

    Verortung – ich mag das Wort … das zuerst
    Spannend finde ich, wie du die Schleife fährst, ich denke auch, dass viele überfordert sind, dass sie es nicht schaffen eine eigene Meinung zu bilden, dass es bequemer ist, mitzurennen als sich selbst zu sein. Sich selbst sein kostet sehr viel Kraft, vielleicht hat die schlichtweg nicht jede und jeder …?
    grüsse dich herzlich
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    • Der Emil schreibt:

      Dieses „Nichmitbewegen“ hat auch etwas von „Imwegstehen“, das keiner wirklich will?

      Mich hat derText selbst überrascht, als es vom ruckelnden Fahren in das politische Dasein hinüberglitt(der Klassenstandpunkt war Schuld). Am Ende aber dachte ich: Paßt!

      Gefällt 2 Personen

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