Nº 020 (2016): Vergessene Kulturtechnik.

Der gute, altmodische und doch so besondere Brief

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Stellt euch einmal vor, daß dieses Internet ganz plötzlich nur noch sehr sporadisch funktioniert oder über die Smartphones einfach nicht mehr erreichbar ist. Ein Zustand, vorstellbar ähnlich dem früher, nach dem Krieg, als es nur ab und zu Strom gab. Und als die Telefone noch nicht wieder funktionierten. Ich glaube, das Geschrei wäre groß. Wahrscheinlich auch bei mir.

Deshalb saß ich gestern Abend über einem Brief. Das kennt ihr doch noch? Mit einer Feder, die in Tinte getaucht wurde, über ein Papier zu kratzen oder zu gleiten, auf diese Art seltsame Zeichen (die Buchstaben der heutzutage in Schulen nicht mehr unterrichteten Schreibschrift) zu Worten aneinanderreihen. Aus diesen Worten Sätze flechten, die in der Lage sind, genau das zu transportieren, was ich dem Empfänger mitzuteilen versuche.

 

Zwei Kerzen, Briefpapier, ein Tintenfaß mit Federn auf meinem chaotischen, deshalb teilweise abgedeckten Tisch

Zwei Kerzen, Briefpapier, ein Tintenfaß mit Federn auf meinem chaotischen, deshalb teilweise abgedeckten Tisch


Das beschriebene Blatt

Das beschriebene Blatt

 

Altmodisch. Ja. Aber niemand wird in 50 Jahren mit Schnur oder Band gebündelte, ganz schwach noch nach Parfüm duftende Whatsapp-Nachrichten in Schubfächern oder auf Dachböden in Koffern finden. All die Schwüre und Versprechen, all die romantischen Texte, die per eMail, als SMS, als Tweets … alles elektronisch Versendete und Gespeicherte verschwindet bei Stromausfall und EMP, bei letzterem sogar für immer. Ich kann vor dreißig Jahren erhaltene Briefe noch lesen, weil sie mit Tinte zu Papier gebracht beinahe für die Ewigkeit aufgehoben werden können; kann ich, könnt ihr in zehn Jahren noch lesen, was ihr per Skype/ICQ und ähnlichem verschickt und erhalten habt?

Ob nun per Hand oder per Drucker oder mit einer Schreibmaschine verfertigt: Briefe bleiben. Auch wenn sie Porto kosten: private Briefe sind heute noch kostbarer als vor 30 Jahren, denn sie werden selten. Vielleicht sterben sie eines Tages aus, doch nicht, solange ich noch lebe und noch des Schreibens mächtig bin.

Ich stelle mir gerade das Gesicht der Empfängerin eines ganz altmodischen Liebesbriefes vor: Dieses Leuchten in den Augen gibt es bei keiner Facebook-Nachricht. Vielleicht schreibt auch ihr mal wieder einen Brief, eigenhändig, an jemanden, die oder den ihr besonders mögt?

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 19. Januar 2016 waren frische Tinte, leckeres Essen, Geschriebenes.
 
Tageskarte 2016-01-20: XII – Der Gehängte.

© 2016 – Der Emil. Text & Bilder unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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19 Antworten zu Nº 020 (2016): Vergessene Kulturtechnik.

  1. Sofasophia schreibt:

    Hach.
    Ja, auch ich schreibe hin und wieder von Hand. Geburtstagskarten sind es vor allem. Briefe kaum mehr.
    Schön ist es, zu schreiben und zu erhalten.
    Ich mag eben beides: Das Handgeschriebene und die Mails etc.

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  2. petra schreibt:

    Ich bewundere grad mal wieder deine Kerzenleuchter – und dich! Nein, ich hebe dich nicht in den Himmel, aber ich schreibe keine Briefe mehr. Als mein Mann noch lebte habe ich oft welche in die Arbeitstasche geschmuggelt. Die Junioren können nicht lesen und ansonsten besteht keine Notwendigkeit.

    Aber gerade in der Notwendigkeitslosigkeit (!) ist ein Brief umso wertvoller.

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    • Der Emil schreibt:

      Ach, die Leuchter. Einfache, damals echt billige Messingteile. Heutzutage in den Fohmarktläden und Trödelmärkten erhältlich. Aber wenn ich schon altmodisch schreibe, beleuchte ich auch altmodisch.

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  3. wildgans schreibt:

    Wie schön, dass Du das passende Ambiente hergestellt und gezeigt hast!
    Wie Du in meinem Blog lesen konntest, gibt es bei mir durchaus Handgeschriebenes, immer noch, obwohl das Handgelenk bei längerem Schreiben leicht krampft.

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    • Der Emil schreibt:

      Ich habe früher, noch vor vier oder fünf Jahren, in ganz winzigen Kapitälchen schreiben können — heute geht jegliches Schreiben nur noch mit Brille. Das meiste wird ja sowieso von Hand in Kladden verfaßt. Aber ganz auf das Schreiben von privaten Briefen zu verzichten, das brächte ich nie zustande. Da würde ich, nein, ich werde mal wieder meine linke Hand etwas im Schreiben schulen (ging schonmal ganz gut, hab ich aber lange vernachlässigt).

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  4. Ulli schreibt:

    Ich pflege auch noch diese „altmodische“ Kultur und wie ich mich freue, wenn dann ein bunter Brief als Antwort in meinem Postkorb liegt! Ausserdem haben handgeschriebene Briefe für mich mehr Tiefe, da werden die Worte noch ganz anders abgewägt, so ganz ohne Rauschen …

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  5. Chantao schreibt:

    Ja Hoffnung gab’s zuletzt, nachdem 2012 der Mayakalender nicht gefruchtet hatte und dann 2013 oder 2016 die Welt durch erhöhte Sonnenerruptionen untergehen sollte.

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  6. minibares schreibt:

    Was für eine schöne Idee, lieber Emil.
    Ob ich es schaffe, einen Brief auf Papier zu schreiben. Krakelig schreiben kann ich noch.
    aber es ist für mich eine große Anstrengung.
    Liebe Grüße Bärbel

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    • Der Emil schreibt:

      Ich könnte ja auch Dir mal … Oder allen, die mir ihre Adresse in einem Kommentar „Bitte Brief an …“ hinterlassen. (Diese kommentare schalte ich dann natürlich nicht frei!)

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  7. sunflower22a schreibt:

    you are right, sollten wir alle öfter machen.

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  8. nonkonformistin schreibt:

    Ich habe noch alte Briefe meines Opas geschrieben in Sütterlin – Handschrift.

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  9. nonkonformistin schreibt:

    Ich kann das nicht mal entziffern. Das ist wirklich ein Kulturgut was langsam aber sicher verloren geht… Schade!

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