Nº 034 (2016): Faul.

Oder: äußerlich nichterkennbare Schwerstarbeit

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Wenn ich schon am Vormittag (allerdings nach einem heftigen, vollgestopften Vortag und einer traumvollen Nacht) “herumsitze”, lese, das Atmen und das (ausnahmsweise) leise Gezwitscher meiner Nymphensittiche bei einer Tasse Kaffee und Kerzenschein genieße, dann … ja, dann ist das nicht unbedingt Faulheit oder Erholung, sondern schwere biographische Arbeit. Glaubt ihr mir nicht? Na gut, dann seid erstmal ein paar Jahre depressiv, verlaßt währenddessen bei Nacht und Nebel eure Familie, taucht unter und werdet aus einer Wohnung von Amts wegen abgemeldet, obwohl ihr (ohne Strom, weil unbezahlt, und ohne Miete zu zahlen) noch darinnen wohnt, zeitweise drei große Flaschen Doppelkorn zum täglichen normalen Funktionieren braucht in eurem Job, den ihr trotz allem noch machen wollt und macht, beendet die Sauferei ohne Hilfe und rappelt euch wieder auf, halbwegs. Danach reden wir weiter.

Okay, aber was ist denn diese ominöse “biographische Arbeit”? Die Vervollständigung und das Verstehen (!) der (Familien-)Vergangenheit. Für mich vor allem: Erinnerungen abrufen, Verhalten analysieren, einordnen und – zu meinem Leidwesen noch immer nicht überwunden – bewerten. Tief verschüttete Erinnerungen, jahrelang verdrängte, unangenehme und nur wenige gute Erinnerungen (wahrscheinlich gibt es viel mehr davon, als mir jetzt klar ist). Und dann quasi nebenher eine wundervolle, offene, telefonische Diskussion über Vergangenheit und systemimmanente Prinzipien, deren Fehler und Richtigkeiten und und und, als Herausforderung non plus ultra. Es ist … wie wenn ich trotz meiner Höhenangst über eine Brücke gehe, weil ich ein dahinterliegendes Ziel unbedingt erreichen muß und es keinen, ich betone: KEINEN! anderen Weg für mich gibt.

Es existiert ein Stapel Zettel, auf denen ich Episoden meiner Vergangenheit notierte. Viele von denen habe ich bereits abgetippt, dabei entschreibfehlert, verständlicher formuliert, manchmal auch – ob der Heftigkeit des Notierten – “entschärft” (weil ich ja hoffe, daß die Texte irgendwann gelesen werden, nicht nur von mir, sondern auch von anderen betroffenen Personen). Und in diversen Kladden haben sich bestimmt etwa drölfzig Dutzend solcher Erinnerungsfetzen versteckt, die mir beim Übertragen in LaTeX immer wieder in die Hände geraten. Sehr interessant ist, daß ich auch in Büchern Texte finde, die mit mir und meiner Vergangenheit unmittelbar zu tun haben scheinen. Und obwohl ich weiß, daß dem eben nicht so sein kann, keinesfalls so sein kann, erschüttern diese mich bis ins Mark. Stoßen neue Denk- und Erinnerungsprozesse an, unterstützen (oder hemmen) damit mein Zusammenfügen meiner Vergangenheit mit meinem jetzigen Leben und mit meiner Zukunft. Dann überlege ich manchmal, was denn dieses “in-Worte-fassen” meiner Erinnerungen für mich bedeutet:

 

 

» Waren die Dinge nur das, was die Sprache ihnen zugestand, oder gaben die Dinge nur das preis, was die Sprache ihnen abzuringen imstande war? Waren Dinge nur das, was die Sprache ihnen gab? Konnten die Dinge, konnte die Sprache unabhängig voneinander existieren? Trug die Sprache die Welt in sich oder die Welt die Sprache? «

Ulla Hahn: Das verborgene Wort. S. 226f
Neuausgabe März 2008 DTV GmbH & Co. KG
© 2001 Deutsche Verlags-Anstalt München, ISBN 978-3-423-21055-3

 

 

Und auch dem hier muß ich zustimmen, zumindest für meine Vergangenheit:

 

 

» In meinem Kopf hatte ich alles. Denken war Weg-denken, Schön-denken, Anders-denken. Denken war Flucht in den Kopf, in die Freiheit. Freiheit war im Kopf. Und nur dort. Alles, was ich mir vorstellte, war so viel herrlicher als das, was ich in Wirklichkeit kannte. Und es gehörte mir, mir allein. Keiner konnte es mir wegnehmen. Keiner konnte mir befehlen, dreinreden, dumm kommen. Das Reich der Freiheit. Daß dies auch ein Reich der Einsamkeit war, störte mich nicht. Im Gegenteil. Scheinbar allein, war ich sie alle. Das verliebte Mädchen so gut wie der junge Mann, den sie liebte, der sie liebte; die gütige Mutter, der gerechte Vater, war Gebirge und Meer, Wälder und Seen. In meinem Kopf war alles schön. Lange glaubte ich, ein wahrer Künstler sei einer, der es vermöchte, Häßliches so darzustellen, daß es schön würde, ein Plumpsklo zum Beispiel oder einen Kuhfladen. Ich versuchte es einige Male, doch je genauer ich hinsah und vor allem hinroch, desto widerwärtiger wurden mir beide. Ich war eben kein Künstler. «

ebenda, S. 238

 

In einem Buch, nur ganze siebeneinhalb Seiten voneinander entfernt. Und wie Recht manche hatten, die mir ein Wiederfinden in diesem, ganz besonders diesem Buch vorhersagten. Ist das jetzt nur bei mir so, oder finden sich viele gerade in diesem Buch wieder? Und wieso überhaupt, denn es geht ja um eine 1945 geborene Protagonistin im Westen, ich bin eine Generation jünger und in der DDR aufgewachsen? — Egal. Leseempfehlung jedenfalls; und: Herumsitzen und Löcher-in-die-Luft-starren kann auch äußerlich nichterkennbare Schwerstarbeit sein. Manchmal ist auch Atmen schon eine solche …

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 2. Februar 2016 waren wundervolle Dialoge, eine unkomplizierte Hilfe, ein neuer USB-Hub (scheißteuer).
 
Tageskarte 2016-02-03: Die Vier der Stäbe.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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24 Antworten zu Nº 034 (2016): Faul.

  1. Sandra schreibt:

    Ja… in so vielem…

    Eine unkomplizierte Hilfe? Wenn du damit mich meinst: das wäre das erste Mal, dass mich jemand unkompliziert genannt hat ;-)

    Alles Liebe
    Sandra (die FraumitFacetten)

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  2. Jane Blond schreibt:

    Oft ist ein Lesen hier, wie unfreiwillig in den Spiegel zu schauen.
    Nachdenkliche Grüße.

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  3. eckisoap schreibt:

    ja lieber emil, manchmal ist auch atmen schwerstarbeit …
    und lieben dank für die buchempfehlung. ich bewundere immer wieder deinen umgang mit den gegebenen dingen und den worten. ein künstler bist du.

    Gefällt 1 Person

  4. Chantao schreibt:

    Na gut, dann seid erstmal ein paar Jahre depressiv, verlaßt währenddessen bei Nacht und Nebel eure Familie, taucht unter und werdet aus einer Wohnung von Amts wegen abgemeldet, obwohl ihr (ohne Strom, weil unbezahlt, und ohne Miete zu zahlen) noch darinnen wohnt, zeitweise drei große Flaschen Doppelkorn zum täglichen normalen Funktionieren braucht in eurem Job, den ihr trotz allem noch machen wollt und macht, beendet die Sauferei ohne Hilfe und rappelt euch wieder auf, halbwegs. Danach reden wir weiter.

    … seit 13 Jahre trocken, 25 Jahre gesoffen, Depression ist als Konstante im Leben geblieben, ich verstehe …

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    • Der Emil schreibt:

      Zunächst fragte ich mich, ob das … Nun, ob Du mich jetzt rollen wolltest.

      Seit wann ich Depressionen habe, weiß ich nicht. Säufer war ich knapp zwei Jahre. Aber ich bin kein trockener Alkoholiker, ich bin (und trinke Alkohol) wieder „normal“, sehr kontrolliert. Seit etwas über zehn Jahren.

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  5. Chantao schreibt:

    ähem Nacht und Nebel und untergetaucht … ja, hatte ich so ähnlich …

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  6. Gudrun schreibt:

    Warum sollte man erst einige Jahre unter Depressionen leben, um dich zu verstehen, lieber Emil?

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  7. Sofasophia schreibt:

    Auf dieses Buch freu ich mich ganz fest. Ich kaufe es bald. Oder leihe es mir wo.

    Danke für deinen offenen Text!

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  8. perahim mayer schreibt:

    Studieren Sie doch einmal Die Wolke des Nichtwissens.

    Grüße.

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  9. perahim mayer schreibt:

    Bin ich Spam?

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  10. perahim mayer schreibt:

    Tikerschek-Pantoffel-Emil:
    Du Lump.

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