Nº 041 (2016): Alte Erkenntnis prüfen.

Gedanken zu einem » Ausschnitt aus meinem privaten Kliniktagebuch «

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Montag, 26. September 2011

Sechzehnter Tag in der Klinik

Für mich beginnt heute die vierte Woche der Therapie. Mittlerweile scheint mir ein anderes Ziel meiner Therapie wahrscheinlich: Was ist mit dem, was ich fühle? Fühle ich denn? Wo sind meine Empfindungen, die ich nicht einfach so zulasse, ohne sie zu kontrollieren und zu rationalisieren? Wut, Ärger, Enttäuschung – nicht zugelassen. Runtergeschluckt. Komplett. Gründlich. Will ich all das wieder? Kann ich dann auch wieder meine Freude zulassen und zeigen? Ist das, was mich hemmt, wirklich nur emotionale Hemmung?

Bedürftig. Bin ich wohl. Hab aber einiges davon, was ich wegen fehlendem Partner oder fehlendem Geldes sowieso nicht haben konnte, mir abgewöhnt.

[ … ]

 

 

Es ist Zeit, einmal mehr zu überprüfen, was sich seitdem nicht verändert hat, was sich verändert hat. Meine heutigen Antworten auf meine Fragen an mich zu finden. Das ursprüngliche Ziel, mein ursprüngliches Ziel war die Heilung von F32.1 (die doch eine F32.2 war) und F60.31, wobei das zweite nie ganz typisch ausgeprägt war.

Und dann plötzlich diese Erkenntnis: daß ich kaum noch, beinahe nichts mehr, eigentlich gar nichts fühlte. Seit Jahren. Daß mir neben all den anderen Losigkeiten auch eine Gefühllosigkeit innewohnte, eigen war. Wut (auf Arschlöcher), Trauer (um den Sohn), Enttäuschung (von der Partnerin) – all das waren “negative Emotionen, die darf man nicht haben”! Aber bei den Gefühlen schien es so zu sein wie beim Licht und beim Schatten: Das eine gibt es ohne das andere nicht. Also ohne negative Gefühle fehlen auch positive Gefühle. Ja, das habe ich gemerkt; Noch an dem Tag, an dem der Text oben entstand, habe ich es ganz praktisch ausprobieren können und müssen.

Gefühle zu haben, zuzulassen, das habe ich also wieder gelernt, mühsam Schritt für Schritt. Und bei jedem Schritt war sofort die Depression da und schrie: “Nein! Nicht fühlen! Ist es schlecht, und es muß schlecht sein, denn etwas anderes hast Du nicht verdient, ist es sowieso schlecht. Ist es gut, dann wirst Du hinterher nur umso enttäuschter, niedergeschlagener sein, Dich umso beschissener wissen, weil Du Dir etwas anmaßtest, das Dir nicht zusteht! Also: Besser überhaupt nicht erst wieder mit dem Scheiß anfangen!” Ich habe es trotz des Gebrülls geschafft; nicht vollständig, nein, da ist zum Beispiel immernoch ein anderes Gefühl, wenn ich mich über ein Lob freue. Dann sind da neben der Freude über das Geschaffte und das Lob immernoch Scham und Beschämung. Denn eigentlich habe ich nichts Besonderes geschafft/geschaffen/getan. “Das ist doch alles nicht der Rede wert”, werfen dann die Selbstabwertung und die Minderwertigkeit im Duett ein. Jaja, mittlerweile kenne ich meine Pappenheimer. Und wenn mir etwas geschieht, das einem Andern vielleicht unter ungünstigen Umständen zum Nachteil gereicht: Nur ich alleine habe an allem Unglück der Welt Schuld! (Oh, wenn sich jemand wiedererkennt: Wir sind so viele, denen es so geht, genau so. Das ist normal, wenn mit normal wie so oft “üblich” gemeint ist.)

Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war es, über Gefühle zu reden. Zuerst nur sehr theoretisch, ich gestattete mir ja keine. Dann mit Menschen, die welche zu haben schienen und (wie ich) auch ja wirklich welche hatten und haben. Der Freude über eine kleine Geste – ein winziges Geschenk – wirklich Ausruck zu verleihen, mit Worten, mit der sofortigen Benutzung: welche Schwerstarbeit! Die Wut zu artikulieren, wütend zu sein und wütend genau darüber zu sprechen, wütend, aber nicht unbeherrscht, über Dinge, die mir von einer Therapeutin gegen meinen ausdrücklichen Willen aufgezwungen wurden: Welch eine Befreiung! Irgendwann allein über der Obduktionsakte zu sitzen und zu heulen wie ein Schloßhund: Wie versöhnlich. Angst zuzugeben, sie wirklich als Angst auch zu bezeichnen. Satt und hungrig und müde zu sein. Und immer wieder darüber reden: Fühlen andere Menschen vielleicht etwas Ähnliches? Empfinden sie “satt” auch als wohlgefüllte Wärme im Bauch, Trauer als ein samtig-schwarzes Loch in der Gegenwart, das dort blieb, wo früher VaterMutterKind waren? Manchmal war es schwer, ein Gefühl zu erklären, zu beschreiben, was es wo mit/in/an mir macht. Doch ich wurde besser darin, konnte auf diese Anzeichen dann auch besser achten, merkte plötzlich “oh, das da, das könnten, nein, das sind Gefühle”, konnte sie dann tatsächlich auch zulassen und kommunizieren, von ihnen sagen, sie zeigen.

Da sind sie wieder, die Gefühle. Und weil ich gerade ziemlich viele davon habe, sogar von den guten in diesen Tagen, wo ich noch immer mit der Ursache und den Folgen meiner OP beschäftigt bin, kann ich mich auch an diese Arten der Aufarbeitung machen und nachsehen, was ich denn nun in vier Jahren seit dem Ende der Therapie geschafft und behalten habe. – Apropos behalten: Bedürftig bin ich noch immer. Anders als damals. Bewußter als damals, sicherer auch im Erkennen und Anmelden meiner Bedürfnisse, im Erbitten ihrer Erfüllung. Da gab es zwar zwischendurch einmal einen sehr herben Rückschlag, aber auch den habe ich überstanden. Meine größten Bedürfnisse sind und bleiben das nach körperlicher Nähe, selbstbestimmtem Leben und einer gewissen Sicherheit. Im Moment fehlt mir nur eines davon …

 

Das, was ich da gerade fühle, sind Stolz auf die wiedererlangten Gefühle, Erleichterung ob ihrer Schönheit, ein wenig Unsicherheit ob meines hier doch so offenen Schreibens darüber. Aber unterm Strich, unterm Strich fühlen sich die Gefühle gut an. Und das, obwohl ich von F32.1 und F60.31 nicht geheilt bin.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 9. Februar 2016 waren der Erfolg, den ich als Beistand (§13 Abs. 4 SGB 10) im Jobcenter miterleben durfte und der zu großen Teilen von kompetenten, freundlichen Mitarbeitern des Amtes ermöglicht wurde (es gibt sie also doch!), eine kleine Überraschung.
 
Tageskarte 2016-02-10: Der König der Münzen.

© 2011 & © 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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9 Antworten zu Nº 041 (2016): Alte Erkenntnis prüfen.

  1. Sofasophia schreibt:

    Ooops, und wieso bekommt Depression so eine harmlose Nummer aufgedrückt?
    Noch nie gehört – musste suchmaschinen.

    Du bist auf einem guten Weg unterwegs!

    Danke fürs Teilen deiner Gefühle hier.

    Gefällt 1 Person

  2. Momfilou schreibt:

    Sehnsucht – Hoffnung – Gefühle …
    Abgewöhnte Notwendigkeiten aus Geldmangel. Bedürfnis nach körperlicher Nähe schmerzhaft bewusst.
    Sehnsucht als ständiger Begleiter – zweite Natur praktisch in mir – das ist MEIN DILEMMA auch.
    Herzlich alles Gute wünscht Dir
    Gerel

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  3. Elvira schreibt:

    Du kennst dich sehr gut, lieber Emil. Wer Gefühle so bildhaft beschreiben kann, wird sie nicht für immer unter Verschluss halten können. Manchmal benötigen wir Hilfe. Und wenn das Gröbste überstanden ist, wir wieder beginnen Schmerz zuzulassen (und damit auch die angenehmen Gefühle), dann braucht es vielleicht nur einiger guter Freunde.

    Gefällt 2 Personen

    • Der Emil schreibt:

      Vielen Dank für die Komplimente.

      Kennen, naja: Das alles kennenzulernen, zu erkennen, anzuerkennen war „das Resultat“ der Therapie in der Tagesklinik. Und Schmerz … Zuerst war die Wut dran. Seelischer Schmerz viel später, dann, als ich Freunden auch davon sagen konnte.

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  4. Jane Blond schreibt:

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