Nº 050 (2016): Meine geheime Superkraft.

Meine Allmachtsphantasie ist allerdings besiegt.

To get a Google translation use this link.

 

Letztens bei Twitter als Antwort auf Sofasophias Geständnis “Meine geheime Superschwäche?   Selbstmotivation.”:

 

 

Von der Abwertung bis zur Schuld ist es kein weiter Weg. Irgendwo las ich einmal, daß Depressive mit beinahe an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Allmachtsphantasie entwickeln: Die Vorstellung, an allem Negativen dieser Welt schuld zu sein, ist bei genauerer Betrachtung nämlich genau das. Na klar finde ich zur Schuld auch etwas in den Büchern, die ich gerade lese. In denen von Ulla Hanh zum Beispiel:

 

 

» Und ich begriff,daß es oft leichter ist, eine Schuld zu gestehen, als sich mit Motiven, Antrieben und Ursachen der Tat auseinanderzusetzen.

Sich schuldig sprechen, das war beinahe wie sich freisprechen. Es sorgte für klare Verhältnisse. Man mußte nicht weiter nachdenken. Mußte büßen, vielleicht, aber vielleicht nicht einmal das, oft genügte auch dem Kläger die Anerkenntnis der Schuld, bestätigte, bekräftigte dessen moralische Überlegenheit, es war wie in der Kirche, mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa, sogar im Himmel herrschte angeblich mehr Freude über einen Sünder, der Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte. «

Ulla Hahn: Aufbruch. S. 143.
1. Auflage © 2009 Deutsche Verlags-Anstalt, München
ISBN 978-3-421-04263-7

 

 

Ich brauchte nicht einmal einen Kläger. Der war ich selbst. Weil ich nämlich dies und das getan oder unterlassen hatte, wurde ich schuldig an diesem oder jenem. Und wären die Unglücke der letzten Zeit in meiner tiefsten Depression geschehen, so wäre ich Schuld am Flugzeugabsturz oder dem Eisenbahnunglück gewesen. Ich. Ich Versager.

Daß ich mit dieser Einstellung mir eine Allmacht zueigenphantasierte, kam mir nie in den Sinn, solange ich dort ganz unten im Loch saß. Selbst als eine Therapeutin mich fragte, ob ich Gott sei und daher für all das tägliche Unglück Verantwortung zu tragen hätte, verstand ich es nicht und suhlte mich in meinem schuldigen Versagertum. Heute stelle ich belustigt fest, daß sie Recht hatte. Ich kann mich zwar schuldig bekennen, aber ich weiß, daß ich es nicht wurde oder bin. Jedenfalls nicht an allem und auch nicht für immer. (Ja, ein Lippenbekenntnis ist auch wieder eine eigne, abwertbare Leistung, weil fast eine Lüge.) Und die Dinge, die ich wirklich versaue, die tun meist nur mir weh.

Was ich mit diesem Text sagen will? Depression heißt auch: Selbstabwertung und Schuldempfinden (nur am Negativen!, niemals an etwas Gutem) trugen und tragen Hand in Hand dazu bei, daß meine Leistungsfähigkeit unter Null sank und sinkt, daß meine Motivation zum Vermeiden wurde und wird, daß ich Lob und Anerkennung nicht annehmen konnte. Ich wußte, ich war der an allem Schlechten Schuldige, mit all den Konsequenzen, die ich mir selbst dann auferlegte. Unwert. Kontaktlos. Schwach. Dumm. Faul. Es hat viel Zeit gebraucht, diesen Knoten aufzulösen.

Heute geht es besser, ich übernehme Verantwortung für mich und mein Leben. Es ist nicht immer einfach, denn meiner Meinung nach kann eine echte Depression ebenso wie Diabetes mellitus Typ I nicht vollständig geheilt werden. Symptomlinderung allerding ist in einem weiten Rahmen möglich und bei mir ziemlich erfolgreich gewesen. Deshalb kann ich mit Lob und Anerkennung i.w.S. heute schon recht gut umgehen, mich sogar darüber freuen, tage- und wochenlang. (Und trotzdem sitzt das Männlein in meinem Ohr und versucht Höchstleistungen zur Normalität oder noch geringer zu machen.)

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 18. Februar 2016 waren ein abgeschickter Brief, Gefundenes, Mittagsschlaf.
 
Tageskarte 2016-02-19: IX – Der Eremit.

© 2016 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Advertisements

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
Dieser Beitrag wurde unter 2016, Erlebtes, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Nº 050 (2016): Meine geheime Superkraft.

  1. petra schreibt:

    Ich empfehle dir wirklich das Buch von Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein. Ich bin mir sicher, du wirst es mögen.

    Gefällt 2 Personen

  2. Elvira schreibt:

    Irgendwer verglich uns mit nichtrauchenden Rauchern und trockenen Alkoholikern. Die Gefahr eines depressiven Schubes ist aber nicht so sichtbar wie die Flasche Schnaps oder die glimmende Zigarette. Wir verkünden stolz, dass wir bereits einen Zeitraum X trocken sind und/ oder nicht mehr geraucht haben. Das ist eine nachvollziehbare Leistung, auf die wir stolz sein dürfen. Aber darüber, wie lange wir schon nicht mehr in dieses tiefe Loch gefallen sind, äußern wir uns eher verschämt. Weil wir trotz aller Therapien und trotz besseren Wissens immer noch in einer Ecke unseres Ichs die Schuld bei uns suchen. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum wir uns kleiner machen, als wir in Wirklichkeit sind.

    Gefällt 3 Personen

    • Der Emil schreibt:

      Ja, die Schuld bei sich selbst suchen: Das ist doch das, was in der Wirtschaft immer wieder denen eingebleut wird, die nicht maktkonform funktionieren!?

      Der EHB (erwersfähige Hilfebedürtige) mit ALG-II ist an seiner Hilfebedürftigkeit immer selbst schuld, z. B.

      Gefällt mir

  3. Sofasophia schreibt:

    Danke – ein feines Gedankengewebe das. Heute frage ich mich, ob (meine) Depression wirklich unheilbar ist. Sicher bin ich da nicht mehr.

    Gefällt 1 Person

  4. Ulli schreibt:

    Gerade heute finde ich in deinem Text viel von mir wieder, was noch vor einigen Jahren Alltag war. Es durfte sich wandeln, von Heilung aber spreche ich nicht, aber von einer guten Besserung, die ich auch bei dir lese.
    Ich glaube ich muss mich jetzt doch nochmal Ulla Hahn zuwenden. Es ist lange her, dass ich sie las und es gefiel mir nur so lala, sodass ich sie nicht mehr beachtete, aber du und Soso schreibt so viel über sie, dass ich neugierig werde … gerade eben aber ist Anne Sexton dran und ein ausgesprochen intelligenter neuer Krimiautor: Jaques Berndorf … und gesund werden ist auch mal wieder dran-

    Gefällt 1 Person

    • Der Emil schreibt:

      Wir kennen unsere innere Landschaft ganz gut, glaube ich (wir Menschen). Und so gibt es Dich und mich, die gute Besserung empfinden — vielleicht auch oder nur aus Vorsicht vor „überzogenen“ Erwartungen und Hoffnungen –, und auch andere, bei denen Heilung durchaus möglich ist.

      Hilla Palm, dieses Mädchen aus den Hahn-Romanen, ist jemand, in dem ich mich wiederfinde, jedenfalls vieles von mir, unabhängig von der unterschiedlichen Zeit, die wir bevölkern.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s