Nº 055 (2016): Mutprobe.

Nein, bestanden habe ich sie nicht

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Wäscheplatz hinterm Haus, mit einigen Stangen, an denen die Leinen festgemacht werden.
 
Der Weg zu einem der Discounter führt mich regelmäßig zwischen dem Gelände der Grundschule am Heiderand (mit Aschenbahn) und den Fünfgeschossern über einen Wäscheplatz. Ich glaube, daß im Sommer sogar schon Wäsche dort hing, wo sie früher, vor der Zeit von Wäschetrocknern in Bad oder Küche, also vor den elektrischen Wäschetrocknern, immer draußen zum Trocknen aufgehängt wurde. Jedesmal, wenn ich zu diesem einen Laden gehe, gehe ich auch unter den Wäschestangen hindurch – es sind so etwa zehn oder zwölf, ich kam leider noch nie auf die Idee, sie zu zählen. Ich gehe auf dem Weg zum Britischen Kleingeld darunter durch, und auf dem Rückweg tu ich es wieder.

Meist schlendere ich sogar mehrmals in einer Woche dort entlang, immer auch nach links und rechts und nach unten sehend für den Fall, daß sich mir, wie schon so oft, überraschende Fotomotive zeigen. Beinahe wagte ich zu behaupten, ich kennte den Weg im Schlaf, mit allen Wurzeln, Schlammpfützen und natürlich den Stangen.

Die sind nicht sehr hoch.

Wenn ich darunter hindurchgehe, ziehe ich unwillkürlich den Kopf ein oder lege ihn zur Seite. Das geschieht mittlerweile an den richtigen Stellen automatisch, ohne daß ich die Stangen selbst im Blick haben müßte. Es funktioniert einfach nach zehnjährigem Training (so lange werde ich im August schon hier wohnen) ohne Beteiligung des Bewußtseins, ohne “Verbrauch” von bewußter Aufmerksamkeit.

Gestern aber, gestern wollte ich versuchen, was ich noch nie versuchte. Etwas, das einer Mutprobe gleichkäme, wenn ich es denn geschafft hätte. Ich habe die Stangen fest angeschaut, bin darauf zugegangen mit dem festen Willen, einmal, einmal nur zu testen, ob ich nicht auch erhobenen Hauptes, ohne die Vermeidungsbewegung/-haltung, unbeschadet unter dem Metall entlanggehen kann.

Oh doch, ich habe es versucht. Ich wollte den Kopf nicht senken oder neigen, und gleich gar nicht leicht in die Knie gehen, um etwas kleiner zu werden und dergestalt schummelnd unter den Stangen hindurchpassen. Ich habe mir auf dem Hinweg und auf dem Heimweg alle nur erdenkliche Mühe gegeben! Jedesmal “ich gehe etwas langsamer, für den Fall, daß ich doch anecken werde – dann wird die Begegnung meines Kopfes mit dem grünlackierten Stahl nicht so derb”. Bei jeder der Stangen habe ich mich konzentriert auf meine aufrechte Haltung, darauf, daß ich den Kopf nicht senke oder neige. Doch ich bin kein Held.

Was ich auch versuchte, jedesmal, an jeder einzelnen Stange senkte ich den Kopf, legte ich ihn zur Seite. Zwang ich mich dazu, das Genick und den Hals steif zu halten, ging mein Körper leicht in die Knie. Nein, ich habe es nicht geschafft, auch nur ein einziges Mal die Konfrontation mit dem Metall ohne Abwehrbewegung zuzulassen.

Diese unsinnige(?), überflüssige(?) Mutprobe habe ich nicht bestanden, weil der Geist zwar willig, das Fleisch aber schwach war.

Na und? Und falls jemand eine (küchen-) psychologische Deutung meines Bedürfnisses uns meines “Scheiterns” hat: Immer her damit!

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 23. Februar 2016 waren der abgegebene Antrag, eine Reihe abgeschlossener Vorbereitungen, ein innerer Abschluß, ein schulterzuckendes Annehmen einer Unfähigkeit.
 
Tageskarte 2016-02-24: XII – Der Gehängte.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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10 Antworten zu Nº 055 (2016): Mutprobe.

  1. Sofasophia schreibt:

    Hihi …
    Teste das nächste Mal doch drunter stehenzubleiben und dich dann aufzurichten?!

    In Bern, bei meinem Wohnhaus, waren sie ca. 1,9m hoch. Ich liebe es, draußen zu hängen. Hier, vorgestern, das erste Mal dieses Jahr.

    Gibt es einen besseren Duft?

    Gefällt 1 Person

  2. wildgans schreibt:

    Bei uns hier würde man sagen: Der Kerl hat en Dubbe!
    Ich würde sagen, dass diese seltsame Übung mich noch mehr von Deiner Liebenswürdigkeit und Individualität überzeugt!
    Gruß von Sonja

    Gefällt mir

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