Nº 056 (2016): Siechtum und Sucht.

Verlangen heißt nicht Fordern

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In mir zieht etwas.

In mir zieht etwas sanft, aber stetig.

In mir zieht etwas – sanft, aber stetig – an meinem Herzen.

Es heißt, wenn ich mich richtig erinnere: Sehnsucht.

Sehnsucht. Das Sehnen sucht? Das Sehnen sucht nach Erfüllung. Vielleicht schon mein ganzes Leben lang? Ja, sicher. Ohne Sehnsucht ist nichts, das in meinem Leben geschah und geschieht, wirklich zu meinem Leben gehörig. Es gibt, ganz klar, bei mir wie wohl bei Jeder und Jedem auch Dinge, nach denen sich niemand sehnt: Abschiede, Jobcenterbürokratie, Datenträgerfehler, defekte Geräte, Zank und Streit. Selbst wenn in einem Konflikt um etwas gerungen wird, das ich ersehne – den Konflikt selbst ersehne ich nur selten.

Sehnsucht ist … ja, stimmt das überhaupt? Ist Sehnsucht wirklich eine Sucht? Sucht “bezeichnet in der Medizin das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums.” (Quelle: Wikipedia) Der Begriff “Sucht” wird heutzutage in den Fachsprachen nicht mehr verwendet, er wurde zuerst auf Mißbrauch und Abhängigkeit und zuletzt auf vier Klassen des Gebrauchs verändert. Und wenn ich mir diese ansehe (z. B. in dem zitierten Artikel bei Wikipedia), dann ist Sehnsucht in keiner der vier Gebrauchsklassen zuhause.

Aber Sehnsucht ist auch Leiden (und von dem her, vom “siechen”, kommt das Wort Sucht). Denn Sehnsucht ist zwar ein menschliches, oft sogar mit der Vorstellung von seiner Erfüllung verschönertes Verlangen, doch das Ziehen in meinem Herzen macht mir auch deutlich, daß mir etwas fehlt, ich mich nach etwas oder jemandem sehne. Und das tut manchmal weh.

Manchmal habe ich Sehnsucht nach Dingen und Menschen aus meiner Vergangenheit, nein, aus meinen Vergangenheiten. Sowohl meine Ausweispersönlichkeit als auch ich wissen da um einige schöne, glückliche Momente, die wir gern wiedererleben wollen. Weiterzuleben wünschen sogar. Aber dann komme ich daher und weiß und sage, daß nichts davon wiederholbar und weiterlebbar ist. Damit zwang und zwinge ich mich und meine Ausweispersönlichkeit (vor allem seit fünf Jahren), unerfüllbar gewordene Hoffnungen, schmerzendes Zurücksehnen aufzugeben, mich von ihnen zu verabschieden. Danach wird das Erinnern auch leichter, weniger schmerzlich; aber es funktoniert eben nicht mit allem Vergangenen, dessen Wiederkehr wir ersehnen.

Sehnsucht. Sie ist ja doch “ein inniges Verlangen nach einer Person, einer Sache, einem Zustand oder einer Zeitspanne, die/den man liebt oder begehrt. Sie ist mit dem schmerzhaften Gefühl verbunden, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können.” (Quelle: Wikipedia) Sie ist die Krankheit des schmerzlichen Verlangens. Und dieses bleibt auch dann so, wenn ich einmal ausnahmsweise um die baldige Erfüllung einer meiner Sehnsüchte weiß!

Sehnsucht ist zwar hoffendes, aber doch schmerzliches Verlangen. Nicht im heutigen Sinne einer Forderung, einer dreisten Forderung, sondern in dem des romantische Verlangens, des Sehnens … Immer mit erhoffter Freude, erwartetem Glück, erwiesener Gunst verbunden …

Sehnsucht. Am besten zukunftsgerichtet.

Vielleicht auch auf morgen.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 24. Februar 2016 waren leckere Numirosougvk, wiedergefundene Datenträger, viel am Rechner erledigte Arbeit.
 
Tageskarte 2016-02-25: Die Neun der Kelche.

© 2016 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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7 Antworten zu Nº 056 (2016): Siechtum und Sucht.

  1. Sofasophia schreibt:

    Mehr Suche als Sucht ist sie für mich, die Sehnsucht, die Suche nach jenem, das das Sehnen erfüllt vielleicht?

    Und sie ist leider und gefährlicherweise eine sehr nahe Verwandte der überhöhten Erwartung.

    Vielleicht darum mein Wunsch oder meine Sehnsucht danach, eines Tages ohne sie zu leben?

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  2. zweitesselbst schreibt:

    Ich denk ja, es ist die Sehnsucht nach einem guten Leben.

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  3. Elvira schreibt:

    Du hast meine gerade mit diesem Text freigesetzt. Während des Lesens verließ sie das vermeintlich sichere Versteck und hält nun tentakelgleich mein Herz gefangen, füllt mit ihrer Präsenz den ganzen Bauch aus. Komisch, meine Sehnsucht kann ich eindeutig dort veorten (obwohl sie nichts mit Essen zu tun hat).

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