Nº 061 (2016): Das Modell.

Treffen mit Künstlern und Folgen

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Sie hatte sich geschworen, daß sie nie eine Affäre mit einem gebundenen Mann anfangen würde. Aber das war, bevor sie ihn, den Künstler und Ehemann und Vater dreier Kinder, bei diesem Malerei-Seminar traf. Besser gesagt: als Aktmodell vor ihm und sieben weiteren Frauen und Männern stand und lag. Er saß genau in ihrem Blickfeld, hatte seine Staffelei immer so stehen, daß er nur den Kopf nach rechts wenden mußte, um sie mit seinen grünen Augen neugierig liebkosend anzusehen. Sie konnte sogar seine Hände beobachten, wie sie über das Papier huschten. Und sie sehnte jeden seiner Blicke herbei, wie sie es noch nie als Modell tat.

Am Abend bemerkte sie, daß sie und die teilnehmenden Künstler im gleichen Hotel untergebracht waren. Plötzlich stand er am Buffett hinter ihr. Seine Hand berührte ihre, als sie nach den Mandarinen griff und sich zwei auf ihren Teller legen wollte. Sie sahen sich in die Augen und schlossen die Zufälligkeit dieser Berührung aus. Der Rest des Abends und des Malworkshops konnte sie seinen Blick und seine Hände tatsächlich spüren, auf ihrer Haut, in ihrer Seele, in seinem Bett, im Atelier, im Garten, im Pool, in jeder freien Minute. Sie ließen sich Zeit zum Sprechen und Zuhören und Atmen und Schweigen. Da waren Nähe und Fülle und Vertrauen im Übermaß, überall und ganz besonders zwischen ihr und ihm.

Bis gestern …

Das Kribbeln auf der Haut und die Bewegung im Herzen blieben bei ihr auf dem Weg. Zuhause versuchte sie, soviele Erinnerungen als möglich zu notieren, legte die engbeschriebenen Blätter zwischen die drei von ihm gemachten Skizzen von ihr, die er ihr zum Abschied schenkte. Am Abend schob sie alles zusammen unter ihre Schreibtischunterlage und ging schlafen.

Die erste Nacht zuhause. Nach dem fast an Ertrinkende erinnernden Suchen nach dem und Festhalten am Andern im Hotelbett war sie (und auch die Nacht) besonders einsam. Sein Hilferuf heute mittag kam überraschend und war soooo schön (nur um nicht “süß” zu benutzen). Zum ersten Mal nannte er sie in einer seiner Nachrichten Liebste. Gestand ihr die Rolle zu, die er seit der Berührung bei den Mandarinen in ihrem Leben hatte. Die sie – weil er ja verheiratet war und ist – in seinem Leben nie innehaben würde, glaubte sie. Er fehlte ihr. Seine Stimme fehlte, seine Hände fehlten. Sein Atmen in ihrem Nacken, seine Zunge an ihrem Hals, seine Haut auf ihrer Zunge. Ihre Wohnung wirkte leer ohne ihn, der doch noch nie hier war.

In ihr sind so viele Fragen zur vergangenen Zeit, zu seiner Angst vor seiner eigenen Unzulänglichkeit. Fragen, die sein Erzählen in ihr hinterließ. Auch solche, die ihr eigenes Verhalten ihr stellte. Am Telefon gestand er ihr, daß ihre Stimme ihm die Nähe ihrer Begegnungen – er nannte die Zeit ihres Zusammenseins wirklich so – in den Bauch zauberte. Sie konnte nicht viel sagen, nur genießen konnte sie. Und sich erinnern.

Und sie konnte ihm glauben, als er sagte: Innen ist das schon lange so, auch außen wird es so werden, und es wird hoffentlich lange so bleiben.

 

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 29. Februar 2016 waren gute Nachrichten, Notiertes, Sortiertes.
 
Tageskarte 2016-03-01: Der Bube der Münzen.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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Eine Antwort zu Nº 061 (2016): Das Modell.

  1. Sofasophia schreibt:

    Hach. ☺️

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