Nº 071 (2016): An der Kante entlang.

Horror aus meiner Feder.

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Über das Züchten von Defiziten und depressiven Gedanken
 

Als er am Morgen bemerkte, daß er den liebgewordenen Anruf um über eine Stunde verschlafen hatte, schalt er sich einen Trottel, der zu blöd war zum Weckerstellen. Kurz darauf sprachen sie doch miteinander, aber er hatte wohl irgendwann irgendetwas Falsche gesagt. Als er, noch immer müde vom gestrigen Tag und einer viel zu kurzen Nacht, dann ihre Nachrichten nicht bemerkte, sondern erst bei einem Anklingeln von ihr kurz registrierte, daß da etwas war, fühlte er sich schuldig, schonwieder zuwenig Aufmerksamkeit auf sie gelenkt zu haben. Nach diesem Gespräch erst las er, daß er am frühen Vormittag nichts Falsches gesagt hatte, sie sich aber in diesem Moment vom Gesagten zu sehr abgelenkt gefühlt hätte; vielleicht hatte er sie auch – ungestehbar – zu sehr gedrängt (und das betrachtete er als eine seiner Todsünden: sie zu irgendetwas zu drängen). Dann sah er, daß sie Nachrichten in einer gemeinsam genutzten Internetplattform schrieb: Aber er bekam keine, also war er wohl doch nicht so wichtig für sie, jedenfalls nicht so wichtig wie sie für ihn. Was er auch tat an diesem Tag: Alles war überschattet von seinem Eindruck, bei ihr und mit ihr versagt zu haben. Was er auch schaffte an diesem Tag: Nichts davon war für ihn von Wert. Und das wurde noch schlimmer, als er am Nachmittag wieder mit ihr sprach. Er wurde ärgerlich, fast wütend, weil sie ihn immer wieder in seinem Redefluß, seinem Mitteilungsbedürfnis unterbrach – etwas, das er selbst viel zu oft mit ihr tat, wie er wußte. Und so versuchte er mit der völlig untauglichen Methode “unterbrichst Du mich, fang ich nochmal von vorne an” sie auf seine Unzufriedenheit mit dem, was er an diesem Tag bisher gemacht hatte, hinzuweisen. Doch das konnte nicht funktionieren … An dem Punkt, da er das Gespräch im Normalfall und am liebsten mit einem den-Hörer-krachend-auf-die-Gabel-Werfen beendet hätte, war er sich seiner Unwertheit vollkommen bewußt.

Es gelang ihm, nicht aufzulegen. Er stammelte Dinge, von denen er selbst nicheinmal die Hälfte verstand, versuchte, sich in ein streng rationales Denken und Verhalten zurückzuziehen und konnte es mit seinem schwerzenden Herzen und seiner angekratzen Seele doch nicht tun. Rausschreien hätte er müssen, was da schwarz und rasiermesserscharf in ihm wütete, einen schmerzhaften Schnitt neben den anderen setzte. So müssen sich Möhren fühlen, wenn ein Starkoch sie stiftelt, dachte er. Und versuchte zu retten, was seiner Meinung nach nicht zu retten war. Verkniff sich wichtige Sätze, untersagte sich die Bitte um Verzeihung (die er seiner Meinung nach ja sowieso nicht verdient hatte) und machte Vorschläge, die – nun ja, wer weiß, ob er überhaupt noch Gelegenheit bekommen würde, sie auch nur ansatzweise in die Tat, in seine Handlungs- und Sprechweise umzusetzen. Am Ende des Gespräches war sie es, die auflegte; und dieses Auflegen war ein neuer Tritt in die Magengrube.

Er stand zwei Stunden in der Küche und schärfte zwei Messer. Eine eintönige, beinahe rein mechanische Tätigkeit, bei der er nicht denken mußte. Er konnte sich ganz auf den Stahl und den Stein und seine Bewegung konzentrieren. Langsam kam er so weg von der Abbruchkante der Steilküste, an der er sich schon den ganzen Tag zu gehen glaubte. Er wartete auf die nächsten Lebendzeichen von ihr – die sah er auch, aber sie waren wieder nicht an ihn gerichtet; und als er selbst totz seiner Scham und Minderwertigkeit Nachrichten an sie schrieb, wartete er endlos auf eine Antwort … Die enthielt dann auch noch ihre Selbstzweifel und Selbstbezichtigungen, die ganz allein auf sein eigenes Fehlverhalten zurückzuführen waren. Da setzte er sich endlich hin und schrieb. Schrieb sich den Frust vom Leibe, ging hinunter vor das Haus und verbrannte die gerade beschriebenen Blätter und einige andere auch. Zum Discounter aber ging er nicht, wie er eigentlich wollte und doch nicht wollte. Nein. Er kehrte in seine Wohnung zurück, legte sich ins Bett und weinte tränenlos und leise vor sich hin, immer mit einem Ohr auf irgendein Signal von ihr wartend und doch nicht wartend, denn an diesem Tag, an diesem Tag hatte er sie endgültig verprellt mit seiner Dummheit und Gier und Geltungssucht – immer an der Abbruchkante der Steilküste entlang stapfend und alle paar Sekunden deren Stabilität durch heftiges Auf-der-Seele-Herumtrampeln testend … Der Selbstzweifel schoß ins Kraut.

 

 

Nein. Kein reales Erleben. Mögliche Erlebnisse und Gedanken der schon längst vergangenen Vergangenheit.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 10. März 2016 waren viele gescannte Sachen, gelöste Verwirrungen, wundervolle gelesene Worte.
 
Tageskarte 2016-03-11: Der König der Münzen.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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11 Antworten zu Nº 071 (2016): An der Kante entlang.

  1. puzzleblume schreibt:

    Sehr gute Beschreibung der Social-media Verletzungen, die nicht verstehen kann, der die entsprechende Konditionierung selbst nicht hat, und nicht mal dann, weil dann noch das „dann hätte er / sie es doch wissen müssen, wie es wirkt“ und das Unterstellen absichtvoller Strafe dazukommt – ein Elend, von dem man sich nur schwer befreien kann.

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  2. Kai Dörfner schreibt:

    Schon spannend, wie kompliziert wir Menschen denken und empfinden können. Was das uns evolutionär wohl als Vorteil brachte…?

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    • Der Emil schreibt:

      Es verhindert einiges. Im normalen Umfang den einǵenen Tod, in diesem (meinem) Fall vernünftige Reaktionen (Selbstabwertung, Selbstzweifel, Selbstbezichtigung im Übermaß funktionieren).

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  3. Sofasophia schreibt:

    Puh, jetzt hatte ich schon heftiges Herzklopfen. Dann: nicht erlebt.

    Aber dennoch kennst du es – von früher. Gut beschrieben, beklemmend, nachfühlbar.

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  4. petra schreibt:

    So viel Horror ist das gar nicht – manchmal übertrifft die Realität alles…

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