Nº 078 (2016): Gedanken lesen.

Wie jetzt: Gedankenlesen oder Gedanken lesen?

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Viel zu viele Gedanken mache ich mir, ganz sicher viel zu viele. Vor allem über Dinge, die ich kaum beeinflussen kann. Dinge, die in der Verantwortung anderer Menschen liegen. Über Dinge, die andere schon längst durchdacht, erledigt, ausgesprochen haben zum Beispiel. Oder aufgeschrieben. In Büchern, in Zeitungen und Zeitschriften, in Magazinen oder im Internet, oder auf Einkaufszetteln, die ich auf der Straße finde. Über gelesene Dinge also. Nur Flugblätter und – wie sie neudenglisch heißen – Flyer lese ich sehr, sehr selten; auf denen finde ich viel zu selten Dinge, die mich zum Nachdenken reizen.

Bei dieser Ulla Hahn zum Beispiel, bei diesen Romanen um Hilla Palm wußte ich vorher nicht, was mich erwartet. Die ersten beiden Bände der Trilogie waren auch wirklich spannend, zum großen Teil Unterhaltung, aber doch immer mal wieder einen Satz, eine Passage zum “Aha! So ist das! So war das ja auch bei mir!”-Nachdenken. Und im dritten Band, in dem bald zuendegelesenen Buch “Spiel der Zeit”, da finde ich … Nunja. Sachen, über die ich nicht nachdenken möchte, nicht nachdenken kann, wenn ich meine Psychohygiene – was für ein bescheuertes Wort das doch für den Schutz meiner seelischen Gesundheit ist! – einigermaßen ernstnehmen will. Jaja, dieses ganze Thema APO, SDS, Mao, Dutschke und Notstandsgesetze, das kann ich nicht ertragen, wirklich nicht, das ist fast so schlimm wie Kriege und Nationalsozialismus. (Deshalb habe ich auch LTI beiseitegelegt.)

Aber es finden sich auch in diesem Buch viele Sätze und Gedanken über den Schriftsteller, den Dichter und die Sprache. Und über Wahrhaftigkeit und aufrichtiges Entschuldigen. Und je weniger mir das Wie ihres Schreibens gefällt, um so mehr Zitierwürdiges entdecke ich da. Um so mehr nachdenkenswerte Einzelheiten fand ich in der mir plötzlich so spießig erscheinenden Geschichte von Hilla und Hugo. Zu viel. Zu viel, um hier Zitat um Zitat anzuführen, alles auf einmal. Aufgeschrieben, abgeschrieben habe ich sie mir, die Sätze, die Absätze, die Halbsätze, Haupt- und Neben- und Ansätze … Gedanken lesen.

 

Und manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, den einen oder anderen Gedanken direkt aus dem Gehirn eines anderen Menschen lesen zu können. Ich kenne da so zwei, drei … -hundertsiebenundzwanzig Situationen, in denen mich echt heftig interessieren würde, was die Frau neben mir wirklich denkt … Gedankenlesen.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 17. März 2016 war das fertige Netbook.
 
Tageskarte 2016-03-18: Das As der Schwerter.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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6 Antworten zu Nº 078 (2016): Gedanken lesen.

  1. puzzleblume schreibt:

    Gedanken zu lesen einerseits und Gedankenlesen andererseits, das wäre, wie eine perfekt zubereitete Tasse Kaffee serviert zu bekommen, und einmal mitsamt des Inhalts der geplatzten Filtertüte.

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    • Der Emil schreibt:

      Es gibt Liebhaber, die ihren Kaffee nur türkisch trinken …

      Für mich ist der Unterschied eher zwischen roh und kunstvoll zubereitet, aber ja, irgendwie so, wie du schreibst, kann es auch sein.

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      • puzzleblume schreibt:

        Das wäre für mich ein gravierende Unterschied zum „Unfall“: Zu wissen, dass unten in der Tasse, dieses gewisse kleine Schlückchen Zuckermischung mit gerade eben noch trinkbarem Feinsatz wartet, bevor das griessige Ungeniessbare kommt, das wäre dann schon Liebe ohne Zweifel.

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      • Sofasophia schreibt:

        Zwischen roh und kunstvoll zubereitet? Echr? Das befremdet mich jetzt. Es ist doch um viel mehr als das. Es geht da auch um privates und teilbares, um teilbares und unteilbares – ich meine betreffend der Inhalte, nicht nur betreffend der Form.
        Geheimes also, nicht weil es peinlich wäre oder ich mich schämen würde, eher weil ich dafür bin, dass wir Menschen mit all den Medien schon viel zu viel (auch Banales) teilen und wir gut daran täten, wieder mehr „privat“ zu fühlen, mit uns und bei uns zu sein.

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  2. Sofasophia schreibt:

    Zwar möchte ich auch manchmal die Gedanken anderer lesen, doch bin ich ja froh, dass es nicht geht und so auch niemand meine lesen kann.

    Zu Ulla Hahn/Hilla: Ich lese es ganz anders, merke ich, als du. In ihren politischen und „spießigen“ Momenten sehe ich einfach einen Menschen auf der Suche nach Echrheit. Sie schreibt unglaublich authentisch, schonungslos ehrlich und dennoch liebevoll – was (letzeres) mir z.B. bei Knausgård fehlt.

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  3. Gudrun schreibt:

    Ich bin ganz froh, dass ich keine Gedanken lesen kann. Die, die mir nicht wohlgesonnen sind, „höre ich nicht“ und die, denen ich egal bin, die bleiben ein Neutrum. Alle anderen, die kommunizieren wollen, die tun es dann schon. Gut so.
    Ulla Hahn wird dich bestimmt noch eine Weile beschäftigen.

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