Nº 081 (2016): Schreiben außerhalb der Normalität.

Vor Aufregung zu ungeduldig für den Stift

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Vor lauter Aufregung kann er nichts mehr tun. Sitzt nur noch am Tisch, am Rechner, lenkt sich ab, indem er Texte in die Tastatur hämmert. Viele Texte, kurze Texte. Früher, in der Zeit vor den Computern, lägen neben ihm auf dem Boden unzählige zerknüllte Blätter, höchstens halb beschrieben. Vielleicht hätte er auch schon den einen oder anderen Stift zerbissen! Zwischendurch nimmt er trotzdem einen Füller in die Hand, einige Sätze will er auf dem Papier notieren, in einer Kladde. Die benutzt er normalerweise für seine Texte, oder wenigstens ein paar Schmierzettel. Heute aber bricht er jedesmal nach dem ersten oder zweiten Wort ab. Trotzdem: Er hat schon zuviele Sätze verloren, weil er sie nur im Computer hatte, nicht auf Papier, und seine Festplatten haben noch nie so lange durchgehalten wie seine Kladden, Zettel, Hefte. Heute ist seine Aufregung zu groß, heute kann er allerhöchstens die Tastatur nutzen, weil seine Gedanken für den Stift zu unruhig sind, weil er für das Papier zu ungeduldig ist. Wahrscheinlich wird er danach einiges vom Computer abtippen, nein: abschreiben, um es in seinen Notizbüchern für lange Zeit gut aufgehoben zu wissen.

Wie ein Schuljunge. Aufgeregt. Wie vor dem ersten Mal. Wie vor einer großen Reise (die er übrigens noch nie gemacht hat). Und immernoch bis morgen warten, also eineinhalbmal schlafen – eher zwei halbe Male, so nervös, wie er ist. Früher hätte er auch … Ja, er hätte sich Schnaps besorgt, hätte getrunken, gesoffen, viel gesoffen in der Hoffnung, daß er irgendwann besoffen in einen traumlosen Schlaf fiele. Aber das war einmal, damit hatte er nie Erfolg. Das brachte nur unnötigen Ärger ein. Er hörte irgendwann auf damit, und gleichzeitig begann er wieder zu schreiben, erst “nach Bedarf” und unregelmäßig; irgendwann hatte er dann immer Stift und Notizbuch dabei und schrieb in jeder Situation. Das Schreiben wurde zum täglichen Ritual, zum Bedürfnis, wie es früher der Schnaps war. Eine Sucht? Ja, Schreiben ist ihm mittlerweile eine Sucht, aber eine, die ihn auch dazu drängt, das Geschriebene herzuzeigen, in die Welt hinauszugeben.

Die direkt in den Rechner gehämmerten Texte werden nicht zu denen gehören, die er wie üblich freiläßt. Die bleiben privat. Oder sie wandern in einen anderen Kanal, werden als Texte eines anderen gelten, eines Menschen, mit dem er nichts, gar nichts gemein hat, wie die Welt glauben soll und auch noch glaubt (hofft er). Eine der besten Ideen, die er je hatte, waren seine streng getrennten verschiedenen Schreiberpersönlichkeiten. Und streng getrennt heißt wirklich streng getrennt: Fiktive Avatare, unvereinbare Mailadressen, verschobene Biografien, unterschiedliche Lebenseinstellungen. Wirklich verschiedene Personen mit unterschiedlichen Umfeldern. Nur eine einzige Ausnahme von dieser absoluten Trennung existiert, von der wissen aber auch nur sehr, sehr wenige Menschen. Zwei, soweit er sich erinnern kann, von denen eine bestimmt keine Erinnerungen mehr an die Offenbarung des nicht zu offenbarenden hat. Außer ihm selbst weiß nur eine einzige Person davon, eine. Von dieser einen Ausnahme. Sonst kennt niemand sein Geheimnis, seine verschiedenen Persönlichkeiten. Ah, doch, da ist vielleicht nochjemand, der zwei Schreiber kennt, ihn und die Pornoschreiberin, vielleicht ist da jemand; aber vielleicht hatte er es damals auch geschafft, die Kombination nicht gelingen zu lassen. Er bleibt dabei: Nur ein Mensch weiß, daß da mehr ist.

Nur ein Mensch.

Und jetzt hat er sich fest vorgenommen, einem weiteren Menschen Einblick zu gewähren. Nicht in alles, aber in diese eine Ausnahme – und in seine Kladde(n). Morgen Abend wird es soweit sein. Noch zwei halbe Male schlafen bis dahin … Vielleicht passieren auch noch ganz andere Dinge, nach denen er sich seit Wochen sehnt.

 

 

Die Person und die Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit der Realität sind rein zufällig und keineswegs beabsichtigt.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 20. März 2016 war eine erleichternde Erkenntnis.
 
Tageskarte 2016-03-21: VI – Die Liebenden.

© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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2 Antworten zu Nº 081 (2016): Schreiben außerhalb der Normalität.

  1. alltagsfreak schreibt:

    Schön geschrieben. An einigen Stellen erkennen sich so Viele Blogschreiber bestimmt wieder :) Man müsste auch Vieles mit der Hand niederschreiben. Ich wünsche Dir eine schöne neue Woche.

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    • Kai schreibt:

      In der Tat. Ich schreibe vieles tatsächlich noch per Hand, allerdings ers seit einer Weile. Ansonsten ist es bei mir eher so, dass ich auf Papier schreibe (nicht in meine Kladde), wenn die Worte rausmüssen. Dann ändere ich auch selten etwas beim Abtippen. Aber Geschichten oder konstruierte Gedichte schreibe ich lieber am Computer oder Handy. Einfach, weil ich dann viel ändere und kein Papier verschwende am Ende. Ist auch einfacher.

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